Stethoskop - Reif fürs Museum?

Statussymbol Stethoskop

Stethoskop - Reif fürs Museum?

Von Anne Preger

In der High-Tech-gestützten Medizin heute kämpft das Stethoskop um seinen Platz in der Arztkitteltasche. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall und MRT machen dem 200 Jahre alten Statussymbol der Ärzte Konkurrenz.

Pünktlich zum 200. Geburtstag debattieren Mediziner in den USA, den Niederlanden, aber auch in Deutschland, welche Bedeutung das Stethoskop für Ärzte heute noch hat. Das Diagnoseinstrument hat einen weiten Weg hinter sich: Die erste Abhörhilfe bestand vor 200 Jahren aus zusammengerolltem Papier. Damit löst ein Arzt in Paris im Jahr 1816 ein Problem: René Théophile Hyacinthe Laennec will das Herz einer jungen Patientin untersuchen. Einfach sein Ohr an ihre Brust zu legen, verbietet aber der Anstand. Mit der Papierrolle hört Laennec zu seiner Freude die Herztöne sogar deutlicher als sonst. Laennec experimentiert daraufhin mit diversen Materialien und entwickelt ein Hörrohr aus Holz, das er Stethoskop nennt, übersetzt aus dem Altgriechischen "Brustbetrachter".

Blick ins Körperinnere

Um auffällige Geräusche zu deuten, die er mit dem Stethoskop im Brustkorb von Patienten hört, braucht Laennec den Seziertisch. Am Pariser Neckerhospital hat Laennec viele Patienten, die er erst abhorcht und nach ihrem Tod obduziert. Dabei sucht er zielgerichtet nach krankhaften Veränderungen in der Lunge oder im Herzen. Darüber veröffentlich er 1819 eine umfangreiche wissenschaftliche Abhandlung, mit der er viele Arztkollegen vom Nutzen des Stethoskops überzeugt. Die ersten Modelle bestehen aus einer Holzröhre.

Bitte tief durchatmen

Das Abhören veränderte das Verhältnis zwischen Arzt und Patienten, erzählt Stefan Schulz, Medizinhistoriker und Kustos der Medizinhistorischen Sammlung an der Ruhr-Universität Bochum: "Patienten und Patientinnen waren am Anfang von dieser neuen Technik gar nicht erfreut, weil jetzt sie bei der Begegnung mit dem Arzt ihren Körper präsentieren mussten." Vorher hatten Ärzte in langen Gesprächen mit ihren Patienten ergründet, welche Gesundheitsprobleme es gab. Nun gab das Stethoskop dem Arzt exklusive Informationen, die ein Kranker über seinen eigenen Körper nicht besaß. Doch mit der Zeit gewöhnten sich die Patienten daran. Heute steht das Stethoskop für eine zugewandte Medizin.

Hitzige Debatte

Studien deuten allerdings darauf hin, dass viele Ärzte heute nicht mehr gut auskultieren können – so nennt man das Abhorchen eines Patienten mit dem Stethoskop. Einige Herzspezialisten finden das nicht so schlimm. Anstatt auf ihre Ohren wollen sie sich lieber auf ihre Augen und bildgebende Verfahren wie Ultraschall und MRT zur Untersuchung von Herzpatienten verlassen. Doch unter den Kardiologen gibt es auch zahlreiche Stethoskop-Fans. Denn mit dem Stethoskop lassen sich sehr spezifische Informationen über den Zustand eines Herzens gewinnen – und zwar schnell, preisgünstig und ohne Nebenwirkungen für den Patienten. Außerdem gibt der niedergelassene Bonner Kardiologe Thomas Klingenheben zu bedenken: "Das Stethoskop gibt uns zusätzlich Informationen, die wir im Ultraschall nicht finden."

Mehr hören

Klingenheben und andere Experten wünschen sich deswegen, dass Ärzte wieder besser hinhören lernen. Eine neue Generation von Stethoskopen macht das einfacher als je zuvor: An einem elektronischen Stethoskop kann der Anwender die Lautstärke einstellen, er kann Umgebungslärm wegfiltern und Herztöne verstärken. Die gehörten Körpergeräusche lassen sich aufzeichnen und auf dem Computer speichern und in unterschiedlicher Geschwindigkeit abspielen.

Digital nachrüsten?

Trotz dieser Vorteile sind elektronische Stethoskope in Deutschland bislang nicht sehr verbreitet. Sie kosten mehrere hundert Euro. Viele Mediziner besitzen bereits ein hochwertiges analoges Modell. Für sie bietet das kalifornische Start-up-Unternehmen Eko eine Lösung an: Es verkauft ein elektronisches Modul, mit dem Ärzte ihr analoges Stethoskop nachrüsten können. Herz- und Lungengeräusche können per Bluetooth direkt aufs Smartphone übertragen werden und dann in der elektronischen Krankenakte eines Patienten abgespeichert werden.

Stethoskop der Zukunft

Dass Abhören eine Kunst ist, die viele Ärzte nicht mehr gut beherrschen, sieht Eko-Mitgründer Jason Bellet als Herausforderung, Stethoskope intelligenter zu machen: „Bei uns arbeiten Experten an einem Programm, das Ärzten bei Entscheidungen unterstützt. So etwas wie "Shazam" - die App, die Musik hört und automatisch den Titel erkennt - aber eben für Herzschläge.“ Auf Mustererkennung in Körpergeräuschen setzen auch japanische Forscher. Sie entwickeln eine Software, die Lungengeräusche erkennen und Ärzten so helfen soll, die wahrscheinlichste Diagnose nicht zu überhören.

Stand: 30.03.2016, 10:21