Sport ist Anti-Aging fürs Gehirn

Sport ist Anti-Aging fürs Gehirn

Von Sigrun Damas

Körperliche Aktivität ist eines der wirkungsvollsten und nebenwirkungsärmsten Mittel, um das Gehirn gesund und leistungsfähig zu halten. Forscher sagen: Wer sich regelmäßig bewegt, senkt sein Demenzrisiko.

Christiane G. bekommt jetzt regelmäßig Hausbesuch. Die Sportstudentin Lale klingelt jede Woche bei ihr - für eine kleine gemeinsame Sporteinheit. In Christianes Wohnzimmer üben die beiden mit dem Theraband oder machen stabilisierende Übungen für Beine und Rücken.

Bewegung – auch für das Gedächtnis

Christiane, 64, erhofft sich davon mehr Schwung für ihren Körper - aber vor allem auch für ihren Kopf. Denn seit einiger Zeit merkt sie, dass sie Dinge schneller vergisst als früher. Deswegen hat sie sich bei der Sportvereinigung Stuttgart-Feuerbach angemeldet, zum Projekt "Bewegung – auch für den Kopf". Es ist ein Forschungsprojekt, das der Verein zusammen mit der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V.,und dem Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart ins Leben gerufen hat.

"Uns geht es darum, die Kognition möglichst stabil zu halten - beziehungsweise einer Verschlechterung entgegen zu wirken", sagt Sportwissenschaftlerin Anja Kappes, die das Projekt für die Universität Stuttgart betreut. Mit Gedächtnistests hat sie diejenigen herausgefiltert, die bereits leichte kognitive Einschränkungen haben. Denn genau für diese Menschen ist das Trainingsprogramm gedacht. Zum Programm gehören neben den wöchentlichen Hausbesuchen auch geistiges und sportliches Training in der Gruppe.

Wer körperlich fit ist – bleibt auch geistig länger fit

Bis heute gibt es kein Medikament, das wirksam vor einer Demenz schützt - bis auf Sport. Zumindest kann regelmäßige Bewegung das Erkrankungsrisiko senken. Das bestätigt auch Prof. Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Dresden. "Was sicher ist: dass Leute, die körperlich fitter sind, auch geistig fitter sind - und bleiben. Da ist mittlerweile die Evidenz und Studienlage überwältigend."

Ausdauer und Koordination – gut fürs Kurzzeitgedächtnis

Aber welcher Sport ist der beste, um die grauen Zellen in Form zu halten? Genau diese Frage soll das Stuttgarter Projekt klären. Deswegen haben die Sportwissenschaftler drei Gruppen gebildet: Eine mit dem Schwerpunkt Ausdauer-, eine mit dem Schwerpunkt Kraft- und eine mit dem Schwerpunkt Koordinationstraining. Im Herbst soll das Projekt abgeschlossen sein. Anja Kappes verrät aber schon so viel: "Vor allem das Ausdauertraining und das Koordinationstraining verbessern das Kurzzeitgedächtnis." Eine Demenz heilen - betont die Wissenschaftlerin - könne auch körperliche Bewegung nicht. Aber die Forscher haben Hoffnung, den geistigen Abbau mit gezielten Bewegungsprogrammen verlangsamen zu können.

Neue Zellen fürs Gehirn

Aber wie sind die Auswirkungen von Sport auf das Gehirn zu erklären? Hier ist noch vieles unerforscht. Die Wissenschaftler haben inzwischen aber herausgefunden, dass Muskeln und Gehirn eine enge Verbindung unterhalten. Gerd Kempermann vom DZNE Dresden formuliert es so: "Der Muskel auch ein endokrines Organ, das heißt, er produziert - wenn er benutzt wird - laufend Signalstoffe, die dann im Körper zirkulieren und die eine Signalwirkung auf das Gehirn haben." Die Arbeitsgruppe von Gerd Kempermann konnte in Versuchen mit Mäusen zeigen, dass in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem Hippocampus, bei Bewegung sogar neue Zellen gebildet werden. "Das ist unser Lernzentrum. Da muss alles durch, was wir uns merken wollen. Und der Befund, dass da ganze Zellen in Abhängigkeit von Bewegung gebildet werden - das ist ein ganz starker Hinweis auf einen ganz fundamentalen Zusammenhang, -  der in anderen Regionen dann vielleicht ähnlich gilt. Es könnte die Spitze eines Eisbergs sein."

Stand: 05.04.2016, 06:00