Tierschutzwidrige Trainingsmethoden beim CHIO in Aachen?

Reiterin mit Pferd

Tierschutzwidrige Trainingsmethoden beim CHIO in Aachen?

Von Katharina Adick

  • Am Sonntag (23.07.2017) endete der CHIO in Aachen
  • Unsere Recherchen belegen umstrittene Trainingsmethoden
  • Deutsche Reiterliche Vereinigung bestreitet Vorwürfe

Auf dem sogenannten Abreiteplatz des CHIO werden Pferde von ihren Reitern auf die bevorstehende Dressurprüfung vorbereitet. Unsere Beobachtungen mit einer Wissenschaftlerin am Trainingsplatz beim diesjährigen CHIO zeigten, dass mehrere Reiter ihre Pferde in extrem enger Kopfhaltung ritten. Gut erkennbar ist die Nasenlinie, die nicht senkrecht auf den Boden weist, sondern stark zurückgezogen wird. Der Pferdehals wird regelrecht aufgerollt.

Die Blickrichtung des Pferdes geht dabei nach unten, das Maul wird sehr eng an die Brust gezogen und hat im Extremfall sogar Kontakt. Auf dem CHIO in Aachen war diese Trainingsmethode in unterschiedlichen Ausprägungen zu sehen. Diese auch als Rollkur bezeichnete Haltung soll das Pferd empfänglicher machen für die Befehle des Reiters.

Dressurreiten beim CHIO in Aachen 08:31 Min. Verfügbar bis 31.07.2022

Ein neuer Name für die Rollkur

Direkt verboten ist die Rollkur auf Turnieren nicht. Die Reiter bewegen sich in einer Grauzone. Der Begriff "Rollkur" ist nach Skandalbildern in der Vergangenheit auch in der Reiterszene verpönt. Der Ausdruck "Low, deep, round" hat ihn abgelöst und mit diesem Begriff ist die Reitweise mit zeitlichen Beschränkungen und unter bestimmten Bedingungen zulässig.

Montage: Pferd, Zeichnung Zügelhaltung

links: die Nasenlinie ist nach hinten gezogen, rechts: sie verläuft senkrecht

Die Biologin Dr. Kathrin Kienapfel, selbst Dressurreiterin, hat zu den Auswirkung dieser Extremhaltung geforscht und für uns die Videoaufnahmen aus Aachen ausgewertet. Sie betont, dass eine Differenzierung zwischen Rollkur und "Low, deep, round" in der Wissenschaft nicht gibt. Zu den Aufnahmen aus Aachen sagt sie: "Wenn man so reitet, dann ist das tierschutzwidrig, denn hier werden dem Pferd Schmerzen oder Leiden zugefügt."

Studienlage mittlerweile klar

Andere Wissenschaftler sehen die Rollkur ähnlich kritisch. Mittlerweile liegen sehr viele Arbeiten vor. Neu ist eine Übersichtsarbeit zu vielen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Rollkur. "Die Studienlage zur Rollkur bzw. 'Low, deep, round' oder Hyperflexion ist mittlerweile klar – es sind mehr als 50 Studien vorhanden, die sich damit befasst haben und es ist unter dem Strich dabei herausgekommen, dass man die Pferde so nicht reiten darf,“ erklärt Kienapfel.

Winkel des Kopfs wichtig

Zwei weitere Fachleute, denen wir das Material gezeigt haben, teilen die Einschätzung, dass einzelne Trainingsmethoden auf dem Dressurtrainingsplatz beim CHIO tierschutzwidrig seien.

Der Veterinärmediziner Ulf-Michael Stumpe hat an der Uni Wien an einer der Untersuchungen zur Hyperflexion mitgearbeitet. Er behandelt in seinem beruflichen Alltag immer wieder ehemalige Sportpferde, die derart eng aufgezäumt geritten wurden. "Ich habe noch keinen einzigen Beweis dafür gesehen, dass eine Rollkur nicht tierschutzwidrig ist."

Montage: Zügelhaltung beim Pferd

Bei der Rollkur weist der untere Halsmuskel in der Haltung eine unnatürliche Daueraktivierung auf

Stumpe betont, dass es dabei vor allem auf die Anwinkelung des Kopfes ankommt. Gleichgültig, ob mit erhobenem oder gesenktem Hals. Er hat festgestellt, dass es noch deutlich schwerwiegendere Folgen für die Pferde haben kann, wenn der Kopf oben aufgerollt wird.

"Erlernte Hilflosigkeit" der Pferde

Die Szenen vom Abreiteplatz des CHIO zeigen laut der von uns befragten Fachleute außerdem, wie Schmerzreize genutzt wurden, um die Tiere in der Zwangshaltung zu halten. Immer wieder sind Abwehrreaktionen der Pferde zu sehen, manchmal aber auch nicht. Die Biologin Dr. Vivian Gabor, Pferdewissenschaftlerin an der Universität Göttingen, spricht vom Phänomen der "erlernten Hilflosigkeit". Das Pferd habe gelernt, sich aus einer negativen Situation nicht mehr aus eigener Kraft befreien zu können und resigniere.

Reiterliche Vereinigung bestreitet Vorwürfe

Der CHIO Aachen ist ein internationales Turnier, das nach dem Regelwerk des Weltreiterverbandes FEI ausgetragen wird. Der nationale Mitgliedsverband ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). Er distanziert sich vom Vorwurf "tierschutzwidrigen Verhaltens".

In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: "Sowohl nach internationalem als auch nationalem Reglement sind aggressives Reiten und eine Zwangshaltung des Pferdes, die durch Krafteinwirkung hervorgerufen wird, nicht akzeptabel. Derartiges Verhalten ist jedoch in dem achtminütigen Videomaterial, das uns vorliegt, nicht zu beobachten. Sicher wird hier in Teilen unschönes Reiten gezeigt, jedoch keine Tierschutzwidrigkeit."

Stand: 26.07.2017, 17:03