Anti-Aging gegen die Lebenskrise?

Botox-Spritze an der Stirn einer Frau

Anti-Aging gegen die Lebenskrise?

Anti-Aging klingt toll - den Alterungsprozess hinausschieben. Aber was steckt wirklich dahinter, wenn Menschen zu Anti-Aging-Mitteln greifen?

Welche Bedeutung Anti-Aging Maßnahmen für die Menschen haben, wollte die Soziologin Larissa Pfaller von der Uni Erlangen-Nürnberg herausfinden. Die Ergebnisse aus ihrer umfangreichen Befragung haben die Wissenschaftlerin überrascht.

WDR.de: Frau Pfaller, Sie haben untersucht, warum Menschen zu Anti-Aging-Maßnahmen greifen. Was haben Sie herausgefunden?

Larissa Pfaller: Ich habe herausgefunden, dass Menschen anfangen, sich mit dem Thema Anti-Aging zu beschäftigen, wenn sie eine persönliche Krise überwunden haben - und gar nicht, weil sie beispielsweise das erste graue Haar oder die erste Falte um den Mund herum entdeckt haben. Ich habe Geschichten gehört wie: "Ich hatte ein Burn-out" oder: "Ich hatte einen kompletten finanziellen Zusammenbruch", "Ich bin in eine Depression gerutscht" oder auch: "Ich habe mich scheiden lassen."

WDR.de: Wie haben Sie darauf reagiert?

Pfaller: Das hat mich erstmal überrascht - denn ich wollte ja eigentlich über das Alter und Altern sprechen. Aber dann war es eigentlich ganz logisch. Denn in Krisen haben die Menschen das Gefühl, dass ihnen das eigene Leben entgleitet. Anti-Aging verkörpert dann das, was Menschen heutzutage enorm wichtig ist: Das Streben nach Gesundheit, der Wunsch, etwas zu tun, Eigenverantwortung übernehmen, Selbstbestimmung.

Zwei nackte Füße und Waden eines älteren Mannes, dazwischen ein Paar Laufschuhe.

Aus der Krise laufen: Sport ist ein Anti-Aging-Mittel.

Und dann bekommt man auch noch ganz konkrete Handlungsempfehlungen, um etwas zu erreichen: Gesund essen, Sport treiben, kein Übergewicht haben, Rauchen und Alkohol vermeiden, genügend schlafen, eine tolle Creme benutzen, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente nehmen - dann ist es gar nicht mehr so wichtig, ob man wirklich weniger Falten hat oder gesünder ist.

WDR.de: Hilft Anti-Aging denn? Also: fühlen die Menschen sich besser, überwinden sie ihre Krisen?

Pfaller: Ja, durchaus. Den Menschen, mit denen ich gesprochen habe für meine Untersuchung, hat's geholfen - die haben ihre Krise überwunden. Und nicht, weil es Alterserscheinungen wegretouchiert hat. Sondern weil es ihnen das Gefühl gegeben hat, selbst etwas tun zu können, bewusst das eigene Leben zu führen: "Ich setze die Regeln und ich kann etwas gegen die Krise machen." Es geht also dabei um eine Selbstwirksamkeit.

Das subjektive Alter: Gefühlt deutlich jünger

WDR 5 Leonardo - Hintergrund | 21.09.2017 | 09:17 Min.

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WDR.de: Was sagt das alles über unser generelles Verhältnis zum Altern aus?

Pfaller: Ich habe den Eindruck, dass wir uns Altern als den großen, mächtigen Feind vorstellen. Wenn wir meinen, dass Anti-Aging hilft, heißt das ja im Umkehrschluss, dass wir das Altern immer noch nicht bewältigen können. Wir haben damit keinen entspannten Umgang. Wir können das Altern glorifizieren: Die Weisheit im Alter, die Älteren haben Zeit fürs Ehrenamt. Oder wir können es völlig verdammen: Wenn wir an Demenz denken, an Krankheit, Siechtum. Altern bedeutet für viele Menschen, einen Kampf zu führen. Eigentlich wäre aber ein bisschen Gelassenheit gut.

Die Fragen stellt Annika Franck

Stand: 16.01.2018, 06:00