Heimische Wildbienen auf der roten Liste

Heimische Wildbienen auf der roten Liste

Von Katja Goebel

Die Zahl der Imker in NRW wächst und ihre Zuchtbienen haben den letzten Winter gut überstanden. Aber wie steht es um die wilde Verwandtschaft? Und wer ist eigentlich wichtiger für das Ökosystem?

"Bienenhaltung ist wichtig, aber zeitaufwendig", sagt Norbert Pusch. Der Iserlohner hält selbst zehn Bienenvölker und ist Sprecher des Landesverbandes Westfälischer und Lippischer Imker. Bis zu 14 Stunden in der Woche ist er mit seinen Völkern beschäftigt, die er an Waldrändern, Streuobstwiesen und Feldern fliegen lässt. Seit Jahren schon bleiben seine Bienen von gefährlichem Milbenbefall verschont. Ein Bienenmonitoring, bei dem jährlich Proben bei Imkern genommen werden, soll helfen, Krankheiten wie zum Beispiel den Befall mit Milben einzudämmen. Norbert Pusch behandelt seine Völker wie die meisten Vereinskollegen vorbeugend mit Ameisensäure, die über einen Verdunster im Bienenstock verteilt wird. "Ich hatte in den letzten drei Jahren keinen Bienenverlust im Winter."

Bienen steigern Ernteertrag

Mit seinen zehn Bienenvölkern hält Norbert Pusch mehr Bienen als der Durchschnittsimker in NRW, doch die Zahl der Bienenhalter wächst. "Allein in unserem Verband Westfalen-Lippe haben wir seit dem letzten Jahr 800 Neuimker. Und auch immer mehr Frauen entdecken das Hobby für sich." In Nordrhein-Westfalen halten mehr als 12.000 Imker rund 70.000 Bienenvölker. Etwa 2.200 Tonnen Honig im Wert von etwa 17,7 Millionen Euro produzierten die Bienen allein im hiesigen Bundesland. "Es gibt aber auch Leute, denen kommt es gar nicht auf den Honig an, die wollen auf natürliche Weise etwas für die Umwelt tun". Die Bienen sind wichtige Blütenbestäuber. "Wenn Sie Bienen an einer Obstwiese halten, steigt der Ertrag nachweislich um 80 Prozent," rechnet Pusch vor. Umgekehrt verlerne ein Obstbaum das Blühen, wenn er längere Zeit nicht bestäubt wurde.

"Den Honigbienen in NRW geht es gut"

Bienenschwarm an einer Holzlatte

Imkern - geht auch mitten in der Stadt

Durch den Bienenflug werden auch die Erträge zahlreicher Nutzpflanzen in der Landwirtschaft gesteigert. "Der Imker hat eben ein Hobby, das auch ganz vielen anderen nützt", sagt Dirk Franciszak, Vorsitzender des Imkerverbandes Rheinland. Die erfreuliche Nachricht: "Den Honigbienen in NRW geht es gut. Sie sind gut durch den Winter gekommen. Erst kamen die Temperaturen zwar nicht richtig auf dem Quark und dann stand plötzlich alles in Blüte. Aber es gibt nichts zu meckern. Die erste Maiwoche war extrem gut. Da bekommen Imker Glanz in den Augen." Und in den Städten fühlten sich die Bienen häufig schon wohler als auf dem Land. Warum? "Mehr Vielfalt", sagt der Honigbienen-Experte. Parkanlagen mit blühenden Bäumen, naturnahe Gärten, große Friedhöfe - selbst auf Hochhausdächern seien immer mehr Bienenstöcke zu finden.

Wildbienen sterben unbemerkt

Doch wie ergeht es - im Gegensatz zu der von Menschen gepäppelten Zuchtbiene - ihrer wilden Verwandtschaft? Da sind die Nachrichten weniger erfreulich. Die Wildbienenbestände schrumpfen bedenklich. Von den über 500 Wildbienenarten in Deutschland steht schon die Hälfte auf der Roten Liste. Laut Umweltministerium sind von den 364 Wildbienenarten allein in NRW schon 45 ausgestorben. Im Gegensatz zur Honigbiene ist die Wildbiene ein Spezialist. "Die 500 Arten haben ganz unterschiedliche Mundwerkzeuge und sind so an ganz unterschiedliche Blüten angepasst. So können sie zusammengenommen im Gegensatz zur Honigbiene alle heimischen Blütenarten bestäuben", sagt Thomas Hövelmann, Projektleiter, NABU-Naturschutzstation Münsterland. Würden die Wildbienen aussterben, würde ein Großteil der Wildpflanzen und Obstbäume nicht mehr bestäubt. "Das könnte man auch durch Honigbienen nicht auffangen." Aussterbende Pflanzen und Ernteeinbrüche wären die Folge. Etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird von Bestäubung beeinflusst. Laut NABU habe eine internationale Studie zudem gezeigt, dass die wildlebende Verwandtschaft effektiver arbeitet als die Honigbienen.

