Gefangen als Eule oder Lerche

Interview zur Umstellung der Uhren

Gefangen als Eule oder Lerche

In der Nacht wurden die Uhren eine Stunde zurückgestellt. Eine Rückkehr zur zeitlichen Normalität, betont der Chronobiologe Till Roenneberg. Also, ihr Lerchen und Eulen, ihr Frühaufsteher und Nachtmenschen, macht euch bereit ...

Welche Auswirkungen hat das Licht auf den Tagesrhythmus des Menschen? Und welche Bedeutung und Funktion hat unsere "innere Uhr"? Das sind Fragen, mit denen sich der Chronobiologe Till Roenneberg beschäftigt. Chronos heißt Zeit, und die Chronobiologie befasst sich mit den biologischen Rhythmen von Organismen. Roenneberg ist Leiter des Instituts für Psychologische Psychologie an der Universität München und Experte für die innere Uhr des Menschen. Im Interview erklärt er, welche Auswirkungen die Umstellung der Uhren haben kann.

WDR.de: Herr Roenneberg, am Wochenende wird wieder die Zeit umgestellt ...

Till Roenneberg (fällt ins Wort): Nein, die Zeit wird nicht umgestellt. Die Uhren werden umgestellt. Es gibt eine verbale Propaganda für die so genannte Sommerzeit, die die Dinge beschönigt.

WDR.de: Auf jeden Fall bedeutet es, dass wir am Sonntag eine Stunde länger schlafen dürfen. Wer profitiert davon, wer leidet?

Roenneberg: Gesundheitlich leidet unter dieser Umstellung keiner. Denn es passiert ja Folgendes: Man gibt uns eine Stunde, die uns im Frühjahr geklaut wurde, wieder zurück. Wir stellen nicht auf Winterzeit um, sondern kehren zur Normalzeit zurück. Das Problem bei der ganzen Umstellung ist, dass unsere innere Uhr, die unseren gesamten physiologischen, psychologischen und mentalen Tagesrhythmus reguliert, sich einen Dreck um die gestellte Uhr schert. Denn unsere innere Uhr richtet sich nur nach dem Licht. Und das stellen wir nicht um.

WDR.de: Wie kann man denn die innere Uhr beeinflussen?

Till Roenneberg

Chronobiologe Till Roenneberg

Roenneberg: Nur mit Licht - Licht und Dunkelheit. Wenn wir den Takt durcheinander bringen, also gegen den biologischen Tag-Nacht-Rhythmus leben, entsteht das, was wir sozialen Jetlag nennen: Menschen werden krank: Es steigt das Risiko, übergewichtig und fettleibig zu werden, wir erhöhen die Chance, Typ-II-Diabetes zu bekommen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erleiden.

WDR.de: Nun gibt es ja aber die unterschiedlichen Chronotypen, die Nachteulen und die frühen Vögel ...

Roenneberg (unterbricht): Es gibt nicht nur die zwei Typen, das ist ein Kontinuum.

WDR.de: Wie kann ich denn meinen Schlaf- oder Chronotypus verändern?

Roenneberg: Im Prinzip gar nicht. Gewisse Veränderungen sind schon möglich: Wenn Menschen Campen gehen und nur natürlichem Licht ausgesetzt sind, wachen alle plötzlich etwas früher auf. Aber die Position des sogenannten Chronotyps bleibt. Die Spätaufwacher in der Stadt sind auch in der Natur und auf dem Land die Spätaufwacher. Beeinflussen können wir nur mit Licht - und das machen wir ja auch. 85 Prozent der Menschen verwenden an Arbeitstagen einen Wecker, weil sie sonst nicht aus dem Bett kämen. Das bräuchten die nicht, wenn sie einen anderen Licht-Dunkel-Zyklus hätten. Zu diesem Zyklus gehört nicht nur, dass man sich drinnen und draußen aufhält. Dazu gehört auch, dass man nach Sonnenuntergang nicht mehr so viel künstliches Licht anmacht. Denn dadurch, dass wir tagsüber wenig draußen sind und uns abends mit viel künstlichem Licht umgeben, machen wir das Signal, das die innere Uhr einstellen kann, zu schwach.

WDR.de: Sie haben mal gefordert, dass die Schule für Teenager in der Pubertät später beginnen sollte.

Roenneberg: Mein Credo für den Schulanfang ist: In der Unterstufe sollte die Schule um acht Uhr beginnen, in der Mittelstufe um neun Uhr, in der Oberstufe um zehn Uhr - das wäre ideal. Wenn Kinder zu Jugendlichen werden, werden sie vom Chronotyp her immer später. Warum das so ist, wissen wir nicht genau, das hat vermutlich hormonelle Gründe. Ab ca. 20 Jahren stellt sich die innere Uhr dann wieder auf etwas früheres Aufwachen ein.

WDR.de: Der Chronotyp verändert sich also doch im Laufe des Lebens?

Roenneberg: Ja, der verändert sich ein wenig. Aber nicht die individuelle Position eines Menschen innerhalb seiner Altersgruppe.

WDR.de: Nun haben sich die ursprünglichen Hoffnungen, mit der Umstellung der Uhr Energie zu sparen, nicht erfüllt. Wie sinnvoll ist die Umstellung aus chronobiologischer Sicht?

Roenneberg: Aus Forschersicht ist es toll: Das ist das größte chronobiologische Experiment, das wir verfolgen können. Als Gesundheitswissenschaftler würde ich sagen, dass uns die Umstellung der Uhren wahrscheinlich Milliarden kostet.

Die Fragen stellte Annika Franck.

Stand: 24.10.2015, 09:30