Misteln – schöne Schmarotzer

Foto einer lichten Baumkrone mit mehreren Misteln.

Misteln – schöne Schmarotzer

Wenn es Winter wird, werden sie wieder sichtbar: Misteln. Die Schmarotzer wachsen in den Bäumen. Wobei das natürlich ein hässliches Wort ist, für eine eigentlich sehr schöne Pflanze, der eine Menge positiver Eigenschaften zugeschrieben werden.

Die Entstehung von Misteln ist eher prosaisch. Es gibt zwei Geschlechter, ein weibliches und ein männliches. Die weiblichen Misteln tragen in den Monaten Januar bis März kleine weiße, leicht durchsichtige Beeren. Wenn die Wintervögel die Beeren fressen und verdaut haben, kacken sie Teile dieser Beeren wieder aus. Darunter auch Samen der Mistel. Fallen diese Samen auf Bäume, entstehen daraus Keimlinge, die in die Wasserleitungsbahnen des Baumes eindringen. Daraus ziehen sie Nährstoffe, Salze und Wasser. Erst dann beginnt das Wachstum. Wer Misteln in die Vase stellt, wird deshalb schnell feststellen, dass sie schnell schlapp werden und absterben. Ohne die direkte Verbindung zum Baum können sie nicht überleben

Misteln mit weißen Beeren

Nur die weiblichen Misteln tragen die weißen Beeren

Weltweit fast 70 Mistelarten

In Deutschland kennt man vor allem die "Weißbeerige Mistel" – Viscum album. Davon gibt es drei Unterarten: Tannen-, Kiefern- und Laubholzmistel. Letztere wächst auf allen Laubbaumarten wie Linde, Weide, Apfel oder eben meistens auf Pappeln. Interessanterweise ist noch nie berichtet worden, dass ein Baum wegen der Schmarotzer-Mistel eingegangen wäre, sagt Elke Löbke von der biologischen Station Haus Bürgel in Mohnheim am Rhein. "Ich kenne jetzt diese Gegend hier seit über 20 Jahren und ich habe noch nie beobachtet, dass daraufhin jetzt eine Pappel abgestorben ist". Die betroffene Pappel wirke vielleicht nicht mehr ganz so vital. "Aber dass sie abstirbt, so stark ist der Einfluss dann wohl doch nicht."

Mitsteln mit Beeren

Die Misteln wurden von den alten Kelten kultisch verehrt

So sieht das auch Holger Sticht vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Er kennt die Gegend rund um den Rather See in Köln sehr gut und hat auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür. Die Pflanzen könnten, sagt Sticht, "Jahrzehnte auf dem Baum existieren. Was sie auch müssen, weil sie sind ja wirklich abhängig von ihrem Wirtsbaum." Deswegen hätten die Pflanzen auch keine Strategie, ihren Wirtsbaum zu zerstören. Denn "damit würden sie sich selbst zerstören".

Mythen rund um das Thema Misteln

Bei den Griechen, Kelten und Germanen galt die Mistel als Zeichen der Götter, weil sie zwischen Himmel und Erde wächst. Um kaum eine andere Pflanze ranken sich bis heute so viele Mythen und Legenden. Der griechische Held Äneas öffnete der Sage nach mit einer Eichenmistel das Tor zu Unterwelt: "Keinem ist der Weg zur Erdtiefe gestattet, ehe er den goldumlaubten Zweig vom Baume gepflückt hat". In der Mythologie steht die Mistel deshalb auch nicht zufällig für den Sieg des Lebens über den Tod.

Und warum wächst die Mistel nicht wie fast alle anderen Pflanzen auch auf dem Boden? Auch dafür hat die Sagenwelt eine Erklärung. Die Germanische Liebesgöttin Frigga wollte danach ihren Sohn Baldur einst vor einem Mordanschlag durch den bösen Gott Loki bewahren. Zu diesem Zweck rang sie allen Pflanzen und Tieren das Versprechen ab, ihrem Sohn nichts anzutun. Doch sie vergaß die Mistel, und Loki schnitzte sich aus einem Mistelzweig einen Pfeil, der Baldur tötete. Frigga verbat daraufhin der Mistel, jemals wieder den Boden zu berühren.

Misteln - Bäusche am Baum

Wie dicke Kissen hängen die Misteln im Baum

Misteln als Heilmittel?

Bei den keltischen Schamanen, Zauberern oder Druiden war die Mistel DAS Allheilmittel. Vieles davon ist eher eine Glaubensfrage Schon lange gilt die Mistel aber als blutdrucksenkendes Mittel und ist als solches auch noch heute geschätzt. Bernd Labonte ist Onkologe am Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke, wo die Mistel als ergänzende Therapie zur Schulmedizin eingesetzt wird. Mit der Misteltherapie ist es nicht möglich, einen Tumor zu beseitigen, sagt der Mediziner. Dazu seien Operation, Chemotherapie und Bestrahlung erforderlich. Aber die Mistel kann offenbar die Lebensqualität der Patienten verbessern. Davon berichtet Patientin Anna Gunst, die an die Wirkung glaubt. "Die Mistel hat sehr dazu beigetragen, dass ich die Chemotherapien so gut vertragen habe. Ich konnte auch reiten und das war für mich ganz wichtig."

Mistelzweige.

Die Anthroposophen setzen auf die Mistel

Mehr als 70 Prozent aller Patienten werden nach Informationen der deutschen Krebsgesellschaft begleitend und in der Nachsorgephase mit Mistelextrakten behandelt. Ziel sei es, erklärt Onkologe Bernd Labonte, vor allem die Körpertemperatur der Patienten zu erhöhen. "Hier muss ich sagen, dass wir im Krankenhaus die Mistel einsetzen, mit dem Ziel Fieber zu erzeugen. Das ist nicht das, wozu es in der ambulanten Behandlung zugelassen ist." Krebsforscher weisen aber darauf hin, dass bis heute ein wissenschaftlicher Beweis für den Nutzen von Mistelpräparaten fehlt.

Und wo wir gerade bei der Aufklärung von Mythen sind, sei noch erwähnt, dass die Sache mit dem Kuss unter dem Mistelzweig auch nicht so leicht ist. Paare, die sich zu Weihnachten unter dem Mistelzweig küssen, bleiben für immer zusammen, heißt es ja. Leider gilt das nur, wenn der Mistelzweig ein Geschenk ist – und zwar von einem Dritten.

Autorin des Radiobeitrags ist Annika Zeitler.

Stand: 16.12.2016, 11:37