NRW-Experten diskutierten Alternativen zu Tierversuchen

Eine Frau mit Gummihandschuhen und Mundschutz blickt in die Augen eines hochgehobenen Meerschweinchens

NRW-Experten diskutierten Alternativen zu Tierversuchen

Von Susanne Schnabel

"Tierversuche verringern und alternative Testmethoden entwickeln: Wo stehen wir in NRW?" Darüber tauschten sich am Donnerstag (24.11.2016) in Neuss Forscher, Tierschützer und Politiker aus. Fazit: Wir stehen gar nicht mal so schlecht da.

"Ich kann Tierversuche nachvollziehen für bestimmte Bereiche, zum Beispiel zur Erforschung von neuen Medikamenten. Aber ich finde es wichtig, dass die Tiere gut behandelt werden und dass die Geschäftemacherei mit den Versuchstieren aufhört", sagt Mikihiro Hosono, Schüler der Freien Waldorfschule Düsseldorf.

Bunt gemischtes Publikum

Besucher beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

Diskussionsrunde in Neuss

Mikihiro ist mit rund 25 Mitschülern zur Diskussionsrunde auf Einladung des Forschungsministeriums angereist. Im Publikum sitzen zudem ein Bio-Leistungskurs, Studenten, Tierschützer, Forscher und Mediziner sowie interessierte Bürger. Eine kleine Umfrage zu Beginn der Diskussionsrunde macht deutlich, hier sind keine radikalen Tierschützer. Insgesamt sind die Besucher des Forums pro Tierversuche. Großes Interesse und Diskussionsbedarf besteht jedoch an der Entwicklung der alternativen Methoden und dem aktuellen Stand.

Ministerin ist optimistisch

Besucher beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze

"Ich glaube, das Ziel einigt uns alle: Wir wollen, dass man nur so wenig Tierversuche wie absolut möglich macht. Das ist ethisch eine Selbstverständlichkeit", sagt NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Wichtig sei, Alternativen zu erforschen. "Wir haben gerade hier in NRW ganz hervorragende Fachleute an unseren Hochschulen und in unseren Forschungseinrichtungen. Ein ganz gutes Beispiel dafür ist das Projekt CERST".

CERST steht für "Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch". Leiterin des Zentrums ist Dr. Ellen Fritsche vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. Sie sagt: "Logistisch und finanziell ist es erforderlich, Alternativen zu Tierversuchen zu entwickeln. Bei einem Experiment mit Tierversuch benötigt man ein Jahr, um nur eine Substanz zu testen und das kann eine Million Euro kosten." Ziel ihrer Forschungseinrichtung ist es, alternative Testmethoden für die Forschung und Wissenschaft zu entwickeln und damit die Zahl der Tierversuche zu reduzieren.

"Wir sind in NRW gut aufgestellt, was die Entwicklung neuer alternativer Methoden angeht. Wir sind gut vernetzt mit den Experten aus Aachen, Köln, Dortmund und Münster", sagt Fritsche. CERST wird vom Land mit 200.000 Euro pro Jahr finanziert. Das sei viel zu wenig, da sind sich alle anwesenden Forscher einig und hätten gerne die Ministerin dazu gehört. Die hatte sich da allerdings schon verabschiedet, weil sie zu einem weiteren Termin musste.

Chip statt Tierversuch

Dr. Jan Georg Hengstler, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund arbeitet mit Chips. Jeder Chip ist etwa so groß wie ein Smartphone und beherbergt kleine Kammern, in denen jeweils verschiedene Zelltypen kultiviert werden können, welche über Kanäle miteinander verbunden sind. Per Computer können die Forscher den Zellfluss gezielt steuern. Der Chip kann so zu einer Art Miniorgan werden. Diese Methode wurde bereits preisgekrönt. Hengstler: "Bis wir allerdings ganze Tiere nachstellen können, wird es noch ein bis zwei Generationen dauern. Man unterschätzt oft, wie komplex das Thema ist."

