Machen Shooter-Spiele doch nicht emotionslos?

Machen Shooter-Spiele doch nicht emotionslos?

  • Computerspiele stumpfen offenbar nicht dauerhaft ab
  • Effekte sind nur während des Spiels und kurz danach messbar
  • Schon nach wenigen Stunden hat sich die Reaktion der Spieler wieder normalisiert

Eine gängige These lautet: Wer in Computerspielen häufig exzessiver Gewalt begegnet, stumpft ab und neigt vielleicht selbst auch zu aggressivem Verhalten. Doch stimmt das wirklich? Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist dem nachgegangen. Von den eigenen Ergebnissen sind die Wissenschaftler überrascht. Wir haben mit dem Leiter der Studie, Gregor Szycik, vom Institut für Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin am MHH gesprochen.

WDR: Was haben Sie konkret in Ihrer Studie untersucht?

Dr. Gregor Szycik

Szycik: Wir haben zwei Gruppen von Testpersonen gebildet. Je 15 Personen, die exzessiv am Computer spielen - viele von ihnen sogar so intensiv, dass man von einer Sucht sprechen muss  - haben wir mit 15 weiteren Personen verglichen, die in Alter und Bildungsstand den Spielern glichen, aber keine Computerspiele nutzten.

Beim Versuch haben wir die Probanden in einen Magnetresonanztomographen gelegt. Das MRT zeigte uns, welche Areale im Gehirn gerade besonders aktiv sind. Dort haben wir den Probanden Bilder gezeigt, darunter neben positiven und neutralen Bildern auch solche, bei denen Menschen sich verletzen, indem sie sich beispielsweise mit einem Messer schneiden oder eine Reißzwecke, auf die ein nackter Fuß tritt.

WDR: Und dann haben Sie geschaut, wie die Probanden auf diese Bilder reagieren?

Szycik: Genau. Wir hatten vermutet, dass diejenigen, die ständig exzessive Gewalt in Computerspielen gezeigt bekommen und regelrecht erleben, weniger stark auf diese Bilder reagieren, als Menschen, denen diese Erfahrung fehlt.

WDR: Haben Sie diesen Effekt nachweisen können?

Szycik: Nein, haben wir nicht. Es gab keinen signifikanten Unterschied in der Reaktion der Spieler und der Nichtspieler. Auch die Auswertung von Fragebögen, die wir zusätzlich haben ausfüllen lassen, zeigte keinerlei Unterschiede.

WDR: Hat Sie das überrascht?

Szycik: Absolut, wir konnten es gar nicht glauben und haben intensiv nach Fehlern in unserem Versuchsaufbau gesucht. Denn unsere Ergebnisse widersprachen früheren Studien deutlich. Diese hatten Zusammenhänge gesehen und sie auf das allgemeine Aggressionsmodell angewandt. Diese Untersuchungen legten nahe, dass gewalttätige Computerspiele die Empathiefähigkeit der Spieler senken und damit Aggressionen begünstigen.

WDR: Haben Sie einen Fehler gefunden?

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Computerspiele machen offenbar nicht zwingend aggressiv

Szycik Nein, wir haben die Studie erneut durchgeführt. Diesmal haben wir mit stärkeren Bildern gearbeitet und die Probanden aufgefordert, sich intensiv in die dargestellten Situationen hineinzuversetzen. Auch diese Studie zeigte keine Unterschiede zwischen Spielern und Nichtspielern. Insgesamt hatten wir jeweils 28 Spieler und Nichtspieler verglichen – das ist für eine MRT-Studie recht viel. Auch ein Team chinesischer Forscher hat eine solche Studie durchgeführt – mit dem gleichen Ergebnis.

WDR: Wie erklären Sie sich das?

Szycik: Die anderen Versuche haben die Reaktionen der Spieler während eines Spiels oder direkt danach gemessen. Da zeigten sich die Unterschiede. Wir haben bewusst eine Karenzzeit eingebaut: Drei Stunden vor dem Test durfte nicht gespielt werden. Diese kurze Zeit hat gereicht, um den Effekt, den das Computerspielen möglicherweise hatte, wieder rückgängig zu machen.

WDR: Ist das Fazit also, dass Computerspielen abstumpfen können, aber die Effekte sehr schnell wieder verschwinden?

Szycik: Ja, zumindest die Effekte, die man im MRT nachweisen konnte, verschwinden wieder. Bei den sehr exzessiven Spielern, die tatsächlich computerspielsüchtig sind, gibt es allerdings den Effekt, dass sie nach einer noch längeren Abstinenz aggressiver werden. Das hat dann aber gar nichts mehr mit dem Spiel als solchem zu tun, sondern damit, dass es eine Sucht ist und derjenige dann einen Entzug spürt. Seine Reaktion entspricht dann der eines Rauchers oder sonstigen Abhängigem, dem sein Suchtmittel fehlt.

Das Interview führte Lars Tepel.

Stand: 25.08.2017, 12:20