Service Psychologie: Prävention für Kinder suchtkranker Eltern

Ein Jugendlicher sitzt hinter Flaschen mit Alkohol [M]

Service Psychologie: Prävention für Kinder suchtkranker Eltern

Von Nives Sunara

Kinder sollen Kinder sein dürfen - mit allem, was dazugehört: Unbeschwertheit, wenig Verantwortung tragen, Spaß mit Gleichaltrigen haben. Aber was ist, wenn die Eltern suchtkrank sind?

Zahlen und Fakten zur Situation in Deutschland

In Deutschland leben mehr als 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche dauerhaft oder zeitweise mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil zusammen. Etwa 60.000 Kinder mit einem heroinabhängigen Vater oder einer Mutter. Kinder suchtkranker Eltern haben ein sechsfach größeres Risiko selber an einer Sucht zu erkranken als andere Kinder.

Betroffene Kinder werden oftmals vergessen

Zu selten wird auf die Familie hinter einem suchtkranken Menschen gesehen. Wenn ein erwachsener Suchtkranker behandelt wird, müsste man automatisch auf seine Kinder schauen. Brauchen sie vielleicht auch eine Therapie oder kann man etwas tun, damit sie möglichst gesund aufwachsen?

Die Umwelt ist voller Stresssituationen

Ein gutes Drittel betroffener Kinder wird später selbst abhängig. Ein weiteres Drittel entwickelt andere psychische Störungen wie Depressionen, Ängste, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen oder eine Spielsucht.

Die Sucht der Eltern bestimmt den Alltag

Die Kinder suchtkranker Eltern haben oft Schlafstörungen, weil die Eltern sich nachts streiten und es kaum Ruhe in der Familie gibt. Viele erleben körperliche oder emotionale Gewalt. Sie werden häufig von ihren Eltern gedemütigt und missachtet und haben oft Probleme in der Schule, weil sie unkonzentriert sind. Da sich die Kinder für das Verhalten der Eltern schämen, sind sie oft isoliert und haben nur wenige Freunde. Außerdem fühlen sie sich nicht selten verantwortlich oder geben sich selber sogar die Schuld an der Erkrankung der Eltern.

"Trampolin" will betroffenen Kindern helfen

Entwickelt wurde "Trampolin" vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung an der Katholischen Hochschule Köln und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Es soll Kinder alkohol- und drogenabhängiger Eltern stärken und ihnen helfen, nicht selber zu erkranken. Inzwischen haben die gesetzlichen Krankenkassen das Projekt anerkannt und übernehmen die Kosten.

"Trampolin" ist ein Angebot für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren

Es gibt neun Sitzungen für die Kinder und zwei zusätzliche Elternabende. Jede Woche geht es um ein anderes Thema: Wie wirken Alkohol und Drogen? Wie kann ich mit schwierigen Situationen in der Familie umgehen? Was kann ich tun, um mich zu entspannen? Wo kann ich mir Hilfe und Unterstützung holen, wenn ich alleine nicht weiterkomme? Die Kinder lernen nicht nur wichtige Verhaltensstrategien, sondern werden auch in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Sie erfahren, dass sie selber wertvoll sind und eine Menge guter Eigenschaften haben. Und das Programm hilft den Kindern auch, mehr über die Erkrankung der Eltern zu erfahren. Sie können sie dann ein bisschen besser verstehen und einordnen.

Kinder treffen Kinder, denen es ähnlich geht

Es tut gut, endlich mal über die Sucht der Eltern sprechen zu können und zu merken, dass es auch anderen Kindern ähnlich geht und man damit nicht alleine ist. Die Kinder können sich austauschen und oft geben sie wertvolle Tipps.

Kinder werden optimistischer

Fachleute wie Dr. Antje Niedersteberg, Chefärztin der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen an der LVR-Klinik Düren, stellen fest, dass die betroffenen Kinder am Ende des Trampolin-Kurses optimistischer sind und gestärkt mit der familiären Situation umgehen können. Neben vielen hilfreichen Tipps zur Stressbewältigung und einem gestiegenen Selbstwertgefühl, wissen sie nun letztlich auch, dass sie keine Schuld an der Situation trifft und nur ihre Eltern etwas daran ändern können.

Service Psychologie ist eine Rubrik der WDR 5 Sendung Leonardo. Zu hören donnerstags zwischen 15.05 Uhr und 17.00 Uhr.

Stand: 17.11.2016, 10:53