Steinzeitjagd gegen zu viele Wildschweine

Steinzeitjagd gegen zu viele Wildschweine

Von Katja Goebel

Wildschweine vermehren sich rasant und können außerhalb der Wälder enorme Schäden anrichten. Klimawandel und Kulturlandschaften begünstigen beides. Deshalb raten auch Forst-Ökologen zu einer Jagd, die sich der Sozialstruktur und dem Verhalten der schlauen Tiere anpasst.

Seit Jahren ist das Schwarzwild bundesweit auf dem Vormarsch. Im Herbst 2016 ist auch in NRW wieder häufig von "Plage" die Rede, wenn es um Wildschweine geht. Meist dann, wenn wieder irgendwo eine Wildschweinrotte den Menschen zu nahe gekommen ist, die Tiere private Gärten, Friedhöfe oder Felder plündern oder sogar in Städten gesichtet werden. Doch warum werden die Schweine scheinbar immer mehr und warum verlassen sie so häufig den Wald?

Zuwachsraten bis zu 300 Prozent

"Wir haben aktuell einen vergleichsweise hohen Bestand. Aber das, was wir diesen Herbst sehen, entspricht einer Situation, die in den letzten 30 Jahre immer wieder mal vorkam", erklärt der Biologe Michael Petrak, der im Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung leitet.

Deshalb zunächst ein paar Zahlen: Wildschweine haben eine enorme Zuwachsrate von 200 bis 300 Prozent im Jahr. Zu zwei erwachsenen Wildschweinen kommen im Frühjahr rund sechs Frischlinge dazu. In der Jagdsaison 2015/2016 sind laut Lanuv rund 34.000 Tiere in NRW erlegt worden. Zum Vergleich: In der Saison 2013/2014 waren es rund 22.000. An diesen Zahlen der erlegten Tiere machen die Experten am Ende fest, wie es gerade um die tatsächliche Population bestellt ist. Man kann die Schweine eben schlecht durch zählen. Aber nach der Jagd bleibt ein relativ stabiler Grundbestand zurück: "Wir haben einen Wildschweinbestand, der sich im Jahr irgendwo so zwischen 8.000 und 15.000 Tieren einpendelt", schätzt Petrak. Ihr Lebensraum sind vor allem die großen Waldgebiete von der Eifel über das Siebengebirge bis zum Bergischen Land und hin zum Sauerland. Sie kommen im Teutoburger Wald und der Senne vor, leben aber auch im Tiefland - zum Beispiel bei Kleve, Wesel oder im Münsterland.

Viele Früchte, viele Schweine

Ist das Nahrungsangebot übergroß, steigt auch die Schweinepopulation. Daran ist der Mensch nicht unschuldig. Der Autoverkehr sorgt für hohen Stickstoffgehalt in der Luft und das sorgt für schneller wachsende Bäume. "Der Stickstoff wirkt wie Dünger. Ist ein Baum gut genährt, kann er öfter Früchte bilden." Gab es früher das so genannte "Mastjahr" - also das Jahr, in dem Bäume besonders viele Samen und Früchte ausbilden - nur alle sieben bis zehn Jahre, so gebe es dies heute schon alle zwei Jahre. Und eine Baummast bedeutet immer üppiges Futter für das Schwarzwild. Milde Winter und Früchte tragende Waldbäume machen Wildschweine aber nicht nur satt. Wenn sie schneller wachsen, werden sie auch schneller geschlechtsreif.

