Summen und Zirpen wird immer leiser

Heupferdchen

Summen und Zirpen wird immer leiser

Von Katja Goebel

Blumenwiesen, in denen es summt, zirpt, fliegt, hüpft und krabbelt, werden selten. Zum Geo-Tag der Artenvielfalt schwärmen viele Insektenkundler durchs Land und schauen nach bedrohten Tieren. Besuch auf einer Magerwiese bei Heinsberg.

Wer mit Josef Tumbrinck morgens auf einer Magerwiese verabredet ist, sollte Gummistiefel tragen. Magerwiese – das klingt für den Laien wie Ödland mit verdorrtem Gras. Doch das, was sich da nahe Tumbrincks Haus hinter einer hohen Hainbuchenhecke verbirgt, ist eine Wiese mit Seltenheitswert. Eine echte Rarität.

Blumenwiese

Artenreiche Magerwiese

Auf der Wiese wachsen über 100 verschiedene regionale Blühpflanzen: Hornklee neben Witwenblume, Margeriten neben Vogelwicke, Flockenblume neben Schafgarbe. Der Grund: Hier wird nicht gedüngt, kein Gift verspritzt und mäßig gemäht. Ganz ohne Mähen geht es nicht, denn sonst stünde hier irgendwann mal ein Wald. Wiesen sind nämlich von Menschenhand gemacht und kämen hier im Tiefland von NRW normalerweise gar nicht vor. Als der Mensch begann, Weidetiere zu halten, entstanden dabei eben auch Wiesen. "So eine wie diese hier findet sich heute aber nur noch in Naturschutzprojekten", sagt Tumbrinck und stapft los.

Wenn Heupferdchen kotzen

Josef Tumbrinck ist Vorsitzender des Naturschutzbundes in NRW und Landschaftsökologe. Und wenn man mit dem 51-Jährigen durch eine Wiese streift, kommt man nicht weit. Nur wenige  Sekunden und der Insektenexperte hat eine Krabbenspinne entdeckt. Die ist nur halb so groß wie ein kleiner Fingernagel und doch ein hungriger Räuber auf Beutezug. Auf einer Schafgarbenblüte wartet sie auf ihre Lieblingsspeise – Schwebfliegen.

Heupferdchen

Das grüne Heupferd wehrt sich - mit einem Magensäureangriff

Weiter geht es durch die hüfthohen Stängel. Ein Heupferdchen springt von Margerite zu Margerite. "Das kenne ich – sieht aus wie Flip aus Biene Maja". "Nee", korrigiert Tumbrinck. "Flip war eine Kurzfühler-Schrecke. Die hier hat lange Fühler." Ein Griff und der Insektenkundler hat die Heuschrecke zwischen den Fingern. Doch die wehrt sich nach Kräften. Nicht mit Bissen. Sie spukt einfach ätzende Magensäure aus. Schrecken sind Tumbrincks Spezialgebiet. Seit Jahrzehnten erforscht er die Tiere rund um den Globus.

"Nur was für Verrückte"

Während die Hummeln nach einem Schauer noch träge auf den Blüten sitzen, entdecke ich einen kleinen Käfer mit bläulichem Panzer. Was ist das? "Das guck ich gleich nach", verspricht Tumbrinck, der nicht nur eine ganze Privatbibliothek über Insekten hat, sondern auch noch 20.000 Fachartikel zuhause hortet und vielerlei Schaukästen zur Artenbestimmung – mit aufgespießten Schrecken, Bienen und Schmetterlingen. In seiner Freizeit schreibt er Fachaufsätze, Buchartikel und bestimmt neue Arten aus Afrika und Neuguinea. "Das ist aber nur was für Verrückte." (Der blaue Käfer war am Ende übrigens ein Scheinbockkäfer.)  

"Ökologisches Desaster"

Hummel an einer Blüte

Wichtiger Job: Hummel beim Bestäuben

Zurück zur Magerwiese: Wer hier nur kurz ganz still steht, entdeckt plötzlich auf zwei Quadratmetern ein ganzes Gewimmel an Insekten. Bienen, Libellen, Wanzen und Fliegen, Zikaden und sogar Nachtfalter – am helllichten Tage. Doch dieses Stück heile Welt ist trügerisch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. An unterschiedlichen Standorten hat beispielsweise der Entomologische Verein Krefeld in den letzten drei Jahren Insekten in der Region gezählt und die Zahlen mit früheren Untersuchungsergebnissen verglichen. Fazit: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Fluginsekten um bis zu 80 Prozent zurückgegangen.

