Könnte NRW wieder Luchsland werden?

Luchs

Könnte NRW wieder Luchsland werden?

Nach sechs Tagen ist Luchs "Findus" seit Freitag (27.01.2017) wieder in seinem Zoogehege in Gelsenkirchen. Der Ausreißer hatte sich nicht weit vom Zoogelände weg bewegt. Hätte er in NRW überleben können?  Ein Interview mit Wildtierbiologin und Luchsexpertin Ingrid Hucht-Ciorga.

WDR.de: Der Luchs aus dem Gelsenkirchener Zoo wurde nach sechs Tagen nur zwei Kilometer vom Zoo entfernt gefunden. Ist das typisch für ein Tier, das die Wildnis nicht kennt?

Ingrid Hucht-Ciorga:  Für ein Tier, das in einer solchen Umgebung entläuft, ist das typisch. Das zeigen auch andere Beispiele von entlaufenen Luchsen. Für Gehegeluchse ist das draußen natürlich maximaler Stress. Der ganze Tagesablauf ist plötzlich gestört. Der Luchs ist ja nicht ausgebrochen, weil er da weg wollte, sondern weil er neugierig war. Auf der anderen Seite will er aber auch immer dorthin zurück, wo er sich sicher fühlt. Das Tier hat also erst mal gar nicht das Bedürfnis auf Fernwanderung zu gehen.

WDR.de: Was würde denn ein Luchs normalerweise am Tag für eine Stecke zurücklegen?

Hucht-Ciorga: Ein erwachsener Luchs bewohnt Gebiete von 100 bis 400 Quadratkilometern. Die Tiere können pro Nacht auch mal 20 Kilometer zurücklegen.

WDR.de: Könnte sich denn ein Luchs, der im Zoo groß geworden ist, sein Futter noch selber jagen?

Hucht-Ciorga: Luchse sind durchaus in der Lage, zu lernen, wie man natürliche Beute jagt. Aber aus Wiederansiedlungsprojekten – zum Beispiel im Harz – weiß man auch, dass es Tiere gibt, die das schnell lernen und andere, die damit Schwierigkeiten haben. Diese Tiere magerten ab und man musste sie am Ende wieder einfangen. Solch eine Verlustrate muss man mit einkalkulieren, wenn man Gehegetiere wieder ansiedeln will.

WDR.de:  Welche Überlebenschancen hätte denn ein freilebender Luchs in NRW?

Hucht-Ciorga: Grundsätzlich könnte ein Luchs in vielen Gebieten von NRW überleben. Es muss genügend natürliche Beute – also Rehe – vorhanden sein und er braucht große zusammenhängende Waldgebiete. Da kommen unsere Mittelgebirge in Frage, vom Sauerland und Siegerland bis hinüber in die Eifel.

Dr. Ingrid Hucht-Ciorga ist Wildtierbiologin beim Landesamt für Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz in NRW. Sie hat ihre Doktorarbeit über Luchse geschrieben. Seit 2004 betreibt sie das Monitoring für den Luchs in Nordrhein-Westfalen.

WDR.de:  Es sind ja schon Luchse in NRW gesichtet worden. Sind das nur Grenzgänger aus anderen Bundesländern?

Hucht-Ciorga: Wir haben 2016 an drei Stellen in Nordrhein-Westfalen Luchse nachgewiesen. Im Teutoburger Wald bei Detmold, im Kreis Höxter und im Arnsberger Wald. Bis jetzt sind aber nur Einzeltiere gesichtet worden. Wir haben noch keine Population nachgewiesen. Den Luchs aus Höxter haben wir genetisch bestimmen können. Er stammt aus der Harzpopulation, ist aber schon seit einem halben Jahr nicht mehr gesichtet worden.

WDR.de: In NRW gibt es mittlerweile für Luchse ein Monitoring. Bei so genannten Luchsberatern kann man Sichtungen melden. Sie sind auch darin ausgebildet, bei einem gerissenen Tier zu bestimmen, ob das ein Wolf oder ein Luchs war. Heißt das, man rechnet mit baldiger Ankunft der Luchse in NRW?

Hucht-Ciorga: Es kann sein, dass einzelne Luchse nach NRW wandern, aber die Entfernung zu Luchspopulationen ist sehr groß. Das macht es unwahrscheinlich, dass die Zuwanderung in großem Umfang geschieht. Schon eine Krankheit wie die Räude oder ein überfahrener Luchs kann bei einer Minipopulation dramatische Auswirkungen haben. Luchse haben eine sehr geringe Fortpflanzungsrate. Anders als beim Wolf, der sicher kommt, ist es beim Luchs viel komplizierter. Die ersten Luchse sind Anfang der 70er Jahre im Bayerischen Wald ausgesetzt worden. Und nach wie vor haben wir dort bis heute nur vier oder sechs Weibchen, die Junge bekommen. Der letzte ursprüngliche Luchs, der nicht aus einer Wiederansiedlung stammt, wurde 1745 im Rothaargebirge erlegt.

Das Interview führte Katja Goebel

Stand: 28.01.2017, 12:04