Künstliche Eizellen aus der Petrischale

Zwei Hände in blauen Gummihandschuhen halten eine weiße Maus

Künstliche Eizellen aus der Petrischale

Von der Mäusehaut zum Mäusebaby: Japanischen Forschern ist es gelungen, aus normalen Körperzellen reife Eizellen zu züchten und zu befruchten. Ein Durchbruch, der enorme Folgen für die Reproduktionsmedizin haben könnte.

Wie das Team um Katsuhiko Hayashi am 17.10.2016 in der Zeitschrift "Nature" berichtete, wurden zunächst Bindegewebszellen der Haut in ominpotente Stammzellen verwandelt und daraus Eizellen entwickelt. Diese wurden dann im Reagenzglas mit Mäusespermien befruchtet und in die weiblichen Tiere eingepflanzt. 97 Prozent der künstlich hergestellten Eizellen entwickelten sich nicht weiter, aber elf gesunde und fruchtbare Mäusebabys kamen zur Welt. Genug, um Wissenschaftler in aller Welt von einem Durchbruch sprechen zu lassen.

Entscheidende Hürde genommen

Das Entscheidende: Erstmals ist es gelungen, die befruchtungsfähigen Eizellen im Labor heranreifen zu lassen. Das japanische Forscherteam von der Kyushu-Universtität in Fukuoka hatte schon 2012 Eizellen aus Stammzellen gezüchtet, musste sie aber zur Reifung in die Eierstöcke der Mäuse implantieren. Diese Hürde konnte das Team nun überwinden: Der Weg von der Hautzelle zur reifen Eizelle fand komplett im Labor statt. Die Mäuse-Mütter mussten die befruchteten Eizellen nur noch austragen.

Die Mischung macht's

Eizellen werden am 12.08.2015 in einer Kinderwunschpraxis von einer Biologin präpariert. [Archiv]

Am Ende steht die Befruchtung

Dass embryonale Stammzellen von Mäusen in Eizellen umgewandelt werden können, war schon lange bekannt. Die Japaner aber experimentierten nun mit Bindegewebszellen weiter, die sie der Schwanzspitze entnahmen. Die wurden mit Hilfe eines Chemikaliencocktails zu induzierten pluripotententen Stammzellen (iPS-Zellen) und dann zu Urkeimzellen, die in der Petrischale mit Zellen aus Eierstöcken von Mäusen versetzt wurden. Eine Mischung, die reife Eizellen produzierte - und das eben aus "Allerweltszellen", die eigentlich gar nicht dafür bestimmt waren.

Erst Mäuse, dann Menschen?

Ob das Verfahren auch bei Menschen funktionieren würde? Können also Frauen, die sich vergebens Kinder wünschen, weil sie keine gesunden Eizellen haben, jetzt hoffen? Ganz klar ist es nicht. Einige Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Mäusezellen zum Umprogrammieren andere Wachstumsfaktoren brauchen als Menschenzellen. "Der Mensch ist keine Maus", sagt deshalb etwa Henning Beier, ehemaliger Leiter der Anatomie und Reproduktionsbiologie der RWTH Aachen, der die Möglichkeit einer solchen Anwendung für "reine Spekulation" hält. Ja, es geht, sagt hingegen Michele Bioani vom Institut von Münster: "Da die Generierung humaner iPS-Zellen bereits etabliert ist, stellt der Schritt von der Maus zum Menschen nunmehr eine ethische, jedoch keine technische Frage dar."

Vielleicht machbar - aber ethisch umstritten

Reproduktionsmedizin

Mehr Eizellen für die künstliche Befruchtung?

Manche Forscher wünschen sich weitere Experimente mit Schafen oder Schweinen, um das Verfahren zu testen. Gedanken darüber, ob der Schritt von der Maus zum Menschen überhaupt getan werden sollte, machen sich aber alle. Es sei alles eine Frage der Ethik, sagt zum Beispiel James A. Adjaye, Direktor am Institut für Stammzellforschung der Universität Düsseldorf - und damit schwierig zu beantworten. Denn menschliche Urkeimzellen mit Nährzellen aus dem menschlichen Eierstock zu vermischen und dann die im Reagenzglas erzeugte Eizelle auch noch künstlich zu befruchten, sei "ethisch nicht geboten". Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, weist in einer persönlichen Stellungnahme darauf hin, dass die umstrittene Eizellenspende überflüssig würde, wenn solche Eizellen zur künstlichen Befruchtung eingesetzt würden - einerseits. Andererseits sei ein "großflächiger" Einsatz der Präimplantationsdiagnostik denkbar, weil so eine genetische Auslese von Embryonen leichter möglich sei. "Das ist ein 'Designer-Baby-Szenario'", sagt Dabrock.

Eine Welt ohne Sex?

Eine solche Massenherstellung und Massenselektion von Embryonen sei in Deutschland derzeit verboten, betont Dabrock. Das gilt auch für die Leihmutterschaft. Per Embryonenschutzgesetz erlaubt ist lediglich die Herstellung von Eizellen aus Stammzellen. Diese Gesetzeslage könnte sich allerdings ändern, sollte das Verfahren auf den Menschen übertragen werden können. Dann könnten zum Beispiel auch schwule Paare eigene Kinder bekommen oder Einzelpersonen sich klonen lassen. Am Ende könnte sogar eine "Welt ohne Sex" entstehen, wie sie ein amerikanischer Jura-Professor heraufbeschworen hat. Das wäre aber "ein Bruch mit einer wichtigen biologischen Disposition des Menschen", stellt Wissenschaftshistoriker Gereon Wolters fest - und warnt vor "bedeutenden kulturellen und sozialen Konsequenzen".

Stand: 18.10.2016, 16:00