"Diese Untersuchungen fanden in Schutzgebieten statt. Das ist ein ökologisches Desaster", sagt Josef Tumbrinck. Insekten sterben weitgehend unbemerkt. Doch ein Indiz dafür könnten selbst Laien leicht bemerken. "Wenn Sie vor 20 oder 30 Jahren mit dem Auto fuhren, hatten Sie die Windschutzscheibe voll mit Insekten. Das gibt es heute nicht mehr.“

Bestäuber fehlen

Josef Tumbrinck

Insektenexperte: Josef Tumbrinck

"Fehlen die Insekten, werden auch insektenfressende Vögel weniger." So sinkt auch die Zahl von Mauerseglern, Gartenrotschwanz oder Trauerschäpper. Werden auch noch Hummeln oder Wildbienen weniger, fehlen Bestäuber. Dann gingen auch die Ernten zurück. Das sei aber eher der menschliche Blick auf die Verluste. "Als Naturschutzbund sind wir dazu da, denen eine Stimme zu geben, die sich nicht im Bundestag melden können."

Artenarme Heuwiesen

Heuwiese

Typische Heuwiese: Hier blüht nur das Gras

Wer ist denn nun verantwortlich für dieses Artensterben? Hauptgründe seien das Ausräumen der Landschaft und natürlich auch die intensive Landwirtschaft, sagt Tumbrinck. Ein Acker werde oft bis zum Straßenrand gepflügt, blühende Seitenstreifen immer weniger. Heuwiesen werden gedüngt, mehrmals im Jahr geschnitten und Unkräuter vernichtet. "Da wachsen am Ende dann nur noch zwei Grassorten und keine einzige Blühpflanze mehr." Außerdem werden die verwendeten Pestizide und Insektengifte von Ackerflächen in die Umgebung getragen. "Wenn diese Mittel in allerkleinsten Dosen toxisch sind, ist es kein Wunder, dass auch 200 Meter weiter die Insektenmenge abnimmt."

Menschen ernähren und Arten erhalten

Doch selbst in Naturschutzgebieten des Landes sei es immer noch nicht verboten, mit Pestiziden, Glyphosaten oder Gülle zu arbeiten. "Das ist die gute alte Praxis und erlaubter Alltag. Das weiß nur keiner." Es gehe auch ums Geld und EU-Mittel für Grünwiesen. "Wir haben Fälle in eigenen Reihen, wo Naturschützer und engagierte Landwirte ihre bunten Wiesen nicht mehr gefördert bekommen sollen, weil das keine gute Landwirtschaftsfläche mehr ist. Weil dort nicht mehr genug Gras wächst, sondern viel zu viele Blüten. Dabei müsse die Herausforderung doch heißen, Menschen zu ernähren und Arten zu erhalten."

Gärten als Rettungsinseln

Gartenzaum mit Blumen

Bienenweide am Gartenzaun

Gärten seien in heutiger Zeit wichtige Rettungsinseln in dicht besiedelten Gebieten. Tumbrincks Tipp: Kein Gift, blütenreiche Pflanzen aus der Region und ruhig mal Totholz im Garten liegen lassen. "Das ist kein totes Holz, da ist eine Menge Leben drin."

Am Samstag und Sonntag (18./19.06.2016) werden zum Geo-Tag der Artenvielfalt landesweit zahlreiche Veranstaltungen zur Erfassung der heimischen Tier- und Pflanzenwelt in Nordrhein-Westfalen angeboten. Auch der Naturschutzbund NRW (Nabu) ruft Artenzähler auf, sich zu beteiligen, und zum Beispiel zur Lippemündung nach Wesel zu kommen. Dort werden Experten 24 Stunden lang das Schutzgebiet auf seine Artenvielfalt untersuchen. Besuchern werden die Funde ebenfalls vorgestellt. Schwerpunkt des Geo-Tags der Artenvielfalt werden die Heideterrassen in der Wahner Heide sein. Von der Burg Wissem bei Troisdorf werden die Expertinnen und Experten zu zahlreiche Exkursionen starten. Auch dort werden Experten 24 Stunden unterwegs sein.

Stand: 18.06.2016, 06:00