Die arktischen Wildgänse sind da

Die arktischen Wildgänse sind da

Von Katja Goebel (Text) und Hans Glader (Fotos)

Großes Geschnatter am Niederrhein: Zehntausende Wildgänse sind zum Überwintern in den Auenlandschaften gelandet. Naturfotograf Hans Glader dokumentiert das Schauspiel seit Jahren.

Blässgans im Landeanflug

Ein schönes Spektakel ereignet sich Jahr für Jahr am Niederrhein: Abertausende Wintergäste finden sich im Herbst in den satten Auenlandschaften ein - arktische Gänse. Unter ihnen sind Blässgänse, Saatgänse, Weißwangengänse oder die seltene Rothalsgans.

Ein schönes Spektakel ereignet sich Jahr für Jahr am Niederrhein: Abertausende Wintergäste finden sich im Herbst in den satten Auenlandschaften ein - arktische Gänse. Unter ihnen sind Blässgänse, Saatgänse, Weißwangengänse oder die seltene Rothalsgans.

Die Vögel kommen aus Skandinavien oder Russland und haben manchmal eine bis zu 6.000 Kilometer weite Anflugreise hinter sich. "Für diese Gänse ist der Niederrhein wie Afrika", erklärt Vogelexperte und Naturfotograf Hans Glader, der die Gänse seit Jahrzehnten am Niederrhein beobachtet und ablichtet.

Hans Glader kennt alle Lieblingsstellen der großen Vögel. Die besten Bilder gelingen dem Naturfotografen im Morgengrauen. Geduldig wartet er oft stundenlang auf das richtige Motiv. Interessierten Besuchern empfiehlt der Fachmann geführte Exkursionen.

Wer die Gänse beobachten will, sollte sich ruhig verhalten, den Tieren nicht zu nahe kommen und möglichst ein Fernglas benutzen. Die Biologische Station im Kreis Wesel hat auf ihren Internetseiten eine Karte veröffentlicht, die gute Beobachtungsorte aufzeigt. Außerdem veranstaltet sie Busexkursionen zu den Überwinterungsgebieten der Gänse. Dieses Bild zeigt eine Rostgans.

Bis zu 200.000 Wintergänse, so schätzt Glader, kommen jährlich an den Niederrhein, um hier den Winter zu verbringen. Allein auf der Bislicher Insel bei Xanten lassen sich Jahr für Jahr bis zu 30.000 Gänse beobachten.

Das Gebiet am Niederrhein war allerdings nicht immer Gänsehochburg. Erst seit 25 Jahren kommen die Tiere so zahlreich. Warum? Was hat sich seitdem geändert? "Die Gänse brauchen in ihrem Lebensraum Gewässer. Hier am Niederrhein entstanden neben natürlichen Gewässern aus vielen Kiesgruben Baggerseen."

Die Gänse blieben auch nicht konstant den ganzen Winter über am Niederrhein. "Durch Beringungen weiß man, dass die Tiere zwischendurch auch Abstecher in die Niederlande machen - sozusagen die Verwandtschaft besuchen." In Süd- und Nordholland überwintert eine halbe Million arktischer Gänse im Jahr.

Saatgänse suchen auf den Ackerflächen in der Umgebung nach Ernteresten. Sie sind häufig am Niederrhein zu sehen. Doch Wildgänse sind scheue Gesellen. Einige im Schwarm halten immer Wache. Bei Gefahr recken sie zunächst die Hälse und kommen in Bewegung. Bleibt der Beobachter ruhig, beruhigen sich auch die Tiere schnell wieder.

Blässgänse ungestört auf einer Weide. Die Vögel fressen vornehmlich Gras. Am Niederrhein dürfen die arktischen Gänse nicht bejagt werden. Oft, so erzählt Glader, werde er aber gefragt, ob man die Gänse auch essen könne. "Bei einer 10-jährigen Gans können Sie sich ja vorstellen, wie viele Flugstunden die auf dem Buckel hat. Da können sie besser ein Kaugummi kauen, sag ich immer."

Weißwangengänse - auch Nonnengänse genannt - finden sich ebenfalls in den Auen am Niederrhein ein. "Den Weg nach NRW zu finden ist nicht angeboren, es ist erlerntes Verhalten. Die Jungen lernen die Flugrouten von ihren Eltern." Das haben sich auch längst Wissenschaftler zunutze gemacht, indem sie junge Gänse aufzogen und ihnen mit Ultraleichtflugzeugen neue Flugrouten zeigten - mit Erfolg.

Seltener, aber besonders schöner, Gast am Niederrhein: Die Rothalsgans. Für Naturfotograf Hans Glader die schönste aller Gänse. "Hauptüberwinterungsgebiet für diese Gänse ist eigentlich das Schwarze Meer. Aber in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zieht es sie immer weiter nach Westen."

Dauergäste: Die Graugänse - zu erkennen am leuchtend, orangefarbenen Schnabel - brüten mittlerweile sogar ganzjährig am Niederrhein, nachdem sie in den 60er und 70er Jahren bei Xanten wieder angesiedelt wurden. Graugänse sind die Riesen unter den Gänsen. Sie haben eine Flügelspannweite bis zu 1,80 Meter und können recht alt werden. Die älteste beringte Wildgans wurde laut Biologischer Station im Kreis Wesel 28 Jahre alt.

Hier im Winterquartier legen sich die Gänse die notwendigen Fettreserven zu, die sie für den Zug ins Brutgebiet und das anschließende Brutgeschäft benötigen. Da Gänse beim Fliegen bis zu zehnmal mehr Energie verbrauchen als in Ruhe, ist es wichtig, dass sie Ruhe finden.

Einer der Todfeinde der Gänse lebt nun auch wieder am Niederrhein und das ist eine echte Sensation. Nach 200 Jahren Abstinenz hat sich wieder ein Seeadlerpaar am Niederrhein angesiedelt. 2017 hat das Paar zum ersten Mal Nachwuchs. Wenn die großen Raubvögel auftauchen, verfallen die großen Gänse sofort in Panik. Selbst die riesigen Graugänse stehen auf dem Speiseplan der Adler.

Zwischen Februar und April beginnt die Abreise der gefiederten Wintergäste. Doch auch dann kann man an den Gänse-Hotspots - wie Bislich - noch besonders viele Gänse beobachten. Nämlich dann, wenn die Arktischen Gänse noch nicht abgereist sind und ziehende Gänse, aus dem Süden auf ihrem Flug in Richtung Norden, ebenfalls kurz am Niederrhein Rast machen.

Stand: 26.11.2017, 06:08 Uhr