Stottern: Das Ringen mit Wörtern und Silben

Montage: Aus Scrabble-Buchstaben ist das Wort Stottern in lockerer Form auf einem Tisch zusammengelegt

Stottern: Das Ringen mit Wörtern und Silben

Von Benjamin Esche

Wenn die Sprache blockiert ist und der Redefluss stockt, leiden viele Menschen. Doch Stotterer werden auch mit unzähligen Therapiemöglichkeiten konfrontiert. Zum Weltstottertag klären wir, was für Betroffene wichtig ist.

Das Stottern hat das Leben von Alexander Wolff von Gudenberg geprägt. Mit vier Jahren begannen bei ihm heftige Sprechblockaden. "In 25 Jahren habe ich zwölf Therapien auf drei Kontinenten gemacht", erzählt von Gudenberg. Dann hat der heutige Institutsleiter der Kasseler Stottertherapie beschlossen, sich bei seinem Problem selbst zu helfen. Von Gudenberg studierte Medizin und beschäftigte sich intensiv mit neuen Therapieformen. Heute ist er Facharzt für Allgemeinmedizin, Stimm- und Sprachstörungen - und hilft Stotterern.

"Viele halten Stotterer für minderbemittelt"

Stotter-Therapeut Alexander Wolff von Gudenberg

Der Stotter-Therapeut Alexander Wolff von Gudenberg

Stotternde Menschen haben es nicht einfach. Das Schlimmste ist der vom Betroffenen katastrophal wahrgenommene unvorhersehbare Kontrollverlust, erklärt von Gudenberg. "Man steht in der Bäckerei, will drei Brötchen bestellen und es stehen noch Leute hinter einem in der Schlange", erläutert der Arzt. "Dann bekommt man kein Wort raus, kriegt Herzrasen und kommt ins Schwitzen." Schnell stelle sich dann ein Gefühl der Blamage ein, weil die anderen Menschen auf das Stottern reagieren. "Viele halten Stotterer für geistig minderbemittelt", sagt von Gudenberg.

Die Auswirkungen sind fatal. "Der Stotterer möchte dann am liebsten im Boden versinken", erklärt der Arzt. Sein Selbstvertrauen wird stark angekratzt. Auch seelische Traumata können die Folge sein. "Über 60 Prozent der Stotterer haben laut aktuellen australischen Studien eine sekundäre Angststörung", sagt von Gudenberg. Die genauen Ursachen des Stotterns sind bislang nicht ausreichend erforscht, heißt es von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS).

Stottern

Stottern ist eine Sprechbehinderung, bei der eine Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden oder Dehnungen von einzelnen Buchstaben oder Wörtern erfolgt. In Deutschland sind rund 800.000 Menschen betroffen. Im Moment des Stotterns weiß der Betroffene genau, was er sagen möchte, er kann es jedoch nicht störungsfrei herausbringen.

Die genauen Ursachen des Stotterns sind bislang nicht ausreichend erforscht, heißt es von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS). Stottern entstehe durch eine Störung im Sprechablauf, eine Fehlfunktion in der Zusammenarbeit der linken und rechten Gehirnhälfte, die wahrscheinlich genetisch bedingt ist. Viele Einflüsse aus dem körperlichen, dem psychischen, dem sprachlichen und dem sozialen Bereich könnten bei der Entstehung eine Rolle spielen.

Häufig entwickeln Stotternde beim Sprechen so genannte sekundäre Symptome, wie auffällige Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur. Außerdem vermeiden viele Betroffene das Sprechen, was zu einem totalen gesellschaftlichen Rückzug führen kann. Oft werden auch Füllwörter genutzt, um das Stottern zu verschleiern. Stottern kann zwar je nach Gefühlslage und Verfassung des betroffenen Menschen schwanken, dennoch ist es ein körperlich bedingtes Handicap, keine psychische Störung. (Quelle: BVSS)

Neue Leitlinie für Stottertherapien

Um Stottern zu bekämpfen, gibt es zahlreiche Therapieformen. "Auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen ist meist eine enorme Hilfe", sagt Martina Wiesmann von der BVSS. Die Bundesvereinigung bietet dazu rund 90 Selbsthilfegruppen an. Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften hat nun eine Leitlinie für Redeflussstörungen formuliert und dafür Studien zu Stotterbehandlungen ausgewertet. Dabei hat sie festgestellt, dass es für einige Therapien kaum oder gar keine Wirknachweise gibt. Dazu zählen Hypnose oder spezielle Atemtechniken, aber auch unspezifische Therapien, die deutsche Logopäden in ihren Praxen anbieten. "Über Jahrzehnte konnten Logopäden ohne Erfolgskontrolle machen, was sie wollten", kritisiert Sprachtherapeut von Gudenberg.

