Service Sachbuch - "Die Reise mit der Snark"

Cover von "Die Reise mit der Snark" von Jack London vor einem Segelboot in der Südsee

Service Sachbuch - "Die Reise mit der Snark"

Von Marija Bakker

Die Sternstunden seines Lebens hat Jack London auf seinem Schiff, der Snark, verbracht. Sein Buch, "Die Reise mit der Snark" ist jetzt neu übersetzt und aufgelegt worden. Es sollte damals eine Weltumsegelung werden, aber nichts lief rund.

Gemeinsam mit seiner Frau Charmian Kittredge London will London auf der Snark die Welt umsegeln, finanziert durch Reiseberichte und Reportagen. London ist zu dem Zeitpunkt  durch seine Frühwerke "Der Ruf der Wildnis" (1903) und "Der Seewolf" (1904) schon bekannt und erfolgreich. Allerdings muss er auch eine ordentliche Stange Geld in die Hand nehmen, bis die Snark Klarschiff ist. Eigentlich läuft nämlich gar nichts rund. So wird Jack London schon vor der Abreise zum Gespött der Leute, weil das Schiff, das er bauen lässt, einfach nicht fertig werden will. Die Snark wird um ein vielfaches teurer als geplant, der Abreisetermin mehrfach verschoben, aber dann klappt es doch:

Die Leinen los

 "(..)Endlich segelten wir am Dienstagmorgen, den 23. April 1907 los. Zugegeben, unser Aufbruch verlief recht zäh. Den Anker mussten wir von Hand lichten, weil das Getriebe für die Winde völlig ungeeignet war.(…) der Motor in der Barkasse funktionierte nicht, und das Rettungsboot war löchrig wie ein Sieb. - Aber die machten ja nicht die Snark aus. Sie waren bloß Zubehör. Was zählte, waren die wasserdichten Schotten, die fugenlose Beplankung, die Badezimmereinrichtungen - Sie waren die Snark."

Wie sich später herausstellt, sind die Schotten dann aber doch nicht wasserdicht, das Bad geht sofort kaputt, und die Crew an Bord besteht aus überwiegend seekranken Männern und einem Kapitän, der nicht navigieren kann.

"Menschen hatten uns betrogen und in einem Sieb auf’s Meer hinausgeschickt, doch Gott muss uns geliebt haben, denn wir hatten ruhiges Wetter, und wir lernten, jeden Tag zu pumpen, um über Wasser zu bleiben, auch, dass man einem Holzzahnstocher mehr vertrauen konnte als jedem massiven Eisenstück, das sich an Bord befand."

Wie will Jack London auf einem derart maroden Gefährt den Pazifik oder sogar alle Weltmeere überqueren, fragt man sich schon auf den ersten Seiten und will es dann doch lieber gar nicht so genau wissen. Die Stimmung ist nämlich trotzdem gut. London und seine Frau Charmian erfüllen sich mit dieser Reise einen Lebenstraum. Und egal, was kommt, egal, wie schmerzhaft, frustrierend, anstrengend es noch wird: sie bleiben dabei und sie lieben es.

Lehrgang mit Seegang

London hat viel Erfahrung auf hoher See, er ist ein guter Segler, kräftig und patent, aber navigieren kann er bislang nicht. Also schnappt er sich die Bücher und  bringt es sich bei -  um dann ordentlich mit seinem Wissen anzugeben:

"Stolz? Ich vollbrachte Wunder. Ich vergaß, wie leicht es mir gefallen war, alles aus Büchern zu lernen. Ich vergaß, welch unvorstellbare Mühen (es müssen wahrlich gewaltige Anstrengungen vonnöten gewesen sein) jene Meisterdenker, die Astronomen und Mathematiker vor mir, auf sich genommen haben, die die ganze Wissenschaft der Navigation entdeckt und ausgearbeitet und die Tabellen im Nautik-Lehrbuch erstellt hatten. Ich war mir nur des immerwährenden Wunders bewusst - dass ich den Stimmen der Sterne gelauscht und so meine Position auf der Straße des Ozeans erfahren hatte Charmian wusste es nicht, Martin wusste es nicht, Tochigi, der Kajütenjunge wusste es nicht. Ich aber sagte es ihnen. Ich war der Götterbote. Ich stand zwischen ihnen und der Unendlichkeit. Ich übersetzte die Hochsprache des Himmels in ihren gewohnten Wortschatz. Wir wurden vom Himmel geleitet, und ich war es, der die Wegweiser des Himmels lesen konnte - Ich! Ich!"

Man trifft ihn immer wieder, diesen selbstironischen fast spöttischen Ton, den Jack London gegenüber sich, seinen Eitelkeiten, aber auch gegenüber ernsthaften Gefahren anschlägt. So muss man auch beim Lesen durch die Stimmungen navigieren und zwischen den Zeilen lesen, woher der Wind gerade weht.

