Forscher entdecken plastikfressendes Bakterium

Forscher entdecken plastikfressendes Bakterium

Halden voller Flaschen, Tüten, die im Meer treiben: Plastikmüll ist überall, langlebig und eine Bedrohung für die Umwelt. Jetzt könnte ein Bakterium helfen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Japanische Forscher haben ein Bakterium entdeckt, das Kunststoff zersetzen kann. Das gaben sie am Donnerstag (10.03.2016) in einem Artikel des Fachblattes "Science" bekannt. Bislang kannte man nur Pilze mit dieser Fähigkeit, heißt es dort, aber keine Bakterien. Ideonella sakaiensis 201-F6, so der Name des Bakteriums, hat zwei Enzyme, mit deren Hilfe es das Kunststoff PET (Polyethylenterephthalat) zerlegt. Dieser Kunststoff wird vor allem zur Herstellung von Getränkeflaschen verwendet und ist weit verbreitet: 300 Millionen Tonnen Kunststoffe wurden nach Angaben des Umweltbundesamtes 2013 produziert, mehr als ein Sechstel davon sind PET. Nur ein geringer Teil wird recycelt. Schlimmstenfalls landen riesige Mengen in Gewässern und Böden und schließlich über Umwege als kleinste Partikel in der Nahrung des Menschen.

Suche im Schlamm

Dem Bakterium kamen die Forscher um Shosuke Yoshida vom Kyoto Institute of Technology auf die Spur, als sie in einer Recycling-Anlage für PET-Anlage Proben zogen - von Sedimenten, Böden, Abwasser oder Aktivschlamm. Sie prüften im Labor, ob darin Mikroorganismen steckten, die einen dünnen PET-Film zersetzen können. In einer Sediment-Probe wurden sie fündig: Dort lebte ein Bakterium, das sich von PET ernährte.

Zwei Enzyme nur für den Plastikabbau

"Ein Durchbruch", so die Bewertung einer Forschungsgruppe an der Universität Greifswald, die sich mit Enzymen beschäftigt. Nicht nur, dass ein einzelnes Bakterium unter Millionen isoliert wurde, das PET zerlegt und die einzelnen Bestandteile für den eigenen Stoffwechsel verwendet. Vielmehr wurden auch zwei wichtige Enzyme identifziert, die den Abbau betreiben: eines, das PET in ein Zwischenprodukt umwandelt, ein zweites, das dieses weiter umbaut, bis nur noch Terephthalsäure und Glykol übrigbleiben. Diese beiden Enzyme waren bisher nicht bekannt und ähneln anderen Enzymen auch nicht besonders. Möglicherweise besteht ihre Hauptaufgabe tatsächlich darin, PET abzubauen, das erst seit 70 Jahren genutzt wird. Damit hätten die Japaner ein Lebewesen gefunden, das sich extrem schnell angepasst hat - innerhalb weniger Jahrzehnte statt in Jahrtausenden.

Startschuss, nicht Endpunkt

Wie und wann die Enzyme eingesetzt werden könnten, ist noch nicht klar. "Man darf sich nicht vorstellen, dass Ideonella großflächig auf die Müllhalden oder ins Meer gestreut wird und das Plastik in 14 Tagen verschwunden ist", so der Kommentar aus Greifswald. Ideonella ist dafür zu langsam: Laborversuche der Japaner haben gezeigt, dass das Bakterium sehr lange braucht, um einen Kunststoff-Probe vollständig zu verzehren. Ein Problem, für das die Greifswalder eine Lösung hätten: Die Enzyme könnten mit Hilfe der Gentechnik in andere, schnellere Stämme eingebracht werden. Fest steht: Die Entdeckung von Ideonella ist erst der Startschuss für weitere Forschungen in Sachen Müll-Beseitigung.

Stand: 10.03.2016, 20:00