Suizid bei älteren Menschen am häufigsten

Suizid bei älteren Menschen am häufigsten

Von Benjamin Esche

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr über 10.000 Menschen das Leben. Besonders ältere Menschen sind betroffen. Zum Welt-Suizid-Präventionstag am Samstag (10.09.2016) wollen Experten das Thema aus der Tabuzone holen.

Es sind so viele Betroffene, wie manche deutsche Kleinstadt Einwohner zählt: Mehr als 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Knapp 1.800 sind es in NRW. Häufig sind psychische Erkrankungen, soziale Isolierung und Hoffnungslosigkeit die Ursache. Zwei von drei Selbsttötungen werden nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von Männern verübt, wobei besonders ältere Männer ein erhöhtes Risiko haben. 40 Prozent der Suizide bei Männern werden nach Angaben des Nationalen Suizidpräventionsprogramms von über 60-Jährigen begangen. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig geklärt. "Bei einem höheren Alter ist es oft schwieriger psychische Erkrankungen zu erkennen", sagt Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Depressionen bei Älteren werden oft übersehen

Vielfach würden depressive Stimmungen bei älteren Menschen auf körperliche Gebrechen oder den Verlust des Lebenspartners zurückgeführt und verharmlost. "Ältere haben im Durchschnitt genauso häufig schwere Depressionen wie Jüngere", so Hegerl. Bei ihnen werde es nur oft übersehen und somit nicht behandelt. "Im Alter haben die Menschen Angst, krank und von anderen abhängig zu werden", ergänzt Barbara Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Gerade Männer hätten damit ein großes Problem.

Aber auch ältere Frauen beenden ihr Leben immer öfter freiwillig. "Jeder zweite Suizid einer Frau in Deutschland ist zurzeit der einer über 60-Jährigen", sagt Barbara Schneider, die als Chefärztin in der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der LVR-Klinik in Köln arbeitet. Auch Konflikte im Familien- oder Freundeskreis spielen bei der hohen Rate von Selbsttötungen älterer Menschen eine Rolle. Zudem sei die Art der Selbsttötung manchmal ein entscheidender Faktor, sagt Ulrich Hegerl. "Viele selbst verübte Vergiftungen, die ein junger Mensch überlebt, enden bei einem alten Menschen tödlich", erklärt der Psychiater.

Suizidversuche oft durch junge Frauen

Junges Mädchen wird von Klassenkameraden ausgeschlossen

Junge Frauen begehen häufig Selbsttötungsversuche

Auch die Rate der versuchten Selbsttötungen ist in Deutschland hoch. Mehr als 100.000 Menschen im Jahr unternehmen einen Suizidversuch. Hier sind besonders junge Frauen gefährdet. Die Gründe sind unklar. "Wenn eine Frau erst Kinder hat, dann verhält sie sich möglicherweise anders", glaubt Psychiater Hegerl. Außerdem kann der Versuch der Selbsttötung bei Frauen auch ein Hilferuf sein. "Suizidversuche können auch eine verzweifelte Form der Kommunikation sein", sagt Hegerl.

Die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sei aber besser geworden, erläutert der Experte von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Die Zahl der Diagnosestellungen von Depressionen hat ja stark zugenommen", so Hegerl. Vor dreißig Jahren seien neun Prozent aller Frührrentner wegen einer psychischen Erkrankung früher in Rente geschickt worden. Heute liege die Zahl bei 42 Prozent. "Damals gab es auch viele psychische Erkrankungen", sagt Hegerl. "Die wurden nur nicht alle diagnostiziert, weil sie nicht erkannt wurden oder sich die Betroffenen keine Hilfe geholt haben." Heute würden diese Erkrankungen direkt benannt und nicht hinter anderen weniger stigmatisierten Diagnosen versteckt.

Suizidprävention ist Aufgabe der Gesellschaft

Ein gemaltes Schild mit der Aufschrift "Warum?", davor Kerzen und Blumen.

Warum? - die Frage der Trauernden

Trotzdem seien die Bemühungen, Suizide zu verhindern immer noch unzureichend, heißt es vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland. Suizidprävention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch eine sensible Berichterstattung in den Medien beim Thema Suizid sei wichtig, sagt Psychiaterin Barbara Schneider. So habe es nach dem Suizid von Fußballprofi Robert Enke im Jahr 2009 einen Anstieg der Selbsttötungen gegeben. "Da spielen dann auch Nachahmungseffekte eine Rolle, denn die Eisenbahnsuizide haben sich danach erhöht", erklärt Schneider.

"Ein wichtiger Baustein jeder Suizidprävention ist, die Versorgung von Menschen mit Depressionen zu verbessern", sagt Hegerl. Diese Menschen müssten aus der Isolation herauskommen und dürften nicht stigmatisiert werden. Das diesjährige Motto des Welt-Suizid-Präventionstages sei deshalb sehr treffend, sagt Barbara Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. "Kontakt aufnehmen, offen kommunizieren und aktiv werden - das sind die wichtigsten Punkte, die für Suizidgefährdete und auch deren Angehörige wichtig sind", so Schneider. Dabei sei man auf einem guten Weg. "Aber es besteht noch viel Verbesserungspotenzial."

Stand: 10.09.2016, 06:00