EU verbietet alte Rebsorten

Flaschen mit Clinton-Wein

EU verbietet alte Rebsorten

Von Stefan Michel

Sie enthielten zu viel giftiges Methanol, wurde behauptet. Aber das ist längst widerlegt. Der Wein schmecke nicht, hieß es - aber was ginge das die EU an? Die verbietet tatsächlich etliche alte Weinsorten. Angebaut werden sie trotzdem.

Die Geschichte beginnt 1935 in Frankreich. Im Süden des Landes und in der Kolonie Algerien wird viel zu viel Wein angebaut. Die Preise stürzen in den Keller. Die Winzer rebellieren und die Regierung muss irgendetwas tun. Aber sie möchte den Großwinzern und ihren Verbänden nicht wehtun. Dabei kommt ein symbolischer Akt heraus: das Verbot von sechs wirtschaftlich völlig unbedeutenden Rebsorten.

Der Wein der kleinen Leute

Sie heißen Noah, Jacques, Herbemont, Othello, Isabelle und Clinton, wurden in Nordamerika gezüchtet und vor rund 150 Jahren nach Europa eingeführt. Und hier entwickelten sie sich in einigen Regionen zum Lieblingstrunk des kleinen Mannes, zum Beispiel in den südfranzösischen Cevennen. "Das waren hier hauptsächlich Bergarbeiter und andere Nebenerwerbs-Winzer, die den Clinton anbauten", erklärt Dominique Garrel vom Verein „Fruits oubliés“ (Vergessene Früchte), in dem sich Kleinbauern und Öko-Aktivisten zusammengeschlossen haben. Das erklärt, warum 1935 nur Kommunisten und Gewerkschaftsführer gegen das Weinverbot protestierten.

Mann erntet Wein von Hochrebe

Clinton als Hochrebe und drunter ein Gemüsegarten

Und warum lieben arme Winzer gerade diese Rebsorte? "Der Clinton gedeiht auch auf den leicht sauren Schieferböden hier", im Gegensatz zu anderen Sorten. "Man muss keine Setzlinge beim Pflanzenzüchter kaufen", so Garrel. "Samen in die Erde, und fertig ist der Weinberg." Der Clinton ist – wie seine amerikanischen Geschwister – sehr widerstandsfähig gegen Schädlinge, "er gedeiht ohne Chemikalien". Und er kommt mit schwierigen Lagen zurecht, in denen es anderen Sorten an Wärme und Sonnenschein mangelt. Aus all diesen Gründen bauen viele Kleinbauern und Gärtner den Clinton immer noch an - für den Eigenbedarf oder den (illegalen) Verkauf in der näheren Umgebung.

"Geschmack ist Geschmackssache"

Die bekannten europäischen Edelsorten, sei es Burgunder oder Riesling, Syrah oder Merlot, liefern Pflanzenzüchter im Doppelpack: unten die Wurzel einer robusten Rebsorte, oben aufgepfropft ein Zweig der empfindlichen Edelsorte. So werden die Ernteausfälle durch Schädlingsbefall gemindert. Der Clinton hat das nicht nötig, er treibt seine eigenen Trauben aus. Er ist eine Direktträgersorte, so nennt man das.

Menschen bei der Weinlese

Als Obst erlaubt, als Wein verboten

Und der schlechte Geschmack, mit dem das Verbot begründet wurde? Foxy, nennen ihn manche in Amerika, also fuchsig. "Überraschend", so beschreibt ihn Garrel. Jedenfalls zwickt er beim ersten Schluck recht herb den Gaumen. "Geschmack ist Geschmackssache", bemerkt Winzer Klaus Rapf dazu. Er hegt im österreichischen Burgenland verbotene amerikanische Reben. Uhudler, so nennt man hier den daraus gewonnenen Wein. "Ich respektiere jeden, der sagt, ich mag keinen Tempranillo oder ich mag keinen Uhudler. Das ist eine Sache der Konsumentinnen und Konsumenten, zu entscheiden, was ihnen schmeckt und was ihnen nicht schmeckt."

Das Methanol-Gerücht

Bleibt das Argument, Sorten wie der Clinton enthielten zu viel des nervenschädigenden Methanols. Stimmt nicht, diese Behauptung "wurde bereits in den 1970-er Jahren von verschiedenen Wissenschaftlern widerlegt", schreibt der Verein "Arche Noah", die österreichische Schwesterorganisation von "Fruits oubliés" im Kampf um den Erhalt alter Nutzpflanzen. Auch neuere Untersuchungen hätten immer wieder gezeigt, dass der Methanolgehalt von Direktträgerweinen "deutlich innerhalb des festgelegten Normalbereichs" liege.

Mann schüttet Eimer voller Trauben in Hänger

Alles für den Eigenbedarf?

Trotzdem hat die Europäische Union das französische Weinverbot in den 1980-er Jahren übernommen, hat es auf alle EU-Staaten und auf alle Direktträger-Sorten aus Amerika ausgeweitet. Jetzt stehen auch Weinberge mit diesen Rebsorten in Slowenien, Ungarn, Italien, Portugal und Spanien auf dem Index. Trotzdem haben sich der Clinton in den Cevennen und der Uhudler im südlichen Burgenland zu Rennern auf Volksfesten und bei den Besuchern entwickelt.

Die ignorierte Straftat

Per EU-Ausnahmegenehmigung hat der Uhudler eine Galgenfrist bis 2030 bekommen. Doch schon sind erste Winzer per Bescheid aufgefordert worden, ihre Weinberge zu roden. Und neue Rebstöcke dürfen ohnehin nicht gepflanzt werden. Inzwischen engagieren sich aber nicht nur Vereine wie "Arche Noah", sondern auch etliche österreichische Politiker gegen die "Diskriminierung von Rebsorten."

Dominique Garrel

Weinrebell Garrel

Dominique Garrel in Südfrankreich hat es regelrecht darauf angelegt, wegen des Weinverbots vor Gericht zu kommen. "2015 habe ich vor Fernsehkameras und Journalisten Clinton-Wein verkauft", um strafverfolgt zu werden. "Aber der Staat will uns nicht verklagen. Das ist schade. Denn wir wollen vor Gericht die Frage aufzuwerfen, ob dieses Gesetz verfassungsgemäß ist."

Vielleicht lassen sich ja die EU-Abgeordneten vom Unsinn des Weinverbots überzeugen. Am 26.04.2016 laden "Fruits oubliés" und "Arche Noah" die Abgeordneten im EU-Parlament zur Verkostung verbotener Weine ein.

Stand: 06.04.2016, 06:00