Lärm ist schädlicher als oft vermutet

Lärm ist schädlicher als oft vermutet

Von Benjamin Esche

Lärm ist allgegenwärtig und schädlich. Besonders Straßenlärm und laute Musik können gesundheitliche Probleme machen – auch wenn wir das erst gar nicht bemerken.

Oft nehmen wir Lärm gar nicht mehr bewusst wahr. Die Deutsche Gesellschaft für Akustik (DEGA) will deshalb mit dem "Tag gegen Lärm" am 27. April auf Ursachen und Folgen von Lärmbelastung aufmerksam machen. Denn Lärm sei ein erhebliches Umweltproblem und mindere die Lebensqualität, heißt es von der DEGA.

Lärm kann auch unbewusst stören

Was genau ist eigentlich Lärm? "Es handelt sich dabei um Geräusche, die uns Menschen beeinträchtigen", sagt der Berliner Lärmforscher Michael Jäcker-Cüppers. "Das können bewusst wahrgenommene Beeinträchtigungen, aber auch unbewusste Lärmbelästigungen sein."

Letztere können zum Beispiel durch Lärm an viel befahrenen Straßen entstehen, der den Schlaf beeinflusst, aber nicht wach macht. "Das kann dann aufgrund steigender Ausschüttung von Stresshormonen auch gesundheitliche Folgen haben", erklärt Jäcker-Cüppers.

Straßenverkehr belastet am meisten

Doch nicht jeder Mensch reagiert auf Geräusche gleich. "Manche Musik ist für den einen gefühlt genau richtig, für den anderen viel zu laut oder unangenehm", sagt Dirk Schreckenberg, Umweltpsychologe und Lärmforscher aus Hagen. "Nicht jede Lärmquelle ist immer gleich lästig."

Nach einer Studie des Umweltbundesamtes fühlen sich die meisten Menschen vom Straßenlärm am intensivsten belästigt, noch vor Fluglärm oder Bahngeräuschen. "Das liegt allerdings auch daran, dass es wesentlich mehr Straßen gibt, als Flughäfen oder Bahnstrecken", erläutert Schreckenberg. Bei gleichem Dauerschallpegel empfinden Menschen dagegen Fluglärm am lästigsten.

Wie viel Lärm verträgt der Mensch?

"Ab einem äußeren Dauerschallpegel von 65 Dezibel am Tag oder 55 Dezibel in der Nacht erhöht sich das Risiko für gesundheitliche Schäden durch Verkehrslärm deutlich", sagt Lärmforscher Jäcker-Cüppers. Auch das Ticken eines Weckers oder das Brummen eines Kühlschranks kann mit 30 Dezibel bereits zu Schlafstörungen führen. "Der Mensch wird von verschiedensten Lärmquellen gestört, was auch die gesamte Stresssituation erhöht." Deshalb sollte man auch die Gesamtbelastung im Blick haben, sagt Jäcker-Cüppers.

Lärm führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Lautstärkemessung des Lärms allein reicht aber nicht aus, um jede Lärmbelastung festzustellen. "Oft kommt es auf die Geräuschfrequenz oder bestimmte Eigenschaften des Geräuschs an", erklärt Jäcker-Cüppers. Rattert es oder ist es ein pfeifender Ton? Handelt es sich um eine Dauerbeschallung oder eine unregelmäßige Störung? "Wenn diese Geräusche unsere Aufmerksamkeit wecken, können sie wesentlich lästiger sein, als ein dumpfes Rauschen vom Straßenverkehr", so der Lärmforscher.

Die gesundheitlichen Folgen können verheerend sein. "Bei Lärm können Herz-Kreislauf-Effekte auftreten", sagt Dirk Schreckenberg. Akut steigen Blutdruck und Herzrate und dies kann langfristig zu Erkrankungen führen. Bei steigendem Dauerschallpegel des Verkehrslärms erhöht sich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark, sagt der Umweltpsychologe.

Zur Orientierung: So laut können unsere Haushaltsgeräte werden

Der Lärm hat auch konkrete Auswirkungen auf das menschliche Ohr. "Laute Arbeitsplätze wie in Orchestern sind deshalb ein Problem, aber auch laute Musik hören in Diskotheken oder über Kopfhörer sorgen für Schäden", erklärt Lärmforscher Jäcker-Cüppers. Das sei besonders tückisch, da Hörschäden meistens nicht heilbar sind und sich nur langsam ausbilden.

"Eine lärmbedingte Schwerhörigkeit ist so eine gravierende Beeinträchtigung der Lebensqualität, dass man alles tun sollte um diese zu vermeiden." Mittlerweile sei zu lauter Musikkonsum allerdings sehr weit verbreitet. "Bei einem Discobesuch werden Belastungen bis zu 110 Dezibel erreicht", so der Experte. Dem dürfe man sich nicht zu lange aussetzen.

Lärmquellen haben sich verändert

Die Art des Lärms hat sich mit den Jahren zudem verändert. "Wir haben heute andere Lärmquellen, die anders zusammengesetzt sind", erklärt Lärmforscher Schreckenberg. So konnten zum Beispiel die einzelnen Fahrzeuge in der Lautstärke gesenkt werden, die Verkehrsmenge ans sich habe aber stark zugenommen. "Andere Geräusche wie das Piepen des Rückwärtsgangs beim Lkw sind noch dazugekommen."

Der Lärm von Nachbarn ist eine weitere lästige Lärmquelle. "Dieser alltägliche Lärm taucht in den Lärmkartierungen von Städten und Kommunen gar nicht auf", sagt Dirk Schreckenberg. "Dementsprechend gibt es dazu auch keine Schutzpläne."

Flugzeug am Himmel

Lärmquellen haben sich verändert

Um Nachbarschaftslärm zu vermeiden helfe meistens reden. "Im Gespräch mit dem Nachbarn kann man sich besser aufeinander einstellen und um Verständnis werben", sagt Schreckenberg. Um Verkehrslärm zu verringern sei auch die Politik gefordert, Schutzmaßnahmen für die Bürger zu treffen. "Als Betroffene sollte man sich aber auch direkt an die Politiker wenden", rät der Experte.

Auszeiten helfen bei Lärmbewältigung

Wie können wir uns vor Lärm noch schützen? "Wir müssen uns Ruhe- und Auszeiten von den Geräuschen organisieren", empfiehlt Lärmforscher Jäcker-Cüppers. Außerdem sollte man immer im leisesten Raum schlafen, um möglichst viele Störquellen auszuschließen. Um den Lärmpegel innerhalb der Wohnungen zu senken, können Teppiche und Vorhänge verwendet werden. "Dadurch wird der Lärm geschluckt", sagt der Forscher.

Auf leise Produkte achten

Die DEGA empfiehlt außerdem ein lärmbewusstes Verhalten. So sollten technische Produkte gekauft werden, die leise sind. Bei der Auswahl helfen Kennzeichnungen, die den Energieverbrauch des Produktes bewerten.

Besonders bei Gartengeräten wie Laubbläser oder Rasenmäher sollte auf die Lärmemission geachtet werden, rät Jäcker-Cüppers: "Wenn man beim Kauf solcher Geräte achtsam ist, kann man selbst viel gegen den Lärm tun." Die vorgegebenen Ruhezeiten sollten außerdem eingehalten werden. Dann wird Lärm vermieden und Ruhe gewonnen.

Stand: 27.04.2016, 09:45