Archivbild: Ein Therapeut trainiert mit Studenten während eines Sommercamps gegen Stottern Sprachübungen.

Kann helfen: Der Austausch mit anderen Betroffenen

Der Deutsche Bundesverband für Logopädie sieht das anders. Die Logopädie biete eine Reihe effektiver Therapieansätze, sagt dessen Präsidentin Dietlinde Schrey-Dern. "Das Fehlen wissenschaftlicher Untersuchungen zur Wirksamkeit einer Therapiemethode bedeutet eben nicht, dass diese Methode nicht wirksam ist." Wichtig sei, dass den Logopäden vielfältige Methoden zur Verfügung stehen, mit denen sie der Vielfalt der Patienten und ihrer individuellen Stottersymptomatik und Stottergeschichte gerecht werden können.

Sprechrestrukturierung gilt als wirksam

Als wirksame Methode wird in der medizinischen Leitlinie die Sprechrestrukturierung angesehen. Dort wird gleich zu Beginn das Sprechmuster massiv verändert, erklärt Sprachtherapeut von Gudenberg. Mit intensiven computergestützten Übungsprogrammen lernen die Patienten ein weiches, gebundenes Sprechen. "Sie sollen ein Werkzeug an die Hand bekommen, welches in Situationen wie in der Bäckerei den kompletten Kontrollverlust verhindert", erklärt der Arzt. Als Folge der gewachsenen Sprechkontrolle werden die jahrelang aufgebauten Begleiterscheinungen verringert. "Wenn ich als Stotterer merke, ich kann auch bestellen, ohne dass mich die Verkäuferin fassungslos ansieht, werden Schritt für Schritt auch Blamage-Gefühle abgebaut", sagt Gudenberg.

Wie sollten Zuhörer auf Stotterer reagieren?

Im Gespräch mit einem Stotternden gelten die gleichen Regeln wie für jedes gute Gespräch, empfehlen Stottertherapeuten: Unverkrampft Blickkontakt halten, Zeit zum Aussprechen geben und jeden seine Sätze selbst zu Ende bringen lassen. Wer stottert, weiß genau was er sagen will - er kann es nur nicht flüssig aussprechen. Das oft als Hilfe gemeinte Vervollständigen von Wörtern und Sätzen sei deshalb kontraproduktiv, heißt es vom BVSS. Es wirke wie eine Bevormundung und das Gefühl, nicht respektiert zu werden, könne die Stottersymptome sogar verstärken. Auch vermeintlich gutes Zureden hilft stotternden Kindern und Erwachsenen nicht. Ein gelassenes Zuhören kann die Situation aber entspannen, die Gesprächspartner müssen dazu nur etwas mehr Zeit aufbringen.

"Heute ist klar: Man sollte so früh wie möglich therapieren", sagt von Gudenberg. "Am besten schon im Vorschulalter." Das macht das Lidcombe-Programm für Kinder. Das Leben eines Stotternden lässt sich dann noch positiv beeinflussen ohne dramatische Auswirkungen in allen Lebensbereichen. "Dann könnte man noch eine echte Heilung erzielen." Danach geht es nur noch um eine bestmögliche Kompensation. "Man hat mit wenig Mitteln die besten Chancen eine Stotterbiografie umzubiegen", sagt von Gudenberg. Diese Chance werde seit Jahrzenten vertan.

"Erst informieren, dann therapieren"

Zeitgleich mit der neuen Leitlinie ist auch ein "Leitfaden Stottern" des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte erschienen. Daran waren auch Vertreter beteiligt, die bereits in der Kommission für die Leitlinien saßen. Für Verstimmung sorgt nun, dass Therapien dort viel freundlicher präsentiert werden, als in der wissenschaftlichen Leitlinie. Das macht es für Eltern stotternder Kinder nicht leichter, die richtige Therapie zu finden.

"Wir raten Betroffenen generell: Erst informieren, dann therapieren", sagt Martina Wiesmann von der BVSS. Ein wichtiger Bestandteil einer seriösen und guten Behandlung bei Stottern sei die Anwendbarkeit der gelernten Techniken im Alltag. "Nur wer weiß, was ihn bei Methode A oder B erwartet und was das für ihn persönlich im Alltag beim Sprechen bedeutet, kann besser entscheiden, ob dies zu ihm und seinem individuellen Stottern passen kann", erklärt Wiesmann. "Bei reinen Atemtechniken und Hypnose mahnen wir generell zur Vorsicht", sagt die Expertin.

Stand: 22.10.2016, 06:00