Kleine Kulturgeschichte des Vatertags

Kleine Kulturgeschichte des Vatertags

Von Benjamin Esche

Traditionell an Christi Himmelfahrt werden wieder Horden von Männern mit Bier und Bollerwagen durchs Land ziehen. Klar - Vatertag! Warum wird dieser Tag eigentlich gefeiert? Und weshalb ziehen die Männer durch die Natur?

Männer mit Hüten und Bier

Der Vatertag - oder in manchen Regionen auch "Herrentag" oder "Männertag" genannt - wurde in Deutschland auf den christlichen Feiertag Christi Himmelfahrt gelegt, der am 40. Tag nach Ostern gefeiert wird. Traditionell ziehen dann Männer mit viel Alkohol auf dem Bollerwagen in die Natur - und dürfen sich einfach mal gehen lassen.

Der Vatertag - oder in manchen Regionen auch "Herrentag" oder "Männertag" genannt - wurde in Deutschland auf den christlichen Feiertag Christi Himmelfahrt gelegt, der am 40. Tag nach Ostern gefeiert wird. Traditionell ziehen dann Männer mit viel Alkohol auf dem Bollerwagen in die Natur - und dürfen sich einfach mal gehen lassen.

Bei einer klassischen Vatertagstour darf er natürlich fehlen: der Bollerwagen. Oft wird er bis oben hin vollgepackt mit Bier, Grillgut, Musikplayer und allem, was "Mann" für die Tour noch so braucht. Der Kreativität in Sachen Bollerwagen-Design sind dabei keine Grenzen gesetzt. Viele Männer bauen sich ihren Bollerwagen auch selbst.

Mit Bier und Bollerwagen ausgestattet kann es für die Herren losgehen in die Natur. Im Idealfall natürlich bei Sonnenschein. Aber auch schlechteres Wetter hält die Väter an "ihrem" Tag nicht ab, draußen zu grillen und Bier zu trinken. Woher kommt die Tradition des Vatertages eigentlich?

"Im 19. Jahrhundert beginnen die Herrenpartien, die eine neue Idee von Naturerfahrung darstellten", erklärt Dagmar Hänel von der Volkskundeabteilung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte. "An Sonn- und Feiertagen gingen die Männer raus in die Natur, hatten Spaß und tranken auch Alkohol." Der Vatertag war geboren.

Die Entstehung der Herrenpartie fällt in die Zeit der Industrialisierung und der Entwicklung einer neuen Freizeitgesellschaft, erläutert der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg. "Es sind Arbeiterschichten, die ein bürgerliches Freizeitverhalten einüben", so Hirschfelder. "Ab 1870 nimmt diese Herrenpartie eine gewisse Eigendynamik und wird zu der heutigen Vatertagsform."

Es fand damals ein regelrechter gesellschaftlicher Wandel statt. "Seit dieser Zeit ist gemeinsame Freizeit ein erkämpftes Recht", sagt Kulturwissenschaftler Hirschfelder. "Unter Bismarck gab es dagegen noch kaum Freizeit." Die neu gewonnene Freizeit wussten die Herren sehr gut zu nutzen.

Doch warum sind bei den Touren schon zu Beginn nicht nur Väter dabei? "Im 19. Jahrhundert sind Vereine häufig von Männern dominiert, was man auch an der Tradition der Junggesellenvereine erkennt", erklärt Volkskundlerin Hänel. "Wenn man Junggeselle ist, heiratet man irgendwann und wird Vater." Außerdem diente der Vatertag auch dazu, Jüngere in die Tugenden und Untugenden der Männlichkeit einzuführen. Vornehmlich ging es dabei ums Rauchen, Trinken und die Frauen.

In der Folge entstand auch eine entsprechende Infrastruktur für die Vatertagstouren. "In den Wäldern wurden Ausflugslokale und Biergärten eröffnet", sagt Volkskundlerin Dagmar Hänel vom LVR-Institut. Der Brauch der feucht-fröhlichen Männerrunde bleibe seitdem bestehen.

In der Nachkriegszeit blieb der Vatertag noch eine richtige Herrenpartie, zumindest bis in die 60er Jahre. Die Herren zeigten dabei eine große Kreativität und besonderen Witz. "Im Laufe der 70er und 80er Jahre wurde das Ganze allerdings etwas altmodisch", sagt Kulturwissenschaftler Hirschfelder.

In dieser Form wird der Vatertag nur im deutschsprachigen Raum gefeiert. In den USA wird der Vatertag am dritten Sonntag im Juni begangen. Seit 1974 ist der "Father's Day" dort ein offizieller Feiertag, an dem die Väter in der Regel Unternehmungen mit ihren Söhnen machen. Auch der US-Präsident hält dann eine Ansprache.

Der Vatertag ist übrigens einer der unfallreichsten Tage des Jahres. Er verzeichnet nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fast drei mal so viele durch Alkohol bedingte Verkehrsunfälle wie im restlichen Jahr. Das ist ein absoluter Rekordwert. Kein Wunder: Viele angetrunkene Männer sind auch mit dem Fahrrad unterwegs.

Besonders in weiten Teilen Ostdeutschlands ist es beliebt, bei Touren und Wanderungen mit Bollerwagen und Klingelstöcken oder mit Pferdekutschen unterwegs zu sein. Wie hier im Bild kommt die musikalische Untermalung dann gerne auch von den Herren selbst.

Die Entwicklung des Vatertages könnte aber auch weg vom reinen Trinkgelage, hin zur Festigung der Vaterrolle führen. "In den vergangenen Jahren hat sich da was getan", sagt Volkskundlerin Hänel. Analog zum Muttertag werde die Vaterrolle in der Familie aufgewertet und somit auch der Vatertag anders gestaltet. "Vorreiter ist dabei die Evangelische Kirche, die sagt: Väter sollen diesen Tag mit ihren Kindern verbringen."

Stand: 04.05.2016, 11:12 Uhr