Die Kraniche fliegen wieder

Die Kraniche fliegen wieder

Von Katja Goebel

Wenn sich Zugvögel ins Winterquartier aufmachen, geschieht dies meist unbemerkt. Mit einer Ausnahme: Wenn Kraniche Richtung Süden fliegen, veranstalten sie dabei ein lautstarkes Spektakel. Die ersten Tiere sind schon unterwegs - auch über NRW.

In Norddeutschland rasten laut Naturschutzbund zurzeit mehr als 140.000 Kraniche. Hauptrastplätze sind das Rhiner und das Havelluch bei Berlin mit 62.000 Kranichen, die Vorpommersche Boddenküste mit 45.000 und die Diepholzer Moorniederung in Niedersachsen mit rund 30.000 Tieren. Wenn die grau gefiederten Vögel die westliche Route ins Winterquartier wählen, fliegen sie auch über NRW.

Und schon das ist ein Schauspiel. Fliegen die meisten Zugvögel eher unbemerkt südwärts, machen die Kraniche dies in großen Schwärmen und sind dabei unüberhörbar. Lange bevor man sie sieht, hört man sie. Ihr trompetenhafter Ruf schallt dann kilometerweit durch die Luft. Wer dann den Kopf zu Himmel reckt, kann die Vögel meist in exakter V-Formation am Himmel sehen.

Mit 80 Stundenkilometern Richtung Spanien

Bei günstiger Witterung brechen die Kranichschwärme von ihren nördlichen Sammelplätzen in den frühen Morgenstunden auf und ziehen beiderseits am Harz vorbei. Der Hauptzug überfliegt dabei Osnabrück, Hannover und Göttingen, erreicht dann das Weserbergland, um beim Weiterflug mit 80 Kilometern pro Stunde das östliche Ruhrgebiet zu streifen und entlang des Rheins nach Bonn zu fliegen. Eine etwas westlichere Zugroute ermöglicht Beobachtungen am Niederrhein und in der Eifel. Von dort aus geht es weiter über den größten französischen Rastplatz, dem Lac du Der-Chantecoq in der Champagne, bis in die Überwinterungsgebiete in Spanien und Portugal.

Luftbild: Ein Schwarm Kraniche überfliegt Zarrentin in Mecklenburg-Vorpommern.

Naturschauspiel: Der Flug der Kraniche

"Die Aufenthaltsdauer der Kraniche in Deutschland wird immer länger", sagt Ornithologe Heinz Kowalski vom Naturschutzbund (Nabu). "Die kommen im Frühjahr immer früher zurück und fliegen im Herbst später weg." Die Tiere, die man jetzt über NRW sieht, seien nur die Vorboten. Die richtig großen Schwärme kommen mit dem ersten Frost. "Spätestens, wenn sie einen kalten Hintern kriegen, fliegen sie weg", sagt Kowalski.

Rückenwind begünstigt Massenflug

Günstig für regelrechte Massenflüge ist eine stabile Hochwetterlage mit Rückenwind. Eine besonders energiesparende Reisemethode. Da lassen sich auch Massenabflüge mit über 1.000 Tieren beobachten. Sind die Zugbedingungen nicht so gut, sind auch die fliegenden Gruppen wesentlich kleiner. Zwischen Brutplatz und Überwinterungsgebiet liegen mehr als 1.000 Kilometer. Bis zu 3.000 Kilometer für Hin- und Rückweg sind dabei keine Seltenheit. Um diese enormen Distanzen zu meistern, fliegen die Kraniche oft viele hundert Kilometer pro Tag. Allerdings sind die Flugrouten in den vergangenen Jahren mitunter kürzer geworden. "Ein Drittel der Tiere fliegt schon gar nicht mehr nach Spanien, sondern überwintert in Frankreich", so Nabu-Sprecher Kowalski.

Trockenheit lockt Fressfeinde

Obwohl sich die Bestände zuletzt eher vergrößert hätten, gibt es auch Brutjahre und Regionen, in denen weniger Tiere überleben. So zum Beispiel aktuell in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir hatten in Nordost-Deutschland eher ein sehr trockenes Frühjahr und einen sehr trockenen Sommer. Kraniche brüten aber in Feuchtgebieten", erklärt Günther Nowals vom dortigen Kranich-Informationszentrum. Wenn es da nicht nachregne, könnten auch Räuber leichter an die Gelege oder die Jungen kommen.

Kraniche aus der Nähe beobachten - aber nicht zu nah

Wer die Tiere aus der Nähe beobachten will, muss schon ihre Rastplätze aufsuchen. Eine 2015 eröffnete Kranichstation zum Beispiel - das "Kranorama" an der Ostsee bei Rügen - ermöglicht gute Sicht auf rastende Kraniche in der Vorpommerschen Boddenlandschaft. Außerdem bietet der Naturschutzbund Nabu dort regelmäßig Kranich-Tagesexkursionen an. Auch in der Diepholzer Moorniederung in Niedersachen können alljährlich Kraniche bei der Rast beobachtet werden. Die Vögel werden dort regelmäßig gezählt. Am 11. Oktober 2016 waren es schon über 42.000 Tiere. In dieser Region gibt es mehrere Beobachtungseinrichtungen mit Aussichtstürmen. Am besten kann man die Tiere hier am frühen Morgen oder in der Abenddämmerung beobachten - am besten mit Fernglas. Denn die Vögel sind äußerst scheu und dürfen nicht gestört werden.

In NRW lassen sich die Tiere eher zufällig nieder - zum Beispiel, wenn die Wetterbedingungen zu schlecht sind. Ausgewiesene Beobachtungsstellen gebe es hier in der Region nicht, sagt Vogelexperte Heinz Kowalski. Nordrhein-Westfalen ist Durchzugsgebiet.

Stand: 17.10.2016, 06:00