Shared Spaces - Sozialverträgliches Verkehrschaos

Montage Verkehrsschild Fussgänger, Radfahrer und Auto / Shared Space-Zone  im niedersaechsischen Bohmtee

Shared Spaces - Sozialverträgliches Verkehrschaos

Von Conny Crumbach

"Shared Spaces" meint Plätze und Straßen, auf denen sich Fußgänger, Fahrräder und Autos ohne Trennlinien und Verkehrsschilder gleichberechtigt bewegen. Das geplante Chaos soll den Verkehr beruhigen. Aber wie?

Das Konzept der Shared Spaces

Die Idee kommt ursprünglich aus den Niederlanden. In Shared Spaces oder Begegnungszonen nutzen alle Verkehrsteilnehmer den vorhandenen Raum gemeinsam. Es gibt keine abgetrennten Fahrstreifen oder Gehwege. In Deutschland gibt es seit 2007 Versuche mit dem Konzept - unter anderem in Duisburg, Aachen, Bocholt und Berlin. Shared Spaces werden so gestaltet, dass Auto- und Radfahrer dort nicht schnell fahren können. Natürliche Barrieren wie Bäume, Straßengrün, Bänke, Tische, Stühle und Bereiche, in denen gespielt werden darf, sollen den Verkehr entschleunigen. Regeln und Verkehrsschilder gibt es in den Shared Spaces so wenige, wie möglich. Begegnungszonen und Shared Spaces unterscheiden sich nur minimal: In Shared Spaces sind keine Parkplätze für Autos vorgesehen, in Begegnungszonen darf man an einzelnen Stellen parken.

Das Ziel der Shared Spaces

Rückeroberung des öffentlichen Raumes: In den Städten wird der öffentliche Raum vor allem als Verkehrsader genutzt. Das beobachten unter anderem Organisationen wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), der Verkehrsclub Deutschland (VCD), aber auch Stadtplaner und Mobilitätsexperten wie Hartmut Topp von der Technischen Universität Kaiserslautern schon seit Jahren. Mit den Shared Spaces will man den öffentlichen Raum in Städten wieder für die Bewohner nutzbar machen. Man soll sich dort aufhalten und unterhalten können - auch ohne zu konsumieren und Geld auszugeben. Der Verkehr muss sich hier dem Raum anpassen, nicht der Raum dem Verkehr.

Verkehrsberuhigung: Mobilitätsexperten sehen in den Shared Spaces eine Weiterentwicklung der Tempo-30-Zonen oder der Spielstraßen. Durch die Mischung der Verkehrsteilnehmer und die Aufhebung von Regeln soll an ausgewählten Stellen eine Verlangsamung des Verkehrs erreicht werden.

Eigenverantwortung und Rücksichtnahme stärken: Verkehrsplanerisch setzt man dabei auf das soziale Miteinander. Das Konzept soll dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer sich gegenseitig beobachten, Rücksicht nehmen und flexibel auf Situationen reagieren. Darum soll es auch möglichst wenig Regeln in Shared Spaces geben. Der ADFC schlägt als Minimalregeln "rechts fahren" und "rechts vor links" vor.

Dominanz des Autoverkehrs bannen: "In Deutschland dominieren nach wie vor die Autos den Verkehr", sagt Stephanie Krone vom ADFC Deutschland. Es sei sehr schwierig, Autofahrern klar zu machen, dass Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind. In den Shared Spaces sollen sich alle auf Augenhöhe begegnen und den gleichen Platz bekommen. Gleichzeitig kann die Frequenz des Autoverkehrs durch Shared Spaces gesenkt werden. So zum Beispiel am Duisburger Opernplatz. Dort wurde 2008 ein Shared Space umgesetzt. Nach dem Umbau sank die Verkehrsstärke von 20.000 Autos auf 14.000 Autos täglich, wie das Netzwerk Shared Spaces 2013 mitteilte.

Nicht jeder Ort ist geeignet

Berlin zwischen dem Nollendorf- und dem Winterfeldtplatz in Schöneberg (Maasenstrasse) befindet sich Berlins erste Begegnungszone

Die Begegnungszone in der Berliner Maaßenstraße

Der Mobilitätsexperte Hartmut Topp von der Technischen Universität Kaiserslautern hat sich intensiv mit dem Thema Shared Spaces befasst. Er hat geprüft, welche Voraussetzungen Straßen und Plätze erfüllen müssen, damit sie überhaupt als Shared Spaces in Frage kommen. Demnach braucht ein solcher Ort eine hohe Frequenz an Fußgängern und Radfahrern (mindestens 20 Prozent) und nur mäßigen Autoverkehr. Heißt unter anderem: Auf stark befahrenen Straßen können Shared Spaces nicht als Mittel der Verkehrsberuhigung eingesetzt werden.

Gründe für das Scheitern von Shared Spaces

Beispiel für eine Begegnungszone: In Berlin startete im Oktober 2015 ein Modellprojekt für drei Begegnungszonen in der Stadt. Die erste war die Begegnungszone an der Maaßenstraße im Stadtteil Schöneberg. Die Umsetzung in der Praxis überzeugt aktuell jedoch weder die Anwohner noch die ehemaligen Befürworter. Es gilt Tempo 20, Radfahrer und Autos teilen sich eine sehr schmale Fahrbahn und auf Fußgänger wird mit aufgemalten Fußspuren aufmerksam gemacht. Ergebnis: Es gibt weiterhin eine Fahrbahn. Fußgänger bleiben benachteiligt. Nach Meinung der Anwohner ist es eher gefährlicher als sicherer geworden. Außerdem hätten manche Anwohner auch gerne wieder mehr Parkplätze.

Unklare Planungsvorgaben: Am Beispiel Maaßenstraße zeigt sich ein grundsätzliches Problem der Shared Spaces und Begegnungszonen. In der Straßenverkehrsordnung kommen sie nicht vor, darum gibt es keine eindeutigen Vorgaben für ihre Planung. So können Kompromisse entstehen, die mit der eigentlichen Grundidee kaum noch etwas zu tun haben - und mit denen niemand wirklich zufrieden ist.

Verkehrssicherheit und Mentalität: Auch das Prinzip "möglichst keine Beschilderung" ist schwer durchzusetzen. Denn wenn es zu Unfällen kommt, kann es rechtliche Probleme geben. Schnell werden dann wieder klare Regeln und Schilder gefordert, die Fahrtempo und Fahrbahnen klar definieren. "Viele Shared Spaces funktionieren nicht optimal. Das liegt einerseits an ungünstiger Planung, andererseits aber auch an der Mentalität der Verkehrsteilnehmer", fasst Stephanie Krone vom ADFC zusammen.

Die Mentalität im Straßenverkehr zu verändern, sei eine sehr große Herausforderung, die Zeit brauche. Das könne man auch bei anderen Modellprojekten wie Fahrradstraßen beobachten. "Die Autofahrer sehen nicht ein, dass sie langsamer fahren müssen und die Radfahrer das Tempo vorgeben - trotz klarer Regeln", so Krone. Shared Spaces und Begegnungszonen sind für Krone trotzdem gute Konzepte, die aber nur eine Chance haben, wenn sie wirklich von allen Beteiligten gewollt und angenommen werden.

Stand: 09.11.2016, 06:00