Ausgeräumte Naturflächen, Golfrasen im Garten

Hauptursache für den dramatischen Schwund der Wildbienen sei die fehlende Struktur in der Landschaft. Blumenreiche Wiesen und Weiden, strukturreiche Waldränder und Totholz sind vielerorts aus der Landschaft verschwunden. "Die Agrarflächen sind ausgeräumt. Auf den Äckern wird zum Beispiel Mais angebaut und blühendes Unkraut mit Pestiziden vernichtet. Also auch dort keine Nahrung für die Wildbiene." Das Gleiche gelte natürlich für heimische Gärten. Bei gepflegtem Golfrasen, Buchsbaum und Geranien ist für Bienen nichts zu holen. "In so einem Garten würde eine Biene glatt verhungern und was noch schlimmer ist, sie hätte keine Nahrung für ihren Nachwuchs."

Rote Mauerbiene im Anflug auf ihren Nesteingang

Brutpflege bei Wildbienen: Eine Mauerbiene verstopft ihr Nest

Apropos Nachwuchs: Den zieht die Wildbiene nicht wie die Honigbiene in einem Staat heran, sondern sie baut allein ein Nest für die Brut. Gerne auch mal im Loch eines Terrassentisches aus Holz. Hier legt die Biene einzelne Eier und gleich noch ein Versorgungspäckchen mit Nektar dazu. Davon ernähren sich die Larven. Wer die Biene am Tisch beim Nestbau entdeckt, muss nicht hektisch werden. Wildbienen stechen nicht. "Sie besitzen zwar einen Stachel, doch der ist im Gegensatz zur Honigbiene zu schwach, um durch die menschliche Haut zu dringen."

Machen Honigbienen den Wildbienen Konkurrenz?

"Uns als Naturschutzbund liegen natürlich die Wildbienen eher am Herzen", gibt der Biologe Thomas Hövelmann zu, der ein Schutzprogramm für Wildbienen im Münsterland leitet. Und ja, es gäbe auch mal Konkurrenz um Blütenpollen und Nektar - aber die sei wohl eher lokal und nur in unmittelbarer Nähe eines Imkers festzustellen. "Auch die Honigbiene ist Teil des Ökosystems, weil sie heimische Blüten bestäubt." Und so gelte es am Ende immer das gesamte Ökosystem zu schützen. "Wenn die Bienen aussterben, betrifft das als Nächstes auch die Wildpflanzen und Obstbäume und am Ende der Kette auch den Menschen."

Bienenfreundlicher Garten

Was also kann der Einzelne tun, um den Bienen ganz generell zu helfen? Der Anfang wäre ein bienenfreundlicher Garten oder Balkon. Prächtige Blüten, die auch Bienen schmecken, sind zum Beispiel Löwenmäulchen, Kosmeen, Husarenknöpfchen, Goldkosmos, Goldlack, Fächerblume, Kapuzinerkresse, Prachtkerze, Verbene, Männertreu, Wandelröschen, Löwenmäulchen, Steinkraut, Sonnenauge, Sonnenhut, Kokardenblume, Kapmalve oder Portulakröschen. Auch viele Küchen-Kräuter sind wahre Delikatessen für Bienen, Hummeln und andere Insekten, zum Beispiel Salbei, Lavendel, Thymian, Borretsch, Bohnenkraut, Schnittlauch, Majoran, Ysop, Zitronenmelisse oder Pfefferminze.

Gerade weil die Bienen so unerlässlich für das Ökosystem sind, würden sich Bienenschützer und Imkerverbände über mehr Schutzmaßnahmen und finanzielle Hilfen freuen. Imker in NRW bekämen vom Land eine jährliche Unterstützung von 200.000 Euro, berichtet Dirk Franciszak vom Imkerverband Rheinland. "Nur zum Vergleich: Der Trabrennsport wird mit 1,3 Millionen Euro subventioniert."

Stand: 27.05.2016, 09:00