Wetterfühligkeit: Einbildung oder real?

Wetterfühligkeit: Einbildung oder real?

Von Benjamin Esche

Heute kalt und regnerisch, morgen warm und trocken. Wetterumschwünge sorgen bei vielen Menschen für Probleme. Der Kopf schmerzt, die Gelenke tun weh, die Stimmung kippt. Was ist eigentlich dran, an der Wetterfühligkeit?

Der Einfluss des Wetters auf die Gesundheit beschäftigt die Menschen bereits seit Tausenden von Jahren. Schon im Jahr 3.000 vor Christus gab es medizinische Schriften dazu. Auch Hippokrates wies auf diese besondere Beziehung hin und später forschte Alexander von Humboldt zu diesem Thema. Heute warnt der Biowetterbericht vor wetterbedingten Kreislaufbeschwerden oder Kopfschmerzen. Denn wenn sich kühle Regentage mit warmen Frühlingstagen abwechseln, kommt so mancher Körper oft nicht mit.

Viele Deutsche halten sich für wetterfühlig

Der Deutsche Wetterdienst hat 2013 gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach eine repräsentative Studie zur Wetterfühligkeit durchgeführt. Gut die Hälfte der 1.623 Befragten gab an, dass das Wetter Einfluss auf ihre Gesundheit habe. Die häufigsten Symptome waren dabei Kopfschmerzen und Migräne, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen und Schlafstörungen. "Messen kann man die Wetterfühligkeit kaum, man kann die Menschen nur befragen", sagt der Freiburger Medizinmeteorologe Andreas Matzarakis. Die Aussagen hingen aber mit meteorologischen Faktoren wie dem Wetterwechsel oder kurzfristigen Veränderungen des Luftdrucks zusammen. "Das Wetter löst diese Symptome nicht aus, aber verstärkt sie", erklärt er.

"Der Körper muss sich bei einem Wetterwechsel kurzfristig an die neuen Bedingungen anpassen", erklärt die Münchener Medizinmeteorologin Eva Wanka-Pail. Besonders Menschen mit gesundheitlichen Vorerkrankungen hätten damit Probleme. "Gibt es Schwachstellen im Körper, ist dieser Anpassungsprozess ans Wetter schwieriger." Wanka-Pail hat in einer Studie den Zusammenhang zwischen subjektiven Krankheitssymptomen bei Wetterfühligen und den Wetterbedingungen festgestellt. "Es ist allerdings von Person zu Person unterschiedlich", sagt die Medizinmeteorologin.

Menschen sind nicht auf das Wetter trainiert

"Ganz triviale Dinge wie Schwitzen oder Frieren haben natürlich mit dem Wetter zu tun", sagt der Forscher und Physiker Jürgen Kleinschmidt. Vieles, was als Fernwirkungen des Wetters vermutet wird, sei nicht klar nachzuweisen. Das ist das Ergebnis von Kleinschmidts Forschungen am Institut für Gesundheits- und Rehabilitationswissenschaften der LMU München. "Das Wetter kann bei Menschen, die bereits aus anderen Gründen gesundheitliche Probleme haben, das Fass zum Überlaufen bringen." Dazu gehören laut Kleinschmidt Herzkreislaufprobleme und rheumatische Beschwerden. "Personen mit Herzkreislauferkrankungen haben häufiger Probleme, wenn es warm und schwül wird", so Kleinschmidt. Rheuma-Patienten leiden eher bei nass-kaltem Wetter. Bei Kopfschmerzen sei dies schwieriger zuzuordnen. "Das hängt wohl auch mit Durchblutungsstörungen zusammen, was dann in Richtung der Herzkreislaufproblematik weist."

Wetterfühlige Menschen können sich schwieriger an das wechselnde Wetter anpassen. "Die Menschen sind heute nicht mehr auf das Wetter trainiert", sagt Medizinmeteorologe Matzarakis. Die Steinzeitmenschen hätten gar nicht überleben können, wenn ihr Körper nicht fähig gewesen wäre, bei kurzfristigen Wetterveränderungen auszuregulieren, ergänzt Kleinschmidt: "Die moderne Gesellschaft mit ihren Klimaanlagen nimmt dem Menschen dieses Anpassungstraining weg." Er müsse gar nicht mehr gegenregulieren und habe diese Eigenschaft verkümmern lassen. "Sich Wetterveränderungen aktiv zu stellen ist deshalb ja auch eines der therapeutischen Gegenmittel", erklärt Kleinschmidt. Kneippverfahren mit abwechselnden kalten und warmen Wassergüssen seien dafür ein anderes Beispiel.

"Rausgehen, trainieren, abhärten"

Menschen, die ständig draußen mit dem Wetter konfrontiert werden, haben weniger oder gar keine Probleme mit der Wetterfühligkeit, erläutert Kleinschmidt. "Briefträger oder Bauarbeiter sind Naturburschen, die damit locker umgehen." Der Medizinmeteorologe Andreas Matzarakis empfiehlt daher besonders wetterfühligen Menschen: "Rausgehen, trainieren und abhärten." Wandern oder laufen an der frischen Luft bei jedem Wetter hilft dem Organismus, sich besser an die klimatischen Verhältnisse anzupassen. "Auch Sauna ist ein sehr gutes Trainingsmittel", sagt Jürgen Kleinschmidt. "Bei Menschen mit Herzkreislaufproblemen helfen ansonsten kurzfristig kalte Tücher."

Für die Medizinmeteorologin Eva Wanka-Pail spielt auch die Befindlichkeit der Menschen in der heutigen Zeit eine Rolle. "Heute reagieren viele Leute möglicherweise sensibler auf das, was mit ihrem Körper passiert." Deswegen seien auch häufiger Frauen als Männer von der Wetterfühligkeit betroffen. "Das Wetter ist nicht ein Problem, sondern eine natürliche Anforderung, auf die sich der Organismus des Menschen einstellen muss", sagt dagegen Jürgen Kleinschmidt. Wer sich besser daran anpassen könne, der hat weniger Probleme. "Insofern klagen wir heute auf sehr hohem Komfortniveau", so der Wissenschaftler.

Stand: 13.04.2016, 06:00