Urmensch in Europa – Sensation oder Hype ohne Grundlage?

Grafik Stammbaum von Vormensch zerrissen

Urmensch in Europa – Sensation oder Hype ohne Grundlage?

Von Michael Stang

  • Ein Unterkiefer und ein Zahn sorgen für Wirbel um den Ursprung der Menschen
  • Stand die Wiege der Menschheit in Europa – und nicht in Afrika?
  • Fazit: Vorschneller Medien-Hype

Anfang der Woche, 20 Uhr – auf Twitter, Facebook und Nachrichtenseiten überall dieselbe Schlagzeile: "Neue Theorie zur Abstammung des Menschen. Kommt der Urmensch doch aus Europa?" Selbst die Tagesschau berichtet über die Fossilien – eine Rarität. Was war passiert?

Zunächst die Fakten: Im Fachmagazin PLOS ONE berichten Paläoanthropologen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen von zwei Fossilien: ein Unterkiefer aus Griechenland und ein einzelner Zahn aus Bulgarien. Beide Versteinerungen gehören zur ausgestorben Primaten-Art Graecopithecus freybergi.

Die Analysen ergaben, dass die Zahnwurzeln verschmolzen waren. Das Resümee: Da es diese anatomische Besonderheit nur bei Vertretern der menschlichen Line gibt, könnte Graecopithecus im Stammbaum des Menschen Platz finden. Und es kommt noch besser. Neue Datierungen, die in einer zweiten Studie zeitgleich veröffentlicht wurden, ergaben, dass die Knochen rund 7,2 Millionen Jahre alt sind.

Folgerungen aus den neuen Daten

Bisher galt die Lehrmeinung, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vor rund sieben Millionen Jahren lebte. Die neuen Daten lassen den Studienautoren damit zwei Folgerungen zu:

  • Die Linie Mensch und Schimpanse hat sich ein paar hunderttausend Jahre früher getrennt als bislang gedacht
  • Da die Knochen aus Europa kommen und zeitlich wie auch anatomisch in den Stammbaum des Menschen passen, ist es möglich, dass die menschliche Linie in Europa (präziser ausgedruckt: entlang des Balkans) entstanden ist
Michael Stang

Michael Stang hat Anthropologie und Paläontologie studiert und berichtet für verschiedene Redaktionen als Fachautor – unter anderem zu Forschung an Knochen und DNA-Analysemethoden.

Eine Sensation also? Nur bedingt

Ein paar Hintergründe zu den Funden: Es sind keine Neuentdeckungen. Der Unterkiefer wurde 1944 gefunden, der Zahn vor ein paar Jahren. Die Fossilien sind lange bekannt und wurden bisher einem frühen Menschenaffen zugeschrieben – der für den Stammbaum des Menschen unbedeutend ist. Jetzt deuten die neuen Daten aber darauf hin: Vielleicht könnte dieser Primat eben doch nahe mit menschlichen Vorfahren verwandt gewesen sein.

Möglicherweise, eventuell – Die Konjunktive häufen sich

Und hier fangen die Spekulationen an. Denn bei der Interpretation der Daten ergeben sich riesige Spielräume. Fakt ist, dass die Studienergebnisse gut und wichtig sind. Daran gibt es keine Kritik.

Kritik gibt es aber in zweifacher Hinsicht

Menschen auf Hügel bei untergehender Sonne.

Woher stammt der Mensch?

Auf Seiten der beteiligten Wissenschaftler: Jeder Forscher freut sich, wenn über seine Ergebnisse berichtet wird. Da wird sich auch schon mal ein wenig vergaloppiert. Ein seit mehr als 70 Jahren bekannter Fund bekommt gleich einen Spitznamen ("El Graeco"), was sonst nur wirklich wichtigen oder vollständigen Frühmenschenfossilien (Lucy, Ardi, Turkana Boy, Mrs. Ples, Toumai, Taung-Kind) zusteht – das zeigt den Wunsch nach medialer Aufmerksamkeit. Bescheidenheit sieht anders aus. Ähnliches gilt für die Presseeinladung mit dem Titel "Forscherinnen und Forscher stellen neue Theorie zum Ursprung des Menschen vor" – eine Theorie, die plötzlich alle Stammbäume umwerfen soll?

Auf Seiten der Medien: Diese berichteten überwiegend begeistert in einmütigem Gleichklang, als gäbe es keine zweite Meinung. Der Fossilien-Fund schaffte es sogar in die Tagesschau um 20 Uhr, wo Wissenschaft eher nur bei Reaktorkatastrophen, Nobelpreisen oder Raumfahrtthemen auftaucht.

