Forscher lassen ersten Baum in Deutschland twittern

Kieferbaum mit Sprechblase und Hashtag-Raute

Forscher lassen ersten Baum in Deutschland twittern

Von Andreas Sträter

Dass Menschen mit ihren Pflanzen sprechen, kommt vor. Doch nun wollen Forscher einen Baum "zum Sprechen" bringen. In Berlin stellten sie am Donnerstag (14.04.2016) den ersten twitternden Baum in Deutschland vor.

Das Zwitschern im Wald erhält eine neue Bedeutung. Nicht die Vögel machen auf sich aufmerksam, sondern die Bäume. Als bundesweit erster Baum twittert demnächst eine Kiefer aus der brandenburgischen Schorfheide über ihren Gesundheitszustand. In Echtzeit sollen dabei Daten des Baumes, zum Beispiel über den Wasserfluss oder die Verdunstung, über den Social-Media-Dienst Twitter einlaufen, erläutert Tanja Sanders, Forscherin am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde, das als Bundesforschungsinstitut an dem Projekt beteiligt ist. Das Vorhaben wird am Donnerstag (14.04.2016) offiziell in Berlin vorgestellt.

10.000 Euro teurer "Fitnesstracker"

Die Kiefer auf dem Versuchsfeld des Instituts wird dafür mit Messfühlern und Sensoren ausgestattet, die ihre Vitalwerte per Computer und WLAN-Verbindung direkt ins Internet übertragen. "Es funktioniert wie eine Art Fitnesstracker beim Menschen, nur dass unser System pro Baum 10.000 Euro kostet", erläutert Institutsleiter Andreas Bolte. Um den Strom des Wassers im Holz zu messen, versenken Forscher der Universität Gent Sonden im Holz und somit im Wassersystem des Baums. Die belgischen Forscher haben bereits sechs Bäume in ihrem Heimatland und einen Baum in den Niederlanden mit den Systemen ausgestattet.

Im Kern geht es darum, Veränderungen im Wasserhaushalt von Bäumen zu erkennen, weil der Wassertransport eines Baumes mit dem Herzschlag gleichzusetzen ist. Im Stamm befinden sich viele winzig kleine Röhrchen, die so genannten Kapillaren. In ihnen steigt automatisch das Wasser auf. Wissenschaftler erklären diesen Aufstiegseffekt mit der besonderen Ladung von Wassermolekülen und der Kraft der Sonne. Sie sorgt dafür, dass die Luft erwärmt wird und aus den Öffnungen der Blätter Wasser verdunstet, so dass eine Saugspannung im Baum entsteht. Das aus dem Boden aufgesogene Wasser kann durch diesen Mechanismus bis zu 100 Meter hoch bis zur Krone steigen, um so Äste und Blätter mit Nährstoffen zu versorgen.

Angaben zu den Umweltbedingungen fehlen

Die Forscher wollen mit dem Twitter-Projekt herausfinden, wie Bäume und Wälder auf zunehmende Hitze und Trockenheit reagieren, erklärt Bolte. In den Tweets der Bäume finden sich Angaben zum Wachstum, zum Wassertransport und zur Geschwindigkeit, mit der der Baum Wasser transportiert.

Informationen zum Wetter oder zur Wasserverfügbarkeit im Boden finden sich nicht. Dabei seien diese sehr wichtig, erläutert Annette Menzel. Die Professorin für Ökoklimatologie an der Technischen Universität München ist zwar nicht am Projekt beteiligt, kennt es aber und gibt zu Bedenken: "Nur aus dem Zusammenspiel von Umwelteinflüssen und dem Bauminneren lassen sich neue Erkenntnisse rekonstruieren." Diese Informationen seien im Institut zwar verfügbar, tauchten aber in den Tweets nicht auf, räumt Forscherin Sanders vom Thünen-Institut ein. Wer die Tweets zu wissenschaftlichen Zwecken nutzen möchte, könne diese zusätzlichen Daten aber anfordern, sagt Sanders.

Dass Forscher den Strom des Wassers im Inneren eines Baumstamms messen, ist keine neue Erfindung. Neu ist der Verbreitungskanal der Informationen über Social Media. Mit den Tweets möchten Forscher vor allem Schüler und Studenten, also jüngere Menschen, erreichen.

Netzwerk soll weiter wachsen

Twitter Baum, Test Birke

Der Baum braucht ein "besonderes Handy" zum Twittern

Das von der Europäischen Union geförderte "Twittering Tree"-Netzwerk soll in naher Zukunft weiter wachsen. Die Kiefer in der Schorfheide ist der erste deutsche Baum, der seine Gesundheitswerte ins Internet sendet. Der Baum twittert allerdings nur dann über seinen Zustand, wenn er schrumpft und wächst oder sonstige Besonderheiten an sich feststellt. In langen Dürreperioden oder im Winter bleibe er vermutlich stumm, weil es dann keine Veränderungen der Daten gebe, sagt Sanders. "Wenn keine Fotosynthese stattfindet, gibt es auch keinen Wassertransport. Dann tut sich nichts."

"Allgemeingültige Antwort gibt es nicht"

Der Klimawandel und damit einhergehende Extremwetterlagen setzen Bäumen in ganz Europa mächtig zu. Über vier Jahre haben Genetiker, Ökophysiologen, Holz-Anatomen und Pflanzenökologen innerhalb des europäischen Forschernetzwerks "Streess" sich dieses Themas angenommen und für das Projekt Daten zusammengetragen. "Die allgemeingültige Antwort gibt es nicht, wie Wäldern geholfen werden kann", erklärt Institutsleiter Bolte. Um aus den Daten des Twitter-Projekts langfristige Schlüsse über extreme Wettersituationen oder den Klimawandel ziehen zu können, brauchen die Forscher nicht nur Geduld, sondern noch viele zusätzliche twitternde Bäume. Doch Ökoklimatologie-Professorin Menzel bleibt kritisch: Von Einzelereignissen könne man nicht auf den Klimawandel schließen.

Stand: 14.04.2016, 06:00