Was ein Totalverzicht auf Pestizide bedeuten würde

Gefahrenschild in Kornfeld

Was ein Totalverzicht auf Pestizide bedeuten würde

  • Glyphosat ist das meistgenutzte Totalherbizid in Europa.
  • Rund 90 Prozent der Landwirte nutzen Pflanzenschutzmittel. Bei einem Totalverbot müssten sie sich komplett umstellen.
  • Die Ertragsverluste würden vermutlich eine Ernährungsumstellung nötig machen.

Neben Glyphosat gibt es noch hunderte andere Pestizide, die für die Landwirtschaft in Deutschland zugelassen sind. Es scheint, als ginge es nicht ohne. Dabei verzichten ökologische Landwirte bereits auf chemisch-synthetische Pestizide und ebenso auf Kunstdünger. Trotzdem müssten bei einem Totalverzicht rund 90 Prozent der Bauern ihre Anbaustrategien und –Methoden komplett überdenken —  mit weitreichenden Folgen.

Ein Landwirt versprüht auf einem Feld ein Pestizid

Was passiert, wenn die Landwirtschaft auf Pestizide verzichtet?

Gesundheitsrisiken

Ein Verzicht auf Pestizide wie Glyphosat heißt auch, mögliche Gesundheitsrisiken auszuschließen. Zahlreiche Studien hatten das Mittel in Brot, Bier und sogar Urin nachgewiesen. Das Krebsrisiko wird von verschiedenen Instituten unterschiedlich bewertet.

Gleichzeitig führt ein Verbot von Pestiziden dazu, dass sich mögliche Parasiten, Pilze und Bakterien im Getreide oder den Obstsorten ausbreiten und selber Gifte produzieren. "Es geht immer auch um die Qualität, denn ohne Pflanzenschutzmittel ist man nicht mehr in der Lage, Kontaminationen durch Schädlinge zu kontrollieren", sagt Bernhard Krüsken.

Artenvielfalt und Umwelt

Der intensive Einsatz von Pestiziden wird für den Rückgang der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren verantwortlich gemacht, schreibt das Umweltbundesamt im Hinblick auf wissenschaftliche Studien. Ohne Pestizide könnten die Arten vermutlich zurückkehren.

"In einer Landwirtschaft ohne Pestizide ist der Bauer auf ein stabiles Gleichgewicht mit der Natur angewiesen. Dafür brauchen wir gesunde Böden und weite Fruchtfolgen“, sagt Gerhald Wehde. Das erhöht das Nahrungsangebot und schafft Lebensräume.

Schmetterling Fuchs

Ertrag und Lebensmittel

Ohne Pestizide wären Kulturen wie Weizen, Wein und Kartoffel den Schädlingen ausgesetzt. Der deutsche Bauernverband hält bei konventioneller Landwirtschaft Ertragsverluste zwischen 30 und 50 Prozent für möglich, bei Obst und Gemüse sogar mehr. „Sie können beispielsweise noch 80 Prozent ernten, aber durch den Schädlingsbefall nicht vermarkten. Der wirtschaftliche Verlust liegt dann bei 90 Prozent“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär vom Deutschen Bauernverband.

Auch ökologischer Landbau kann die Verluste nicht auffangen. „In Europa haben wir im ökologischen Bioanbau etwa 20 bis 30 Prozent weniger Ertrag als die konventionellen Betriebe“, sagt Gerald Wehde, Pressesprecher beim Öko-Verband Bioland. Andere Biobauern sprechen von bis zu 50 Prozent geringeren Erträgen im Getreideanbau.

Die Folge: Das Angebot würde sinken, die Lebensmittelpreise steigen.

Boden und Klima

Ohne Pestizide müssen Bauern die Unkräuter auf den Feldern mechanisch entfernen. Der Boden wird daher gepflügt. Gleichzeitig verbraucht der Traktor mehr Diesel als mit der Spritze und das geht auf die Klimabilanz. Zwar sparen Ökobauern die energieaufwendigen Pestizide und Düngemittel ein. Doch der niedrigere Ertrag führt letztlich dazu, dass das Kilo Öko-Getreide nicht zwangsweise die bessere Ökobilanz aufweist, wie eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zeigt.

Untersuchung zum Klimaschutz in der Land- und Forstwirtschaft

Kann es eine Landwirtschaft ohne Pestizide geben?

Sowohl konventionelle als auch ökologische Landwirte sind auf Gifte  im Kampf gegen Schädlinge angewiesen. "Wir brauchen das Kupfer auch für die Ökolandwirtschaft", sagt Gerald Wehde "Im Obst- und Weinbau müssen wir ansonsten mit erheblichen Einbußen oder sogar Totalausfällen rechnen." Kupfer beispielsweise ist zwar natürlichen Ursprungs, kann für die Umwelt jedoch ebenfalls giftig werden.

"Die Landwirtschaft arbeitet ständig daran, mit weniger Pflanzenschutzmitteln auszukommen. Es geht dabei auch darum, die negativen Auswirkungen zu kennen und zu reduzieren", sagt Krüsken.

Wissenschaftler haben sich bereits mit der Frage beschäftigt, ob die Welt auch ohne konventionelle Landwirtschaft ernährt werden kann, doch die Skepsis ist groß. Auf eine Landwirtschaft ohne Pestizide ist laut Studien nur dann denkbar, wenn auch die Gesellschaft mitmacht. "Wir müssen gleichzeitig auch eine Ernährungswende mitdenken", sagt Wehde. "Das heißt vor allem weniger Fleisch." Das scheint derzeit höchst unrealistisch, in vielen Ländern steigt der Fleischkonsum weiter an. Ein schrittweiser Verzicht auf Pestizide scheint realistischer.

Stand: 30.11.2017, 10:33