Gründe für Rückenschmerzen meist simpler als gedacht

Eine Frau legt ihre Hände auf den unteren Rücken

Gründe für Rückenschmerzen meist simpler als gedacht

Von Benjamin Esche

Wenn der Rücken schmerzt, wollen Patienten schnell Ursache und Hilfe finden. Statt gleich zu röntgen, sollten Ärzte und Patienten aber lieber mehr miteinander sprechen, so das Ergebnis einer neuen Studie zu Rückenschmerzen.

Rückenschmerzen sind und bleiben in Deutschland ein Volksleiden. Eine am Dienstag (22.11.2016) veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung hat nun festgestellt: Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. 27 Prozent davon suchen sogar vier Mal oder öfter einen Arzt auf. Von den jährlich mehr als 38 Millionen rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten und den dabei veranlassten sechs Millionen Bildaufnahmen wären viele vermeidbar, so das Fazit der repräsentativen Studie "Faktencheck Rücken".

Patienten und Ärzte verhalten sich oft falsch

Denn, so heißt es in der Studie, Patienten und Ärzte handeln oft übertrieben. So ist jeder zweite Rückenschmerz-Geplagte überzeugt davon, dass er in jedem Fall einen Arzt aufsuchen müsse. 60 Prozent der Befragten erwarten außerdem schnell eine bildgebende Untersuchung. Mehr als zwei von drei Personen sind der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomografie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache des Schmerzes findet. Doch das sei ein Trugschluss. Ärzte könnten gerade einmal bei höchstens 15 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder würden häufig also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen verbessern.

Bildgebende Verfahren werden zu früh angewendet

Ärzte hingegen rücken die falschen Erwartungen der Patienten oft nicht zurecht, heißt es im "Faktencheck Rücken". Dadurch komme es neben übermäßig vielen Arztbesuchen auch zu unnötig vielen Bildaufnahmen. Allein im Jahr 2015 hätten Ärzte über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen vom Rücken veranlasst. "Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet", sagt Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald und medizinischer Experte für die Studie. "Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen."

Die bildgebenden Verfahren werden außerdem zu schnell angewendet. Bei 22 Prozent wurde eine Aufnahme vom Rücken bereits im Quartal der Erstdiagnose angeordnet, so die Studie. Bei jedem zweiten Betroffenen wurde ein Bild veranlasst, ohne vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, unternommen zu haben.

Rückenschmerzen meistens unkompliziert

Dabei gelten 85 Prozent der akuten Rückenschmerzen als medizinisch unkompliziert. "Die meisten Rückenschmerzen kommen von der Muskulatur und rühren von Verspannungen", sagt Detlef Detjen, Geschäftsführer des Vereins "Aktion Gesunder Rücken". Diese ließen sich durch spezielle Übungen wieder abstellen. Ärztliche Leitlinien empfehlen bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe wie Wirbelbrüche oder Entzündungen, körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen.

Die Studie "Faktencheck Rücken" hat aber festgestellt: Ärzte weichen von diesen wissenschaftlichen Empfehlungen häufig ab. So wird 43 Prozent der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen. Das sei nicht sinnvoll, meint auch Rückenexperte Detjen: "Man sollte möglichst bald wieder den normalen Tätigkeiten nachgehen und nicht zu lange in der Schonung verharren." Zudem verstärken Ärzte laut der Studie oft das Krankheitsgefühl der Betroffenen, anstatt sie zu beruhigen. 47 Prozent der Betroffenen wird vermittelt, dass der Rücken "kaputt" oder "verschlissen" sei.

Bewegungsmangel als Hauptursache von Rückenschmerzen

"Wenn ich etwas gegen Rückenschmerzen tun möchte, muss ich an die Ursachen ran", sagt Detlef Detjen, Geschäftsführer der Aktion Gesunder Rücken. Und diese Ursachen sind immer ganz individuell. "Bewegungsmangel ist eine der größten Ursachen überhaupt", so Detjen. Aber auch ständiges Sitzen in einem Bürojob kann für Rückenprobleme verantwortlich sein. "Acht Stunden im Büro bewegungslos sitzen und sich nur abends im Fitnessstudio bewegen ist nicht ausreichend", erklärt der Rückenexperte. Die Bewegung am Tag fehle einfach.

Doch was kann man gegen den Bewegungsmangel konkret tun? Einfach öfter auch mal nur kurz in die Bewegung kommen. "Beim Telefonieren können Sie ein schnurloses Telefon verwenden und ein wenig umherlaufen und die Muskeln lockern", empfiehlt Detjen. Außerdem sollten Drucker oder Faxgerät nicht direkt am Schreibtisch stehen, damit man aufstehen muss, um diese Geräte zu bedienen. Ein Stehpult kann darüber hinaus eine gute Alternative zum klassischen Schreibtisch sein.

Arzt und Patient müssen besser miteinander sprechen

Die Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden müssen. Dafür bedürfe es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So müssten Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden. Auch andere Maßnahmen, die in anderen Ländern bereits angewendet werden, könnten der Studie nach helfen. So erhalten Ärzte in Teilen Kanadas seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. In den Niederlanden setze man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten.

Stand: 22.11.2016, 06:00