Sauber-Diesel gibt's schon lange

Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr auf der Corneliusstraße in Düsseldorf

Sauber-Diesel gibt's schon lange

"Heilsversprechen", "Revolution", "Diesel-Wunder": Wie besoffen sind viele von der neuen Bosch-Abgasreinigung. Sie ist top, aber saubere Diesel gibt es längst. Der Skandal ist, dass die Stinker weiter verkauft wurden.

Kurze Orientierung zu Stickoxid-Werten am Auspuff. Bei den vielen Zahlen kann einem ja schnell schwindelig werden. Auf dem Prüfstand sind 80 Milligramm pro Kilometer Fahrtstrecke erlaubt. In der Praxis, auf der Straße, stoßen Dieselautos nach der aktuell gültigen Euro-6-Abgasnorm aber rund 500 Milligramm aus, also etwa das Sechsfache. Diese hohen Emissionen sind mitverantwortlich für die Probleme mit der Luftqualität in vielen Städten.

Bald gilt Euro-6d-temp

Also: 80 Milligramm auf dem Prüfstand, 500 auf der Straße – das ist die Realität. Für die Zukunft ist geplant, dass Diesel auf der Straße nur noch 168 Milligramm rauspusten dürfen. Die Norm nennt sich Euro-6d-temp, wobei „temp“ für temporär stehen dürfte. Es ist also ein Provisorium. Jedenfalls sind diese 168 Milligramm NOx pro Kilometer ab September 2019 Pflicht für alle Diesel Neuwagen.

Deutscher Lobbyismus für großzügige Grenzwerte

Festgelegt wurden diese 168 Milligramm Ende 2015 auf europäischer Ebene – mit viel Lobbyismus pur im Hintergrund. Die Industrie soll damit gedroht haben, dass in deutschen Automobilwerken die Lichter ausgehen, wenn der EU-Plan von 128 Milligramm umgesetzt würde. In der Presse war zu lesen, dass am Tag der Entscheidung Bundeskanzlerin Merkel EU-Kommissionpräsident Juncker angerufen hat, um 168 statt 128 Milligramm durchzusetzen.

Die BOSCH-Sensation?

Und nun kommt Bosch mit einem modifizierten VW-Diesel um die Ecke, der im praktischen Fahrbetrieb bei nur 14 Milligramm liegen soll. Wenn das alles so stimmt, sicherlich eine technische Leistung, die Respekt verdient. Aber keine Revolution. Denn saubere Diesel gibt es schon lange.

Mit vernünftiger Abgasreinigung klappt‘s

Vor Bekanntwerden des VW-Abgasskandals kam im Mai 2015 eine Studie der niederländischen Forschungsorganisation TNO. Von sechs untersuchten Euro-6-Dieseln erwies sich schon damals ein Fahrzeug als besonders sauber. Der Diesel hinter der Chiffre O1 blies auf einer Referenzfahrt pro Kilometer nur 79 Milligramm NOx in die Luft. D.h. saubere Diesel waren möglich – und jede Aufweichung der Grenzwerte ein Geschenk an die Autoindustrie. Das bestätigen die vielen NOx-Testfahrten, die seitdem gemacht wurden. Nur ein Beispiel: Der ADAC bescheinigte einem Mercedes-E-Klasse-Diesel NOx-Werte im Bereich von 30 Milligramm. Wohlgemerkt: Vor mehr als einem Jahr und gemessen im realen Verkehr.

Der Skandal ist die Heiligsprechung von Euro-6

Der Großteil der Euro-6-Autos entsprach nicht dem Stand der Technik. Die Zeitschrift „AutoBild“ spricht von „Euro-6-Schrott“. Offenbar um dessen Absatz nicht zu gefährden, machte die Industrie aus den realen Abgaswerten ein Geheimnis und drückte Alt-Diesel in den Markt, zusätzlich befeuert durch die so genannte „Umweltprämie“. Die Folgen sind verheerend: Von den knapp 4,5 Millionen Euro-6-Dieselfahrzeugen auf der Straße dürften die allerwenigsten sauber sein. Obwohl das technisch möglich gewesen wäre, lange vor dem vermeintlichen Diesel-Wunder von Bosch.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 26.03.2018, 06:00