Deutschland im Geschwindigkeitsrausch

Ein Tacho bei über 300 km/h

Deutschland im Geschwindigkeitsrausch

  • Raser verursachen mehr Verkehrsunfälle als Betrunkene am Steuer
  • Trotzdem fahren Deutsche gerne zu schnell
  • Verkehrspsychologe nennt die Gründe dafür

Eigentlich spricht alles dafür, sich an die Tempolimits zu halten. Die Statistiken sind eindeutig: Im Jahr 2016 gab es fast 50.000 Unfälle mit Personenschaden wegen "nicht angepasster Geschwindigkeit" - viermal mehr als wegen Alkohol am Steuer. Und die Zahl sinkt nicht, allen Kampagnen zum Trotz. Warum rasen deutsche Männer (und immer mehr Frauen) so gern?

Der Bleifuß ist nichts typisch Deutsches. Das legen zum Beispiel Studien aus Israel nahe. Auch Franzosen drehten genauso gerne auf, sagt der Hamburger Verkehrspsychologe Jörg Michael Sohn. "In Deutschland gibt es den gesellschaftlichen Konsens, dass Autofahrer und Autos wichtig sind." Deswegen ist es auch so schwer, auf der Autobahn ein Tempolimit statt einer Richtgeschwindigkeit einzuführen. "Die Leute glauben, sie hätten ein Anrecht darauf", sagt der Verkehrspsychologe Stein.

Tempo 80 auch auf deutschen Landstraßen?

WDR 2 | 11.01.2018 | 02:47 Min.

Download

Geschwindigkeit als Spaßfaktor

Hamburger Verkehrspsychologe Jörg Michael Sohn

Sohn kennt Raser aus seiner Praxis

Warum Autofahrer so gerne so schnell unterwegs sind, hat verschiedene Ursachen. Forscher haben festgestellt, dass besonders Männerhirne auf Geschwindigkeit mit der Ausschüttung von Glückshormonen reagieren. "Der Geschwindigkeitsrausch macht Spaß", so Sohn. Eine Rolle spiele auch das Vergnügen daran, schneller von A nach B zu kommen, als das Navi errechnet hat, oder zu zeigen, was der Motor hergibt. Und Aggression? Da ist der Verkehrspsychologe vorsichtig. Seine Klienten, die wegen eines verlorenen Führerscheins bei ihm sind, streiten das ab. Aggressiv würden Fahrer aber dann, wenn sie schon schnell unterwegs sind und dann ausgebremst würden.

Rasende "Riesenbabys"

Auto rast durch die Dämmerung

Im Temporausch

Sohn selbst hat mehrere "Raser"-Typen ausgemacht: junge Fahranfänger, die erst ausloten müssen, was sie bewältigen können. Erfolgreiche Geschäftsleute auf der Suche nach Selbstbestätigung. Das Motto laute dort "wenn ich noch fahre wie ein Jungspund, gehöre ich noch nicht zum alten Eisen." Ein weiterer Typus seien gescheiterte Selbständige, die zum Teil mehrere Insolvenzen und Ehen hinter sich hätten. Dies zeige deutlich, dass sie Risiken nicht einschätzen könnten, sagt Sohn. Schließlich nennt er noch die "Riesenbabys". Ohne Job, Wohnung und Freundin: "Das einzige, was sie haben, ist ihr Auto."

Freie Fahrt für freie Bürger?

Sanktioniert wird das Schnellfahren eher selten, egal ob auf der Landstraße oder in der Tempo-30-Zone. Nach Sohns Schätzung könne man 1.000 Mal unbehelligt rasen, ehe man erwischt werde. Geschwindigkeitsbegrenzungen machen trotzdem Sinn, sagt Sohn, besonders auf der Autobahn: "Daran würden sich die Deutschen auch gewöhnen." In den USA hielten sich auch alle daran: "Und das ist ein Volk, das sich eigentlich gar nichts sagen lässt."

Stand: 11.01.2018, 17:53