Felder als Fast-Food-Lokale

Photographie von einem Maiskolben mit Maisfeld

Ernergiereich und leicht zu erbeuten: Mais

Zur Nahrung im Wald brauchen Wildschweine zusätzlich Eiweiß. Auf der Suche nach Mäusen, Larven und Käfern zieht es sie aus dem Wald in die Wiesen. Und noch ein anderes Phänomen beschreibt Petrak. Bei intensiver Landwirtschaft werde zwar die Pflanzenvielfalt weniger, aber dafür werde das Nahrungsangebot umso energiereicher. "Wenn der Wald für das Wildschwein das Reformhaus ist, dann sind die Felder für sie die Fast-Food-Restaurants." Maisfelder stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Dabei fressen sich die Tiere auch noch von innen nach außen durch den Acker und lassen einen Sichtschutz zum mutmaßlichen Feind (das war ursprünglich mal der Wolf) stehen. Das Feld sei Wohnzimmer und Esszimmer in einem. Fällt der Fraßschaden auf, ist es meist längst zu spät. Private Gärten hingegen nutzten die schlauen Schweine als geschützte Selbstbedienungsläden - weil sie in Siedlungen nicht bejagt werden. "Sie lernen schnell, dass ihnen dort nichts passieren kann."

Intelligente Schweine schlauer bejagen

Erlegte Wildschweine

Erfordert viel Geschick: Die Jagd auf Wildschweine

Doch wie kommt man dem intelligenten Tier nun besser auf die Schliche und wie könnte man sie effektiver bejagen? Die Jagd müsse sich besser der Sozialstruktur und dem Verhalten der Tiere anpassen, sagt Michael Petrak. "Wenn viele junge Tiere da sind, müssen auch viele junge Tiere geschossen werden. Wenn man dem Menschen auf dem Hochsitz freistellt, was er erlegt, dann entscheidet er sich nicht für den Frischling, sondern für das größere Stück Wild. Das dient aber nicht der Begrenzung." Die Abschussquote bei den Frischlingen (Wildschweine in einem Alter bis zu einem Jahr) läge bei 60 bis 70 Prozent, müsste aber bei 75 bis 80 Prozent liegen.

"Steinzeitjagd" statt Aufrüstung

Eine Wildschweinfamilie, die im Wald nach Nahrung sucht.

Geselling: Wildschweinfamilie beim Schlammbad

Von technischer Aufrüstung, wie zum Beispiel Nachtsichtgeräten für Jäger, hält Petrak nicht viel. Das mache die Jagd nur noch komplizierter. In Belgien gehe es zum Beispiel auch ganz ohne Nachtjagd, die dort verboten sei. Dort haften auch die Waldjäger für die Wildschäden im Feld. Dies führe dazu, dass auch der Wildschweinbestand noch deutlicher reduziert werde. Wie soll man es also machen? Petrak bevorzugt da die Methode "Steinzeitjagd". "Mit ein, zwei Leuten ruhig durch die Bestände gehen und die Tiere leise vor den Schützen treiben." Dazu müsse man mit dem Wild- und Lebensraum sehr gut vertraut sein. Der Vorteil: "Man stört die Tiere nicht so sehr und sie werden nicht noch vorsichtiger." Werde hingegen der Druck auf die Tiere zu groß, verlagerten sie ihre Aktivität in die Nacht. Außerdem sollte man Revier übergreifend jagen. "Merkt ein Schwein, dass gejagt wird, wechselt es ins Nachbarrevier und kommt zurück, wenn die Jagd vorbei ist."  

Bloß nicht füttern!

Dem Gartenbesitzer, der sich um seine Rabatten und Rasenflächen sorgt, rät der Biologe zum stabilen Zaun und appelliert außerdem an den gesunden Menschenverstand. Wer niedliche Frischlinge anfüttere, brauche sich nicht zu wundern, wenn die Tiere zum Dank den Garten umgraben. 

Apropos umgraben: Bei all den flegelhaften Gewohnheiten der Wildschweine bleibt noch zu sagen, dass sie für das Gleichgewicht des Waldes gerade durch Buddeln und Wühlen beitragen. Sie lockern die Erde auf und sorgen durch ihre Ausscheidungen für eine optimale Samenverteilung der Pflanzen. Außerdem gehören Wildschweine zur "Gesundheitspolizei" im Wald, weil die Aas fressen.

Stand: 26.10.2016, 13:30

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