"Wer zu lange wach bleibt, macht Fehler"

Schlafforscher zu fünftägigem Solarflug

"Wer zu lange wach bleibt, macht Fehler"

Die "Solar Impulse 2" ist auf dem Weg über den Pazifik von Japan nach Hawai. Der Pilot wird nun fünf Tage und Nächte lang nur ganz kurz einschlafen dürfen. Schlafforscher Daniel Aeschbach über mögliche Risiken.

Der Schweizer Solarflieger André Borschberg ist am Montag (29.06.2015) zur Pazifiküberquerung gestartet. Sein "Sprung" bis Hawaii wird fünf Tage in Anspruch nehmen - Schlafentzug könnte dabei eine große Gefahr für ihn werden.

WDR: Herr Aeschbach, der Pilot André Boschberg darf auf seinem Flug maximal 20 Minuten am Stück schlafen, weil der Autopilot nicht länger alleine steuern kann. Welche Komplikationen könnten auftreten?

Daniel Aeschbach: Es ist eine Herausforderung, die Leistungsfähigkeit des Piloten bei so langer Beanspruchung mit wenig Schlaf möglichst hoch zu halten. Schlafmangel führt zu Müdigkeit und vermindert Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Urteilsvermögen.

WDR: Wie lange kann der Mensch denn ohne Schlaf auskommen?

Aeschbach: In der Evolutionsgeschichte haben wir Menschen uns so entwickelt, dass wir tagsüber für ungefähr 16 Stunden wach und leistungsfähig sind. Zwar können wir deutlich länger wach bleiben und sogar über ein paar Tage wach gehalten werden. Aber wir bezahlen einen Preis dafür: Unsere kognitive Leistungsfähigkeit nimmt mit zunehmender Wachphase rasch ab, das Denken verlangsamt sich, unsere Aufmerksamkeit, unser Urteilsvermögen lassen nach, wir machen Fehler. Nicht alle Menschen reagieren gleich stark. Einige ertragen Schlafmangel besser und bleiben länger leistungsfähig, wofür es sogar genetische Ursachen gibt.

WDR: Gibt es Tricks, wie sich Wachphasen verlängern lassen?

Aeschbach: Mit Koffein und einigen Medikamenten kann die Wachphase und die Wachheit kurzzeitig ausgedehnt werden. Für eine Dauer von fünf Tagen ist das aber nicht mehr möglich. Das einzige, was gegen die negativen Auswirkungen von Schlafmangel hilft, ist Schlaf. Selbst ein Nickerchen, eine kurze Schlafepisode von ca. 20 Minuten, kann den Abbau der Leistungsfähigkeit verlangsamen. Beim Solarflug über den Pazifik plant man dementsprechend regelmäßige Kurzschlafepisoden des Piloten ein.

WDR: Wie bereitet man sich denn auf einen geplanten Schlafentzug vor?

Aeschbach: Die Möglichkeiten sind begrenzt. Einen geplanten Schlafentzug sollte man möglichst ausgeruht angehen. Zwar kann man den Schlaf, den man verliert, nicht wirklich "vorholen", aber viel Schlaf in den Wochen vor einem Schlafentzug erlaubt es einem, während dessen länger leistungsfähig zu bleiben.

WDR: Welche Nebenwirkungen können bei einem zu langen Schlafentzug auftreten?

Aeschbach: Müdigkeit und Schlafbedürfnis werden sehr groß, der Wachzustand wird instabil und man gleitet spontan und ungewollt in den Schlaf. Es kann auch zu Halluzinationen, vor allem zu visuellen Halluzinationen, kommen. Die Stimmung kann sich verändern, einige Menschen reagieren mit erhöhter Reizbarkeit.

WDR: Welche Kräfte wirken zusätzlich zum Schlafentzug in der Luft auf den menschlichen Körper? Und wie belasten sie ihn?

Aeschbach: In einem nicht-bedruckten Cockpit, das auf einer Flughöhe bis zu 8.500 Meter fliegt, ist die Luft sehr dünn und damit die Menge an verfügbarem Sauerstoff sehr niedrig. Um Symptome einer Höhenkrankheit zu verhindern, wird der Pilot im Solarflugzeug ab einer gewissen Höhe eine Sauerstoffmaske tragen. Grundsätzlich ist es auch so, dass ein Mensch nicht zu rasch in große Höhen aufsteigen darf, um die Gefahr einer Dekompressionskrankheit, bei der sich Gasblasen im Körper bilden, zu verhindern. Beim Solarflug werden auch extreme Temperaturwechsel im Cockpit - also zwischen 20 Grad minus und 30 Grad plus - erwartet, die sich durch die stark variierende Flughöhe und Sonneneinstrahlung ergeben. Schließlich sind da die räumliche Enge im Cockpit und die sich daraus ergebende Bewegungsarmut. Mit regelmäßigen Bewegungsübungen wird der Pilot versuchen, die Blutzirkulation anzuregen und die Gefahr von Blutgerinnseln niedrig zu halten.

Die Fragen stellte Andreas Sträter

Stand: 29.06.2015, 11:00