Stationen der Reise

Erster Halt: Honolulu. Während das Schiff hier seetüchtig gemacht wird, entdeckt der Autor seine Leidenschaft für einen anderen Wassersport: Das Surfen. Er beschreibt die physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Welle und Brett, er begegnet den ersten Surflegenden seiner Zeit und letztlich machen auch seine Berichte über den "königlichen Sport", wie er ihn nennt, das Surfen in Nordamerika bekannt. - Außerdem besuchen Jack und Charmian eine Leprakolonie. Die Insel Molokai, auf der die Aussätzigen leben, entpuppt sich als freundlicher  Ort, an dem ein gutes, sogar unterhaltsames Leben möglich ist.

"Am Abend besuchten wir einen der Festsäle der Leprapatienten, in dem ein Wettsingen der einzelnen Gesangsvereine vor großem Publikum stattfand, und wo man die Nacht durchtanzte. Ich habe die Hawaiianer in den Slums von Honolulu gesehen, und nachdem ich sie gesehen habe, verstehe ich nur zu gut, warum die Kranken, die man zur Nachuntersuchung fortbrachte, allesamt riefen, "Zurück nach Molokai!"

Jack London ist der erste, der die Leprakolonie realistisch darstellt, bis dahin hatten die Berichterstatter nur Horrorversionen verbreitet. Allerdings wird es in Sachen Krankheit  trotzdem noch drastisch auf dieser Reise: Wir begegnen der Elefantiasis-Krankheit, die die Gliedmaßen der Menschen überdimensional anschwellen lässt, auf den Marquesas-Inseln werden Einheimische nur so dahin gerafft, weil sie den Krankheitserregern der Weißen nicht gewachsen sind und auf den Salomonen kursieren die ungewöhnlichsten Ekzeme. Es bleibt nicht aus: auch Jack London und seine Crew werden - früher oder später - selbst krank.

"Während des Fieberanfalls bekam Charmian auch noch ein Salomonen-Ekzem. Das hatte gerade noch gefehlt. Jeder auf der Snark hatte Ekzeme bekommen nur sie nicht. Ich dachte, ich würde meinen Fuß ab dem Knöchel verlieren wegen einer außerordentlich bösartigen und bohrenden Entzündung, Henry und Tehei, die haitianischen Matrosen, hatten Dutzende Geschwüre. Wada hatte das Zählen aufgegeben. (…) Doch Charmian war entkommen. Ihrer anhaltenden Immunität entsprang eine Verachtung für uns Übrige. Es schmeichelte ihrem Ego dermaßen, dass sie mir eines Tages schüchtern kundtat, die Ansteckung hänge von der Reinheit des Blutes ab. Da wir Übrigen allesamt Ekzeme heranzüchteten und sie nicht… Naja, wie auch immer, jedenfalls war ihres so groß wie ein Silberdollar und heilte aufgrund der Reinheit ihres Blutes nach mehreren Wochen intensiver Pflege."

Nicht zuletzt gibt es auch noch Bedrohungen durch wütende und stark bewaffnete Einheimische auf den Salomonen. Denn die wehren sich gegen Weiße, die dort Menschenmaterial für ihren Sklavenhandel anwerben wollen. Da kann einem also schon mal eine Axt in die Quere kommen. London bewahrt auch hier immer die ironische Distanz zur Sache. 

…der Körper leidet endgültig Schiffbruch

Nach zwei Jahren ist dann Endstation vor Australien. Jack London wird so krank, dass er für Monate ins Krankenhaus muss. Er hält die Tropensonne für die Krankheitsursache und will zurück ins heimische Klima.

"Ein letztes Wort. Der Prüfstein der Reise. Es ist recht leicht für mich oder jeden anderen Mann zu sagen, sie sei schön gewesen. Doch es gibt einen besseren Zeugen, die einzige Frau, die von Anfang bis Ende mit dabei war. Im Im Krankenhaus, als ich Charmian mitteilte, dass ich nach Kalifornien zurückkehren müsse, brach sie in Tränen aus. Zwei Tage lang war sie am Boden zerstört und untröstlich, weil sie wusste, dass wir die glückliche, glückliche Reise nicht fortsetzen konnten."

Bericht und Logbuch

Weitere zwei Jahre später, 1911, erscheint das Buch über "Die Reise mit der Snark". Auch Charmian Kittredge London veröffentlicht ihre Sicht der Dinge im "Logbuch der Snark", das 1915 erscheint. Leider ist dieses Buch bislang nur in wenigen Auszügen ins Deutsche übersetzt. Dabei würde es nicht nur wunderbar die andere Sicht auf die Reise darstellen, sondern auch ganz wunderbar in die schön edierte Klassiker Reihe aus dem Mare Verlag passen. Denn auch wenn Jack Londons Frau Charmian nie im Vordergrund der Erzählung steht: Ohne sie hätte es diese Reise nicht gegeben, das ist nach der Lektüre ganz klar.

Redaktion:
Heiko Hillebrand

Stand: 06.05.2016, 12:33