Joggen durch die Stadt - Warum?

Joggen durch die Stadt - Warum?

Von Lisa von Prondzinski

Mit 30 oder 40 anderen zwischen Autos, Fußgängern und Radfahrern joggen? Kann das Spaß machen? Kann es. So genannte Running Crews sind in Städten ziemlich angesagt. Warum bloß? Wir haben bei einer Gruppe nachgefragt.

Ein Kölner Innenhof, kurz vor 20 Uhr: Niko Vanek ist als Erster da. Der 31-Jährige weiß nicht, wer heute sonst noch alles kommt. Vanek hat vor anderthalb Jahren den Lauftreff "Cologne Running Crew" gegründet. Eine lose Lauftruppe: Wer kommt, der kommt. Nach und nach trudeln Eva, Horst, Christina, Pia und und und ein. Am Ende sind es über 30 Leute, die an diesem Mittwochabend gemeinsam laufen wollen. Einige kennen sich, andere nicht. Vom Anfänger bis zum Triathleten ist alles dabei. Aber niemand mit Stoppuhr. Niemand braucht Bedenken zu haben, dass er zurückbleibt oder die anderen aufhält. "Wir nehmen Rücksicht auf den Langsamsten. Wer sein eigenes, schnelles Tempo laufen möchte, ist woanders besser aufgehoben als hier", sagt Niko Vanek. "Wir wollen Spaß, keinen Druck."

Freundin beim Laufen kennengelernt

Aus dem Kölner Innenhof geht es los Richtung Innenstadt. Aber gemächlich. Fast jeder quatscht mit irgendwem. Und an jeder roten Ampel ist sowieso erst mal Stehen angesagt. "Die Ampeln sind etwas nervig", meint Christian (30). Christian lebt seit zwei Jahren in Köln und ist übers Internet auf die Gruppe aufmerksam geworden. "Eigentlich habe ich nach Tennis gesucht. Dann habe ich gesehen; der Treff ist nur 1,5 Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Das passt. Ich bin schnell da und das ist eine Super-Möglichkeit die Stadt kennenzulernen." Na ja, und außerdem hat Christian hier auch seine Freundin kennengelernt.

"Man wird richtig mitgetragen"

Wo es langgeht, ob zur Zoobrücke, durch den Hauptbahnhof, zur Kirmes eine Runde drehen und zurück, oder durch den Grüngürtel, überlegt sich Niko Vanek vorher. Er hält die Gruppe zusammen, hat seine Augen überall, fragt die letzten Läufer, ob das Tempo okay ist. "Ich bin so eine Art Schäferhund", sagt er lachend. Zehn Kilometer läuft die Truppe meistens. Durch die Stadt, aber auch mal ins Grüne. Pia (21) kommt die Strecke immer viel kürzer vor. Sie ist früher alleine gelaufen - fünf Kilometer hat sie geschafft. "Hier verfliegen die zehn Kilometer wie fünf", meint die Auszubildende. "Man wird richtig mitgetragen."

Aufraffen fällt leichter

Ein Effekt, der typisch ist fürs Laufen in der Gruppe, sagt Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Wer allein läuft muss sich auf den Rhythmus seines Körpers einstellen und das auch aushalten. Das kann nicht jeder gut. In der Gruppe lenkt man sich davon ab." Froböse hat für unorganisierte Laufgruppen viel übrig. Aus mehreren Gründen: Man motiviert sich gegenseitig ohne Leistungsdruck und überwindet den inneren Schweinehund - rafft sich also eher zum Laufen auf, statt auf der Couch zu kleben. Außerdem: In sonst anonymen Städten finde man schnell Kontakt, ohne gleich in einen Verein eintreten zu müssen.

Doch eine Gefahr sieht Froböse für Anfänger: "Man sollte sich nicht übernehmen. Denn gerade in der Gruppe will man mitziehen. Wenn es zu viel wird, dann muss man halt ein paar Meter gehen. Wenn sich die Gruppe drauf einstellt, dann ist das gut."

Abgase sind ein Nachteil

Aber durch die Stadt laufen? "Wir wurden durch die Autofahrer verdrängt. Nach den Radfahrern erschließen sich nun auch Läufer die Stadt. Mit dem so genannten Urban Running erobern wir wieder ein Stück mehr Lebensraum in der Stadt zurück", argumentiert Froböse. Und was ist mit Abgasen? Kann es wirklich gut sein, in so einer Umgebung zu laufen? "Das ist schon ein kleiner Nachteil. Aber ich kann es verstehen, wenn man sagt: 'Bevor ich mit dem Auto in den Wald fahre und dadurch die Luft verpeste, laufe ich ich lieber vor der Haustür los.'"

"Leute feuern uns an"

Große Gruppen fallen natürlich überall auf. Als die Kölner Running Crew in der Innenstadt ankommt, sich langsam an Fußgängern vorbei schlängelt und von Radfahrern überholt wird, hupt schon mal ein Autofahrer. Aber nicht aus Ärger, sondern vor Begeisterung. "Es passiert häufiger, dass Leute uns anfeuern oder mit dem Smartphone fotografieren", erzählt Niko Vanek.

Unter jungen Leuten

Meistens mit an der Spitze läuft Reiner. Der drahtige 62-Jährige gehört zum harten Kern der Gruppe. Während manche nur bei schönem Wetter oder zwei, drei Monate gar nicht kommen, weil sie vielleicht beruflich zu stark eingespannt sind, ist Reiner regelmäßig dabei. Er läuft sonst auch Wettkämpfe. Und hat eine App, die all seine gelaufenen Kilometer speichert. "Hier mitzulaufen, ist für mich entspannend", sagt er. Und der Austausch mit "den jungen Leuten" gefällt ihm. Manche tauschen sich über die WhatsApp-Gruppe aus. Wer läuft mit beim Halbmarathon, wer kommt zum Grillabend?

Sogar im Winter in der Stadt

Die Kölner Running Crew trifft sich einmal die Woche. Niko Vanek ist gebürtiger Hamburger und hat sich gedacht, was in seiner Heimatstadt funktioniert, könnte auch in Köln klappen. Anfangs sah es nicht ganz danach aus. "Da waren wir mit drei, vier Leuten." Doch mit Hilfe von Facebook, einer Internetseite, Flyern und Mundpropaganda kamen immer mehr dazu. Nun ist er sogar im Winter mit 15, 20 Hardcore-Läufern unterwegs. Doch jetzt kommt erst mal der Sommer. Da laufen dann schon mal 50, 60 Leute mit.

Stand: 18.05.2016, 06:00