Medizin des Lebens: Bewegung

Medizin des Lebens: Bewegung

Von Sigrun Damas

Es gibt kaum ein Medikament, das so wirkungsvoll und zugleich so nebenwirkungsarm ist wie körperliche Aktivität. Wer sich regelmäßig bewegt, senkt sein Krankheitsrisiko deutlich und hat bessere Laune. Aber auch in der Therapie wird Sport immer wichtiger.

Die Beine fliegen - 20 Kilometer schafft Rita Wiesmann inzwischer locker im Liegen - bei jeder Dialyse. Die 57-Jährige ist schwer nierenkrank und muss deswegen alle zwei bis drei Tage zur Blutwäsche. Ihre Nieren schaffen es alleine nicht mehr, den Körper von giftigen Substanzen zu reinigen. "Am Anfang musste ich mich schon dazu aufraffen, mich hier zu bewegen", sagt Rita Wiesmann. "Aber inzwischen macht mir das Spaß, und die Zeit an der Dialyse vergeht viel schneller." Denn ihre Blutwäsche dauert vier Stunden.

Der Vorschlag, bei der Dialyse zu radeln, kam von ihrer Nierenspezialistin, der Nephrologin Kirsten Bonke. Sie erzählte Rita Wiesmann von Studien, die zeigen, dass Nierenkranke von körperlicher Bewegung profitieren. "Wer nierenkrank ist, baut schneller Muskulatur ab als ein Gesunder – mit Training kann den Muskelabbau stoppen oder zumindest verlangsamen." Außerdem entgiftet der Körper besser, wenn an der Dialyse Sport getrieben wird, das Blutvolumen vergrößert sich und die Betroffenen brauchen weniger Medikamente.

Die Allzweckmedizin

Bewegung ist Therapie. Nierenkranke sind nur ein Beispiel. Viele Kranke profitieren gesundheitlich, wenn sie sich bewegen. Man könnte Bewegung sogar als eine Art Breitband-Medikament begreifen. "Es gibt kein Medikament, das so weitreichende und vielfältige Gesundheitseffekte hat wie Sport", sagt der Kardiologe Herbert Löllgen, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin. "Die wissenschaftlichen Belege dafür sind inzwischen überwältigend." Für mehr als ein Dutzend Krankheiten gebe es gesicherte Nachweise, dass körperliche Aktivität als Therapie gelten könne. Oft wirke sie sogar besser als die vorhandenen Medikamente. Löllgen zählt auf: Bluthochdruck, Herzschwäche, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Lungenkrankheiten, arterielle Verschlusskrankheit, Arthrose, Diabetes und Osteoporose, Krebs. Auch bei neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer und Morbus Parkinson und sogar bei Depressionen empfehlen Ärzte immer häufiger die Medizin "Bewegung".

Körperlich Aktive haben einen Krankheitsschutz

Auch wer gar nicht erst krank werden möchte, sollte sich regelmäßig körperlich ertüchtigen. Sport senkt das Risiko zu erkranken deutlich. Für Herz- und Stoffwechselerkrankungen ist das seit langem bekannt. Aber jetzt stellen die Experten fest, dass Bewegung auch das Erankungsrisiko für neurodegeneartive Erkrankungen wie Demenzen und Morbus Parkinson senkt: "Bewegungsmuffel erkranken häufiger an Parkinson", schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Und zitiert eine aktuelle Studie aus Schweden: Personen, die mehr als sechs Stunden pro Woche im Haushalt und auf dem Weg zum Arbeitsplatz körperlich aktiv waren, hatten ein 43 Prozent niedrigeres Risiko an Parkinson zu erkranken als diejenigen, die nur zwei Stunden aktiv waren.

Rätselhafte Ereigniskaskade – was passiert im Körper?

Aber worauf beruhen diese schützenden und lindernden Effekte? "Das ist eine sehr spannende Frage", sagt der Sportwissenschaftler Joachim Wiskemann vom Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg, "auf die wir noch keine eindeutige Antwort haben." Man wisse aber, dass körperliche Aktivität im Körper eine Kaskade von positiven Reaktionen in Gang setze: Das Immunsystem wird wacher und abwehrbereiter, die zelleigenen Reparaturmechanismen für Schäden am Erbgut, der DNA, funktionieren besser. Schädliche Entzündungsprozesse werden gebremst und nicht zuletzt verändert sich das Verhältnis von Muskeln zu Fett im Körper. "Das hat zur Folge, dass weniger schädliche Hormone gebildet werden, zum Beispiel bei der Frau. Und Geschlechtshormone sind schädliche Wachstumstreiber für Krebserkrankungen", sagt Joachim Wiskemann.

Auf die richtige Dosis kommt es an

Aber wie häufig und wie intensiv soll man trainieren? Denn wie bei Medikamenten gibt es auch beim Sport die optimale Dosis - und die ist wahrscheinlich für jede Erkrankung und jeden Patienten unterschiedlich. So deutet die derzeitige Studienlage  darauf hin, dass etwa bei Herzschwäche kurzes intensives Training einen besseren Effekt erzielt als langes moderates Training. Der Trend geht auch hier zur individualisierten Medizin. Die Sportwissenschaft ist zuversichtlich, jedem Betroffenen in einigen Jahren ein individuelles Rezept für Sport ausstellen zu können.

Stand: 04.04.2016, 06:30