Plastik fressen, Bio-Plastik ausscheiden

Plastik fressen, Bio-Plastik ausscheiden

Aus alt mach neu: Ein winziges Lebewesen soll PET-Flaschen auffressen und in Bioplastik umwandeln - für neue Flaschen etwa oder Kleber, die sonst aus Erdöl hergestellt werden. Ein Aachener Forscher erklärt, was Pseudomonas putida so spannend macht.

Der Kampf gegen die Berge von Plastikmüll wird an vielen Fronten - oder besser: in vielen Laboren der Welt gefochten. Vor einer Woche sorgten japanische Forscher für Schlagzeilen, weil sie einen Bakteriumstamm gefunden hatten, der sich offensichtlich von PET-Flaschen ernährt. Das könnte irgendwann ganz neue Möglichkeiten der Müllbeseitigung eröffnen. An der RWTH in Aachen geht man einen Schritt weiter: Dort arbeiten Wissenschaftler im Auftrag der EU daran, PET als Rohstoff zu nutzen. Wichtigster Akteur ist das Bakterium Pseudomonas putida (oben), das nach jeder Mahlzeit voller Bio-Plastik steckt. Lars Blank ist Professor für Angewandte Mikrobiologie und leitet das Projekt.

WDR: Professor Blank, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Bakterien auf Plastik anzusetzen?

Lars Blank: In der Industriebiotechnologie gibt es schon lange den Trend, mit Hilfe von Mikroben Bioplastik herzustellen, allerdings auf der Basis von Zuckern. Wir wollten aber keine Nahrungsmittel verwenden, außerdem wollten wir Abfall recyceln. PET kann man recyceln, die billige Cola-Flasche kommt zehn bis zwanzig Mal beim Verbraucher vorbei, wird immer wieder geschreddert und geschmolzen. Aber schließlich muss sie verbrannt werden. Oder man macht Teppichböden oder Pullover daraus - aber wie viele Pullover kann man tragen? Also haben wir angefangen, das Plastik an Pseudomonas putida zu verfüttern.

WDR: Warum ausgerechnet dieses Bakterium? Es gibt doch Millionen verschiedener Stämme.

Blank: Das ist eigentlich ein alter Bekannter, wir wussten schon lange, dass er Bioplastik herstellen kann. Und wir wussten, dass er sehr talentiert ist. Der kann nach etwas Training, also nach einer gentechnischen Veränderung, aus Erdöl-Plastik Bio-Plastik herstellen und kommt auch mit rauen Umweltbedingungen klar. Aufgelöstes Plastik ist ja nicht unbedingt das Gesündeste.

WDR: Und wie funktioniert das konkret?

zerdrückte Plastikflasche am Strand.

Nahrungsmittel für Bakterien

Blank: Wir bereiten das Plastik so vor, dass es verdaubar ist. Das PET wird also mit Hilfe von Enzymen in die Grundbausteine Therapthalalsäure und Ethylenglykol aufgespalten. Darauf wachsen die Bakterien, und das Verdaute wird als Bioplastik abgelagert. Noch ist das nicht sehr viel, wir arbeiten daran, dass eine Mikrobe schließlich zu 90 Prozent aus Bioplastik besteht und nicht nur zu ein oder zwei Prozent.

WDR: Wie kommen Sie an den neuen Stoff ran?

Blank: Wir müssen die Bakterien noch dazu bringen, das Plastik wieder abzugeben. Das machen sie von Haus aus nicht. Wir könnten sie abtöten, aber wenn sie das freiwillig machen, dann wäre die Aufreinigung einfacher.

WDR: Vorbereiten, essen, ausscheiden: Das klingt alles sehr zeitaufwändig. Wie lange dauert es denn, bis eine PET-Flasche ganz verdaut ist?

Blank: Das dauert noch viel zu lange. Das zeigen auch die Ergebnisse der Japaner: 60 Tage für den Abbau von ein paar Gramm PET. Eine handelsübliche 50-Gramm-Flasche wäre grob geschätzt also erst nach 200 Tagen abgebaut - das kann nicht das Ziel sein. Weil wir das schreddern und aufspalten, geht es schon schneller. Aber wir müssen so schnell werden, dass es nur ein paar Stunden braucht. Dafür müssen wir Pseudomonas sozusagen zum Spitzensportler ausbilden.

WDR: Und wenn das gelingt: Könnte man die Bakterien großzügig auf Müllhalden oder ins Meer geben und abwarten, dass sie das Plastik vernichten und neues produzieren?

Blank: Nein, das Plastik muss ja erst aufbereitet werden. Aber wenn jemand eine gute Idee hat, wie man das aus dem Meer fischt, dann könnte man die Bakterien in Behältern darauf ansetzen.

WDR: Gibt es denn Ideen, wie man dieses Bio-Plastik jetzt schon nutzen könnte?

Blank: Ja, es gibt zum Beispiel die Etiketten auf Bio-Obst. Die sind aus recycletem Papier, aber der Kleber ist ein Erdöl-Produkt. Einer unserer Industriepartner versucht jetzt, den Sticker mit einem Kleber aus Bio-Plastik zu produzieren. Das ist eine kleine Nische, aber der Verbraucher, der einen Bio-Apfel kauft, will bestimmt keine Weichmacher, die aus dem Etikett in das Obst sickern.

WDR: Sie wollen vermutlich schnell raus aus dieser Nische. Aber wird sich das Verfahren bei dem Aufwand jemals lohnen?

Blank: Wir fangen in der Nische an. Was die Kosten angeht: Der Bioladen um die Ecke ist auch nicht billiger, den gibt es aber trotzdem. Wir schauen aber, dass wir effizienter werden. In fünf Jahren wird der Erdölpreis vermutlich auch wieder gestiegen sein und der Druck größer. Coca-Cola und Pepsi liefern sich jetzt schon ein Wettrennen, die wollen beide gerne eine Flasche aus nachwachsenden Rohstoffen.

WDR: Was ist eigentlich mit all den anderen Kunststoffen, die auf dem Müll landen? Würde das Verfahren da auch funktionieren?

Blank: Wir beschäftigen uns auch mit den Polyutheranen, aus denen Matratzen hergestellt werden. Die kann man nicht mal einschmelzen, die muss man komplett verbrennen. Die Recycling-Rate ist da sehr schlecht. Aber wir arbeiten daran.

Die Fragen stellte Marion Kretz-Mangold

Stand: 16.03.2016, 06:30