Kritik an der Kronen-Methode

Zur Waldzustandserhebung

Kritik an der Kronen-Methode

Am Freitag (20.11.2015) wird der neue Waldzustandsbericht für NRW veröffentlicht. Dafür wurden die Kronen von 10.000 Bäumen begutachtet. Doch um den ökologischen Zustand des Waldes zu erfassen, reicht das nicht, finden einige Wissenschaftler.

Der Patient "Wald" wird mit dem Fernglas untersucht. Wenn der Landesbetrieb Wald und Holz in Nordrhein-Westfalen einmal pro Jahr den Zustand des Waldes misst, geht der Blick vorwiegend nach oben. Denn für die Waldstandzustandserhebung, so lautet die offizielle Bezeichnung, werden vor allem Baumkronen betrachtet. "Sie geben wichtige Hinweise auf die Baumgesundheit", sagte Michael Blaschke, Sprecher beim zuständigen Landesbetrieb Wald und Holz NRW, dem WDR. Für den am Freitag (20.11.2015) veröffentlichten Bericht 2015, wurden auf einer Fläche von 900.000 Quadratmetern exemplarisch rund 10.000 Bäume untersucht.

Waldbäume

Wald, Symbolbild

Die häufigsten Baumarten in deutschen Wäldern sind die Fichte (26 Prozent) und die Kiefer (23 Prozent). Es folgen die Laubbäume Buche (16 Prozent) und die Eiche mit 11 Prozent. Betrachtet man die deutschlandweiten Waldzustandserhebungen der vergangenen Jahre, wird folgendes Ergebnis deutlich: Der Zustand der Nadelbäume hat sich seit dem Jahr 1984 leicht verbessert, der Zustand der Laubbäume hingegen verschlechterte sich seitdem deutlich.

Die Teams der Forstbehörden vermaßen dabei die Bäume, taxierten Schäden an Holz und Blattwerk und beurteilten vor allem die Kronen. Seit 31 Jahren werden dieselben Bäume bewertet und hinsichtlich ihrer Schäden einer bestimmten Kategorie zugeordnet. Bei dieser Eingruppierung spiele zum Beispiel der Waldboden keine Rolle, erläuterte Blaschke. Die so genannte Schadstufe gibt zum Beispiel Blattverlust oder Vergilbung an. Mittlerweile liegt dem Landesbetrieb eine große Daten-Sammlung vor, die jedes Jahr um aktuelle Werte erweitert wird.

Zweifel an Aussagekraft

Einige Wissenschaftler allerdings bestreiten die Aussagekraft des jährlichen Berichts. "Die Waldzustandserhebung ist eigentlich eine Baumzustandserhebung, die viele Interpretationsmöglichkeiten offen lässt", kritisiert Professor Andreas Schulte, Leiter des Wald-Zentrums an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Aus dem Kronenzustand einzelner Bäume lasse sich keine Aussage über den Zustand des Waldes ableiten. Der Wald sei letztlich viel mehr als die Summe seiner Bäume.

Willkür oder Wissenschaft?

Lutz Falkenried und Heiner Heile blicken mit Ferngläsern in die Baumkronen

Wichtigstes Arbeitsmittel bei der Erhebung ist das Fernglas

"Ob Baumkronen dicht oder weniger dicht belaubt sind, muss nicht zwangsläufig an Umweltgiften liegen, sondern wird zum Beispiel auch durch die Witterung beeinflusst", erläutert Waldökologe Schulte. Schwankungen könnten darin wurzeln, dass es zu Jahresbeginn viel Regen, Wärme oder auch Insektenbefall gegeben habe. Die Ergebnisse der Kronen-Methode ließen so viele willkürliche, aber sehr wenig wissenschaftliche Interpretationen zu, sagt er.

Auch Gerhard Naendrup von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) in Oberhausen bezeichnet den Waldzustandsbericht als "eine Momentaufnahme, die ganz wesentlich vom Witterungsverlauf des jeweiligen Jahres abhängt." Die Beobachtungen hätten in den vergangenen Jahren aber gezeigt, dass sich die Waldschäden auf einem hohen Niveau eingependelt hätten.

Es geht um langfriste Tendenzen im Wald

Michael Blaschke vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW bestätigt, dass die Waldzustandserhebung keine Rückschlüsse auf die konkreten Ursachen der Schädigungen an einzelnen Standorten zulasse. "Ziel dieser Erhebung sind ganz bewusst nicht der einzelne mehr oder weniger geschädigte Wald, sondern die landesweiten und langfristigen Entwicklungen und Tendenzen", erläutert der Pressesprecher. Die Erhebung sei darüber hinaus eine vergleichsweise preiswerte Methode, wichtige Merkmale der Waldgesundheit nach einem bundesweit einheitlichen Schema zu erheben. Für Nordrhein-Westfalen kostet die Erhebung etwa 55.000 Euro, so Blaschke. Hinzu kämen Fahrtkosten und interne Kosten für Mitarbeiter.

Was nicht betrachtet wird

Professor Schulte vom Wald-Zentrum der Uni Münster möchte die Erhebung gar nicht abschaffen. Es müsse nur deutlich gemacht werden, was genau aus den Ergebnissen abzulesen sei. Um den Wald als komplettes Ökosystem zu betrachten, müssten aber auch Stickstoffwerte in der Luft, Ozonwerte, der Wildverbiss – also das Abbeißen der Tiere von Pflanzen, Zweigen und Blättern – oder Veränderungen im Artenreichtum in den Zustandsbericht einfließen, sagt Professor Schulte.

Letztlich gehöre zu einem Wald immer auch der Waldboden. Der kann durch Schwermetalle und Kohlenwasserstoffe belastet sein, resümiert der Professor aus Münster. In der reinen Datenerhebung für den Zustandsbericht wird der Boden allerdings nicht betrachtet. Für Schulte jedoch steht fest: Der Wald bleibt ein Patient, den man in seiner ganzen Vielfältigkeit im Auge behalten sollte.

Waldböden

Wald, Symbolbild

Der Waldboden ist der Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen. Seine Fähigkeit, Regenwasser zu speichern, trägt dazu bei, die Auswirkungen von Starkregen und Hochwasser zu mildern. "Der Boden ist das zentrale Element der Wälder", erläutert Norbert Asche, Forstwissenschaftler und Bodenkundler beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW, dem WDR. Durch den Boden nehmen die Bäume Nährstoffe auf und im Boden wird organischer Abfall zersetzt. Diese Vorgänge sind aneinander gekoppelt. "Die Bäume nehmen aus dem Boden Wasser mit darin gelösten Nährstoffen auf und nutzen diese Stoffe für ihr Wachstum." Durch Emissionen, zum Beispiel aus der Industrie oder dem Straßenverkehr, entsteht saurer Regen. Da Bäume die Säuren aus der Luft filtern, versauern Waldböden mehr als andere Böden. Das kann schädlich sein für Wurzelsysteme und Bodenlebewesen. Gegen saure Böden kann Kalk helfen, der die im Boden angereicherten Säuren neutralisieren kann.

Stand: 20.11.2015, 06:30