Schätzung: In Deutschland leben 47.000 Frauen mit Genitalverstümmelung

Werkzeug für Beschneidung von Frauen auf Tisch liegend

Schätzung: In Deutschland leben 47.000 Frauen mit Genitalverstümmelung

Von Christina Sartori

  • Montag (06.02.2017) ist internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung
  • Die Verstümmelung der äußeren Genitalien ist schmerzhaft
  • Sie kann zu schweren körperlichen und seelischen Schäden führen
  • Auch in Deutschland leben Mädchen und Frauen, denen das angetan wurde
Patientin liegt im Krankenhaus Waldfriede in Berlin in ihrem Bett

Eine Patientin kämpft mit den Folgen der Verstümmelung

Am internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung stellt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aktuelle Schätzungen für Deutschland vor. Da seit Ende 2014 die Zuwanderung von Frauen aus Ländern, in denen diese Prozedur sehr weit verbreitet ist, um 40 Prozent gestiegen ist, wird angenommen, dass die Zahl der Betroffenen deutlich zugenommen hat. Demnach sind zur Zeit fast 47.000 Frauen, die in Deutschland leben in ihrem Herkunftsland Opfer einer solchen Misshandlung geworden.

"Das Thema ist brisanter geworden durch den Zuzug von Flüchtlingen", sagte Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek bei der Präsentation der Zahlen. "Es ist schwierig zu ermitteln, aber schätzungsweise 1.500 bis 5.500 Mädchen, die in Deutschland leben sind davon bedroht." Dabei wird FGM wohl meistens nicht in Deutschland, sondern während eines Ferienaufenthalts im Herkunftsland durchgeführt.

Lebensgefährliche Misshandlungen

Für manche ist es eine Tradition und kulturelle Handlung, aber für die Opfer ist es schrecklich und schmerzhaft - manchmal ein Leben lang: Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation: FGM) bedeutet, dass Mädchen oder Frauen die äußeren Geschlechtsorgane ganz oder teilweise entfernt werden.

Neben den starken Schmerzen während der Prozedur, die oft ohne Betäubung durchgeführt wird kann es zu Infektionen, Entzündungen und hohem Blutverlust kommen, die in manchen Fällen sogar zum Tod führen. Bei der schwersten Form wird dem Opfer anschließend die Wunde so eng zugenäht, dass nur noch Urin und Menstruationsblut abfließen können.

Opfer leiden oft lebenslang

Die Bundesgeschäftsführerin der Organisation ´Terre des Femmes", Christa Stolle

Christa Stolle kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung

Für oder durch den ersten Geschlechtsverkehr muss die Wunde wieder aufgerissen werden. "Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, an der die meisten Frauen ein Leben lang seelisch und körperlich leiden", betont Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes, einer Frauenrechts-Organisation, die schon seit 35 Jahren weibliche Genitalverstümmelung (FGM) bekämpft und sich um ihre Opfer kümmert.

Dabei helfen soll eine Internetseite, die seit Montag (06.02.2017) abrufbar ist. In Zusammenarbeit mit elf europäischen Partnerorganisationen entstanden, werden auf dieser Wissensplattform in neun Sprachen Informationen für Ärzte, Polizisten, Sozialarbeiter und andere angeboten.

Hilfe für Betroffene

So sollen Menschen, die beruflich mit Opfern oder auch mit Mädchen, die durch eine FGM bedroht sind in Kontakt kommen und für das Thema und die Bedürfnisse der Frauen sensibilisiert werden. "Damit z. B. Frauen, denen das widerfahren ist nicht noch einmal alle Details schildern müssen", erklärt Christa Stolle. Oder auch, um Frauen aufzuklären.

Weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland strafbar. Es ist schwierig zu beurteilen, ob auch in Deutschland Mädchen durch Genitalverstümmelung misshandelt werden. Derzeit vermutet man, dass dies eher selten vorkommt. Dagegen scheint es wahrscheinlicher, dass Eltern oder Verwandte mit Mädchen in ihre Herkunftsländer reisen, damit sie dort beschnitten werden ("Ferienbeschneidung").

Oft ist nicht bekannt, dass auch das in Deutschland strafbar ist, wenn das betroffene Mädchen in Deutschland lebt. Im Frühjahr soll ein Gesetz verabschiedet werden, nach dem bei hinreichendem Verdacht auf eine solche Beschneidung im Herkunftsland den Eltern oder Verwandten der Pass entzogen werden kann.

"Viele Frauen haben immer Schmerzen beim Wasserlassen und wissen gar nicht, dass das Folgen der FGM sind", berichtet Tiranka Diallo. Sie will Frauen über diesen Zusammenhang aufklären und so erreichen, dass sie ihre eigenen Töchter deswegen nicht mehr beschneiden lassen. Tiranka Diallos Familie kommt aus Guinea, einem Land, in dem mehr als 90 Prozent der Mädchen und Frauen beschnitten sind.

Mediatorinnen müssen zunächst Vertrauen aufbauen

Diallo selber ist in Deutschland aufgewachsen und wurde im Rahmen des Terre-de-Femmes-Projekts "Change plus" als Mediatorin ausgebildet: Sowohl in Deutschland, als auch in Guinea will sie in ihrer Familie und in deren Gemeinschaft über FGM aufklären. "Ich möchte diesen schrecklichen Brauch bekämpfen", sagt die junge Frau, die mit fünf weiteren Frauen zu Change Agents ausgebildet wurde, wie die Mediatorinnen genannt werden.

"Das schwierigste wird wohl sein, das Thema anzusprechen, denn es ist ein absolutes Tabu Thema." Deswegen will Diallo als erstes eine Vertrauensbasis aufbauen, um dann später eine Verhaltensänderung zu bewirken. "Es muss ein Bewusstseinswandel in den Köpfen stattfinden", beschreibt Christa Stolle das Ziel. Damit die nächste Generation unversehrt bleibt.

Stand: 06.02.2017, 17:43

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