Neun Monate (1/9): Spermien - die Frau wehrt sich

Elektronenmikroskopaufnahme: Menschliche Spermien im Gebärmutterhals.

Neun Monate (1/9): Spermien - die Frau wehrt sich

Die Vorstellung, viele Millionen Spermien würden einen Wettbewerb zur Selektion austragen, ist weniger wissenschaftlich fundiert als eine ideologische Vorstellung. Bei der Zeugung geht es nur um Eines: Spermien im Überfluss machen sich auf den Weg. Eins von ihnen wird es schon schaffen.

Ungefähr zwanzig Zentimeter misst die Strecke zwischen Scheide und Eileiter, dort wo das Rendezvous stattfinden wird. Eizelle und Spermien müssen dorthin wandern. Für die eine Seite ein Spaziergang, für die andere ein Höllenritt. Ein Samenerguss besteht nur zu zehn Prozent aus Spermien. Die restliche Flüssigkeit ist eine Art Wundercocktail aus hilfreichen Wirkstoffen, die das Erbgut schützen.

Neun Monate (1/9): Spermien - die Frau wehrt sich

WDR 5 Leonardo - Neun Monate | 13.06.2016

Download

Sie sorgen dafür, dass sich die Spermien in der Scheide zusammenklumpen, um Angriffe von Abwehrzellen zu erschweren. Andere Wirkstoffe puffern die Säure in der Scheide etwas ab oder bringen die Scheidenwände dazu, sich so zu bewegen, dass die Spermien schneller in Richtung Gebärmutter geschleust werden. Zusätzlich gibt es Zucker in der Samenflüssigkeit, als süße Wegzehrung.

Am Eingang heißt es warten

Ein menschliches Spermium beim Versuch, in eine Eizelle einzudringen

Kurz vor dem Ziel machen viele Spermien schlapp. Sie haben keine Energie mehr zu knabbern und die Eizelle zu erobern.

Immerhin Tausende Spermien schaffen den Weg durch die Scheide bis an den äußeren Muttermund der Gebärmutter. Im Gebärmutterhals (Zervix) versperrt ein Schleimpfropf den Weg. Während des Eisprungs lösen weibliche Sexualhormone diesen Zervixschleim auf, sodass er dünnflüssig und fadenziehend wird. Erst jetzt können die noch wenigen Spermien, die in kleinen Nischen der Schleimhaut versteckt die Wartezeit überlebten, durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter eindringen.

Nur ein Bruchteil der Spermien erreicht das Ziel

Sie kämpfen sich quer durch die Gebärmutterhöhle. Etliche verirren sich in den winzigen Ausbuchtungen und Furchen des zehn Zentimeter langen Organs. Von Hunderten Millionen Spermien schafft es nur ein Bruchteil in den richtigen Eileiter, um dort das eigentliche Ziel anzutreffen: Die frisch gesprungene Eizelle, die schon chemische Lockstoffe aussendet.

Nur acht Stunden lang frisch - Team Eizelle

Eine Eizelle ist ein Zehntelmillimeter im Durchmesser. Damit ist sie die größte Zelle im menschlichen Körper und mit dem bloßen Auge sichtbar. Jede Eizelle ist kostbar und deswegen mit einer klaren, gelatineartigen Schicht - der Glashaut - umhüllt. Darüber liegt noch eine weitere schützende Zellschicht.

Ungefähr alle vier Wochen wächst eine Eizelle im Eierstock heran, löst sich aus der Hülle und wird herausgeschwemmt. Sofort wird sie von langen Tentakeln an der Öffnung eines trichterförmigen Gebildes aufgefangen. Diese ein bis zwei Zentimeter langen Fangarme schleusen die Eizelle in den Trichter.

Ein neues Leben geht an den Start

Angezogen von den Lockstoffen, schwimmen einige hundert Samenzellen mit letzter Kraft der Eizelle entgegen. Die schnellsten Samenfäden sind die Ersten beim Ei. Sie stoßen an die elastische, aber extrem stabile Glashaut der Eizelle. Die meisten schaffen es nicht weiter, nur ein Spermium dringt ein.

Noch nicht geklärt: Fusion von Eizelle und Spermium

Bislang dachte man, dass biologisch aktive Moleküle im Kopfteil des Spermiums die Glashaut aufschmelzen. Andere Forscher meinen, dass sich das Spermium mit purer mechanischer Kraft durch das Hindernis bohrt. Möglicherweise öffnet sich die schützende Glashaut der Eizelle aber auch aktiv für die Spermien.

Glücksache: Einer von uns wird es schon schaffen

Das Spermium schiebt sich langsam in die Eizelle, sein beweglicher Schwanz löst sich auf. Kaum hat es das Innere erreicht, verschließt sich die Hülle des Eis. Andere Spermien bemühen sich vergeblich einzudringen. Was unterscheidet dieses eine Spermium von all den anderen? "Das ist vom Zufall abhängig, nur das. Und das ist auch nicht immer notwendigerweise der Fitteste, sondern der Glücklichste", schlussfolgert Zellbiologin Gudrun Ahnert-Hilger.

Stand: 19.06.2018, 12:31