Das große Artensterben auf dem Land

Jauche wird auf Feld verspritzt

Das große Artensterben auf dem Land

Von Stefan Michel

Je effektiver die Bauern arbeiten, desto mehr wilde Tiere und Pflanzen werden ausgerottet. Das ist die bittere Bilanz von Naturschützern am Tag des Artenschutzes (03.03.2016). Aber es gibt auch Lichtblicke. Einige einst ausgestorbene Arten sind zurück in NRW.

Auf nordrhein-westfälischen Äckern und Wiesen findet ein Massaker statt. Die wilden Tiere und Pflanzen, die hier eigentlich zuhause sind, schwinden rapide. "Während wir darüber sprechen, stirbt gerade der Feldhamster aus", sagt Peter Schütz vom Landesamt für Natur (LANUV). Mehrere Vogelarten der offenen Feldflur sind auch bald ganz verschwunden. Und einst auf dem Land häufige Vögel wie Feldlerche, Kiebitz und Rebhuhn, Pflanzen wie Ackerrittersporn und Adonisröschen sind selten geworden. "45 Prozent der Arten in NRW sind vom Aussterben bedroht" oder bereits ausgestorben, schreibt das Umweltministerium. Die meisten auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Pestizide so wirksam wie nie

Auch der Flächenverbrauch von zehn Hektar pro Tag durch Bebauung und Braunkohletagebau sei ein wichtiger Grund für das Massensterben, meint Peter Schütz. Der andere aber sei die Intensivierung der Landwirtschaft. Etwa der Einsatz von Spritzmitteln, die so wirksam sind wie nie zuvor: Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat für "saubere Ackerflächen", dessen Abbauprodukte "en masse" überall in der Natur zu finden seien. Und die Insektenvernichtungsmittel Neonicotinoide, mit denen "sogenannte Schädlings-Populationen beinahe vollständig vernichtet" werden. Mit Wildkräutern und kleinen Insekten wird aber auch die Nahrung von Wildbienen und Vögeln vernichtet.

Magerrasen kaputt gedüngt

Und dann die Düngung. Wenn mehrmals im Jahr eine kräftige Ladung Kunstdünger oder Gülle auf den Äckern landet, schädigt das nicht nur das Leben im Boden. Auch die angrenzenden Gewässer "gehen kaputt", so Schütz.

Ein Teil des Stickstoffs aus diesen Düngungen wird, zusammen mit den Abgasen der Autos, von der Luft in weit entfernte Gebiete transportiert. Auch die extrem artenreichen Magerwiesen bekommen so eine Düngerdusche. Hier erwischt es dann die "Hungerkünstler" unter den Pflanzen, wie es Margaret Bunzel-Düke von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz nennt. Orchideen zum Beispiel werden von anderen Pflanzen überwuchert, wenn viel Stickstoff in ihren Lebensraum gerät.

Geiz ist für die Natur gar nicht geil

"Der Bauer ist nur zu 50 Prozent schuld", findet Peter Fasel von der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein. Die Landwirte könnten kaum anders handeln, wenn sie wirtschaftlich zurecht kommen wollen. Die Mitschuld liege bei den Verbrauchern, die für die Lebensmittel so wenig Geld wie möglich ausgeben wollen.

Naturschutz zahlt sich für die Bauern nicht aus – es sei denn, der Staat nimmt Geld dafür in die Hand. Für zehn Prozent des Grünlandes im Sieger- und Sauerland besteht Vertrags-Naturschutz, so Fasel. Das heißt: Die Bauern mähen erst spät im Jahr, damit keine Vogelnester zerstört werden. Sie düngen gar nicht oder wenig. Und sie bekommen die Einbußen ersetzt, die ihnen dadurch entstehen. Auf diesen Wiesen gedeihen Schneeglöckchen, Märzenbecher und Wiesensalbei. Für Bauern im fruchtbaren Flachland ist das aber nicht verlockend. "Mais- und Rapsäcker für Biogas lohnen sich für sie allemal eher", so Peter Schütz vom LANUV. Fazit: Wenn das Artensterben gestoppt werden soll, muss das Land mehr Geld für Vertragsnaturschutz ausgeben, "das ist korrekt".

Aufatmen im Wald

Lichtblicke? Oh ja, die gibt es auch. Einst ausgestorbene Arten wie Luchs, Fischotter und Biber sind zurück in NRW. Vor Jahren noch extrem gefährdete Tiere wie Weißstorch und  Schwarzstorch, Wildkatze, Uhu und Wanderfalke breiten sich wieder aus. "Weil nicht mehr auf sie geschossen werden darf", sagt Schütz. Aber das ist nur ein Grund. Entwässerte Moore und Flussauen sind wieder vernässt worden, etwa im Raum Minden, in der Soester Börde, dem Münsterland und am Niederrhein. Das freut Weißstorch und Biber.

Vor allem aber haben "viele Waldarten zugenommen", erklärt Biologe Fasel. Zu ihnen zählen Schwarzstorch und Wildkatze, Hirschkäfer und Feuersalamander, Spechte und Fledermäuse. Vor allem die Staatsförster wirtschaften inzwischen naturnäher, mit Mischwäldern statt Fichtenplantagen. Und dann gab es Orkane wie Wiebke und Kyrill. Die waren "wirtschaftlich grausam, aber ökologisch super", so Schütz. Auf den vom Sturm verwüsteten Flächen gedeihen heute Kräuter, Sträucher und Baumkinder vieler verschiedener Arten. "Da entsteht strukturell wieder so etwas wie Urwald."

Stand: 03.03.2016, 07:28