"Ich finde, NRW ist ein ganz toller Standort"

Dr. Christiane Hohensee (l.) und Dr. Ellen Fritsche  beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

Dr. Christiane Hohensee (l.) und Dr. Ellen Fritsche

"Ich finde, NRW ist ein ganz toller Standort. Generell begrüßen wir die Entwicklung hier", sagt die Biologin und Toxikologin Dr. Christiane Hohensee vom Bundesverband der Tierversuchsgegner. Die Anzahl der Forschungseinrichtungen, die engagiert mit tiereinsatzfreien Methoden arbeiten, wachse ständig. Sie stehe für erfolgreiche ethisch und wissenschaftlich fundierte For­schung ohne Tierversuche. Hohensee: "Wir fordern eine bessere finanzielle Unterstützung in der Forschung für alternative Methoden. Unser Ziel ist es, irgendwann völlig auf Tierversuche zu verzichten."

Das Gefühlsleben der Labortiere

Dr. Sophie Helene Richter beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

Dr. Sophie Helene Richter

Wie fühlen sich eigentlich die Versuchstiere - so emotional? "Wir Menschen denken, wir wissen, wie es dem Tier geht. Das klingt so einfach. Ist es aber nicht", sagt Dr. Sophie Helene Richter vom Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie erforscht die Stimmung der Tiere und wie das Umfeld die Gefühlslage beeinflusst. Das ist zum einen wegen des Tierschutzes ein wichtiges Forschungsfeld, aber auch für die Ergebnisse der Experimente. Nur emotional stabile Tiere seien geeignet für Versuche. "Den Labortieren geht es besser als so manchem Tier, das alleine im Kinderzimmer verkümmert. Labormäuse zum Beispiel haben Sozialpartner, können in ihrem Käfig klettern und bauen."

Immer weniger Versuche im Studium

Raphael Seufert beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

Student Raphael Seufert

"Im Rahmen meines Grundstudiums gab es nur einen Tierversuch. Wir mussten eine Ratte sezieren. Es ist den Studenten freigestellt, ob sie an diesem Tag zur Uni kommen oder nicht", sagt Raphael Seufert, der an der Universität Duisburg-Essen Medizin studiert. Für seine Doktorarbeit hat er Tierversuche gemacht, "und ich muss zugeben, es fühlt sich schlecht an. Auch allen Biologen, die ich kenne, geht es so." Zudem sei der behördliche Aufwand für die Genehmigung eines Tierversuches enorm, erzählt Seufert.

"Verantwortung für Leben übermehmen"

Prof. Dr. Thorsten Schäfer (Studiendekan der medizinischen Fakultät der Universität Bochum) beim Forum des Fortschritts in Neuss zum Thema Tierversuche

Dr. Thorsten Schäfer, Studiendekan an der Universität Bochum

"In den letzten 25 Jahren hat sich viel verändert. Man kann ohne einen einzigen Tierversuch durch das Studium kommen", sagt Dr. Thorsten Schäfer, Studiendekan der medizinischen Fakultät der Universität Bochum. Statt am toten Tier lernen die Studenten am Menschen, bzw. am Studenten. Sie messen sich zum Beispiel gegenseitig den Blutdruck. Generell begrüßt Schäfer die Reduzierung der Tierversuche. Er sei schon immer ein großer Tierfreund gewesen und hatte Bedenken, in seinem Studium Tierversuche zu machen. "Ich habe aber dabei gelernt, Verantwortung für Leben zu übernehmen, den Respekt vor dem Lebewesen." Ohne Tierversuche gehe eventuell das Gefühl dafür verloren.

Schüler Mikihiro Hosono sagt nach der Veranstaltung: "Ich hätte mir eine etwas leidenschaftlichere Diskussion gewünscht. Es gab kaum Argumente gegen Tierversuche. Zudem fand ich es schade, dass die Ministerin, als es um die Finanzierung zur Forschung der Alternativmethoden, nicht mehr anwesend war."

Stand: 24.11.2016, 17:15