An dieser Stelle muss man der Pressearbeit der Universität Tübingen gratulieren. Das Medien-Team hat etwas geschafft, wovon die meisten Wissenschaftskommunikatoren nur träumen können. Nämlich davon, dass ihre journalistisch aufbereiteten Pressemitteilungen mehr oder weniger ungefiltert übernommen werden.

Wie kam es dazu?

Die dpa hatte die Pressemitteilung der Universität unter Sperrfrist erhalten, sie mehr oder weniger so belassen und über ihre Kanäle verteilt – und genau so tauchte die Nachricht auch in vielen großen Onlinemedien auf. Auch am nächsten Morgen gab es in Deutschland kaum ein Presseerzeugnis, das die Ergebnisse kritisch hinterfragt oder gar externe Experten zu Wort kommen lassen hatte.

Erst nach und nach, auch durch internationale Berichte, dämmerte es einigen Redaktionen wohl, dass ein wenig kritische Recherche hier wichtig gewesen wäre. Im Laufe der folgenden zwei Tagen gab es viele Folgeartikel – diesmal mit vielen Stimmen, darunter überwiegend kritische. Warum nicht gleich so?

Zwei winzige Funde werfen alles um? Unwahrscheinlich

Wäre diese Recherche direkt erfolgt, hätte "El Graeco" sicher nicht diesen Hype geschafft. Das Fachmagazin PLOS ONE selbst hatte die beiden Studien übrigens nicht so hoch gehängt – auf seiner Artikel-Vorschau unter Sperrfrist tauchten die Tübinger Studien gar nicht auf.

Und nun? Solange nicht weitere Fossilien von Graecopithecus entdeckt werden, wird die Tübinger Hypothese kein großes Gewicht in der Fachwelt erlangen. Europa war, genauso wie Asien, schon häufiger im Gespräch für den berühmten Standort der "Wiege der Menschheit" Weshalb zwei winzige Funde plötzlich alle Stammbäume umwerfen und Lehrbücher mindestens ergänzen sollen, ist mir ein Rätsel.

Viele Belege für parallele Entwicklungen

Es ist noch nicht einmal sicher, dass dieser Primat irgendwo in unserer direkten Ahnenreihe steht – es könnte ein unwichtiger Seitenast im Sinne einer evolutionären Sackgasse sein. Ebenso ist die Erklärung, warum sich ausgerechnet (auch) am Balkan Mensch und Affe getrennt haben, nur zum Teil einleuchtend. Die damaligen Umweltveränderungen lassen dies zwar möglich erscheinen, aber es gibt in der Biologie zahlreiche Belege für Parallelentwicklungen, regelmäßige Vermischung von Arten und so weiter. Weshalb hier diese üblichen Mechanismen der Natur nicht zum Zuge gekommen sein sollen und es nur eine finale Trennung gab, erklären die Forscher nicht.

Mehr Fragen als Antworten

Dennoch reden sie von "Vormenschen", eine unwissenschaftliche Bezeichnung, die etwas suggeriert, was es so niemals gab – und trotzdem taucht dieser von der Universität Tübingen lancierte Begriff überall auf. Wenn jüngere Funde aus der Frühzeit des Menschen, allen voran die Entdeckungen um Homo naledi aus Südafrika, eines gezeigt haben, dann das: Die Evolution des Menschen war wesentlich komplizierter als gedacht. Und selbst wenn viele Fossilien und gute Datierungen vorliegen, gibt es häufig mehr Fragen als Antworten.

Den einfachen Stammbaum, den Wissenschaftler einst so gerne am Schreibtisch gezeichnet haben, gibt es nicht. Die Natur hält sich nicht an vereinfachte Schemata.

Bisher blieb Kritik aus

Die Zeiten, in denen ein Forscherteam großspurig behaupten konnte, jetzt besser Bescheid als andere Kollegen zu wissen, sind eigentlich lange vorbei. Offenbar haben einige Wissenschaftler und Journalisten dies diese Woche nicht im Hinterkopf gehabt.

Professorin Madelaine Böhme, die Hauptautorin der Studie, sprach davon, dass sie viel Kritik erwartet – diese blieb aber zunächst aus. Vielleicht war sie selbst von der Eintönigkeit und unkritischen Berichterstattung überrascht.

Stand: 26.05.2017, 13:58