Warum Jugendliche die Schule abbrechen

Warum Jugendliche die Schule abbrechen

Von Andreas Sträter

Für die Schüler in NRW ist wieder der Schulalltag eingekehrt. Doch in vielen Klassen bleiben Plätze frei, weil Jugendliche die Schule geschmissen haben. Warum? Und welche Chancen haben junge Menschen ohne Abschluss?

Wer mitten im Berufsleben steckt, erinnert sich oft gern zurück an die Schulzeit und ein unbeschwertes Leben. Für manche Jugendliche verläuft die Schulzeit jedoch alles andere als glücklich. Laut einer aktuellen Studie der Caritas haben 47.000 Jugendliche im Jahr 2014 die Schule ohne einen Abschluss verlassen. In Nordrhein-Westfalen brachen im Untersuchungsjahr sechs Prozent der Jugendlichen die Schule ab, während der Bundesschnitt mit einer Abbruchquote von 5,7 Prozent etwas besser als das NRW-Ergebnis ist, wie der katholische Wohlfahrtsverband in Berlin mitteilte. Warum brechen junge Menschen die Schule ab?

Gründe für einen Schulabbruch

"Die Gründe für einen Schulabbruch sind vielschichtig", erläutert Tobias Hagen, Studienrat im Hochschuldienst an der Universität zu Köln, dem WDR. Die Probleme könnten individuelle, familiäre oder schulische Wurzeln haben, sagt er. Da müsse sehr genau unterschieden werden. Zu diesem Urteil kommt auch Simone Dunkel, Schulpsychologin bei der Stadt Dortmund: "Nicht jeder Schüler schwänzt die Schule, weil er keine Lust mehr hat. Dieser Eindruck kann vorschnell entstehen." Eine klare Analyse mit dem Schüler, den Eltern und den Lehrern sei daher wichtig, um die Gründe für einen möglichen Schulabbruch herauszufinden. "Nur bei genauer Analyse der Problemsituation können entsprechende Hilfen geplant und angeboten werden", sagt Dunkel.

Angst, Depression, Mobbing

Jugendliche umringen einen am Boden liegenden Schüler.

Mobbing findet oft auf dem Schulhof statt - zum Teil sogar mit körperlicher Gewalt

Als mögliche Gründe für einen Schulabbruch zählt Tobias Hagen von der Uni Köln Schulangst, Depressionen oder Mobbingerfahrungen auf. "Gerade Mobbing ist eine Pflanze, die im Dunklen blüht. Es passiert genau dann, wenn keine erwachsene Person zusieht", sagt Schulpsychologin Dunkel aus Dortmund. "Also auf dem Weg zur Schule, auf dem Schulhof, auf der Toilette und natürlich in sozialen Medien", präzisiert sie. Bei Mobbing könne die Klassenleitung zwar eingreifen, nur müsse das Problem überhaupt erst erkannt werden. Umso wichtiger seien etwa auch Fortbildungen für die Lehrer.

Schule als Ort, mit dem sich Schüler identifizieren

Die Atmosphäre im Schulalltag spielt beim Thema Schulabbruch – Experten sprechen von "Dropout" – überhaupt eine wichtige Rolle. "Sie sollte ein Ort sein, zu dem Schüler gerne gehen, an dem Schüler Verantwortung für das Schulleben übernehmen und mit dem sie sich identifizieren können", erläutert Tobias Hagen, Studienrat im Hochschuldienst. Lehrer sollten etwa auch im Blick haben, ob Schüler über- oder unterfordert sein könnten. Außerdem sollte es an jeder Schule Ansprechpartner geben, an die sich die jungen Menschen wenden können. "Für Schüler ist es häufig eine hohe Schwelle, sich mitzuteilen", sagt Schulpsychologin Dunkel.

Schulabbrecherquote: Unterschiede zwischen den Ländern
Den Daten der Caritas zufolge zeigen sich zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede. Die Quoten der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss liegen im Untersuchungsjahr 2014 zwischen 4,4 Prozent in Bayern und 9,2 Prozent in Sachsen-Anhalt. Dabei ist die Quote in einigen Ländern gestiegen; und zwar in Berlin von 7,7 auf 8,7 Prozent, in Schleswig-Holstein von sieben auf 7,6 Prozent sowie in NRW von 5,5 auf sechs Prozent. Doch es gibt auch den gegenläufigen Trend. Deutlich gesunken sind die Quoten in Mecklenburg-Vorpommern (von 9,6 auf 7,9 Prozent) und in Sachsen (von 8,8 auf 7,8 Prozent). Die Unterschiede zwischen den Bundesländern führen Experten auf das föderale System und die unterschiedlichen Sozialstrukturen der Länder zurück.

Fehlzeiten sollten systematischer notiert werden

Schüler malen und basteln bei der Gruppenarbeit

In der Schule wird fürs Leben gelernt

Dass 47.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, könnte auch daran liegen, dass die Fehlzeiten in den Schulen vielfach nicht systematisch notiert würden. "Dabei könnte das ein erster, wichtiger Schritt sein", sagt Hagen. Ein Mangel an Schulpräsenz sei immer problematisch, erläutert Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg in der Schweiz, die sich in mehreren Studien intensiv mit diesem Thema befasst hat. In der Schule erwerben die Jugendlichen nicht nur Fachwissen, sondern auch Fähigkeiten für den Alltag. Wer die Schule also zu früh verlässt, dem fehlen später soziale Kompetenzen, so Stamm.

Risiko für Kriminalität und Arbeitslosigkeit

Ein fehlender Schulabschluss gehe einher mit einem höheren Risiko für Arbeitslosigkeit und Kriminalität, sagt Hagen. Caritas-Präsident Peter Neher appelliert an die Bildungspolitiker in Bund und Ländern, mehr für benachteiligte Schüler zu tun: "Wer die Schule ohne Abschluss verlässt, hat nicht nur deutlich weniger Chancen auf einen Ausbildungsplatz, sondern auch weniger Chancen auf ein Leben unabhängig von staatlichen Leistungen." Neher fordert, dass Politik, Schule, Jugendamt, Arbeitsamt, Wohlfahrtspflege und Wirtschaft besser zusammen arbeiten, um mehr jungen Menschen zu einem Schulabschluss zu verhelfen.

Kostenaufwändige Maßnahmen bringen oft nichts

Von der Begriffsdefinition her schaffen Schulabbrecher den Weg zurück in die Schule nicht mehr. Es gibt aber Alternativen: Viele Schulabbrecher werden durch die Agentur für Arbeit in so genannte Berufseingliederungsmaßnahmen vermittelt, erläutert Hagen von der Uni Köln. Dazu gehören etwa ein Berufsvorbereitungsjahr oder ein Berufsgrundbildungsjahr. "Doch trotz dieser kostenaufwändigen Maßnahmen gelingt die Integration in den ersten Arbeitsmarkt in vielen Fällen jedoch nicht", erläutert Hagen. Für Schulabbrecher sieht es also düster aus. Der einfachste Weg, ist der Weg in die Schule.

Stand: 22.08.2016, 06:00