Hallo, wer spricht da?

Hallo, wer spricht da?

  • Geschätzt 1,5 Millionen Deutsche können Stimmen nicht unterscheiden
  • Phonagnosie, so heißt das Leiden
  • Verantwortlich ist meist eine Fehlfunktion bestimmter Hirnregionen

Immer wenn eine Person spricht, erscheint auf dem Bildschirm dessen Name. Den muss man sich merken und später der Stimme zuordnen. Dieser Stimmerkennungs-Test steht auf der Homepage vom Leipziger Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. 1.000 Leute haben ihn bereits gemacht.

Aufwändige Beweisführung

Dadurch wissen die Forscher, dass phonagnosische Menschen damit große Probleme haben, so die Leiterin der Studie Katharina von Kriegstein. Um das zu beweisen, brauchte sie aber lange. Denn zu Beginn ihrer Arbeit, gab es weltweit nur einen einzigen, bekannten Fall: Eine Geschäftsfrau aus England.

Und die hatte eine ganz spezielle Methode entwickelt, Kontakte zu unterscheiden, erzählt von Kriegstein. "In ihrem Beruf hat sie ihren Kontakten leicht anderen Namen genannt. Wenn sie mit diesem leicht geänderten Namen angeredet wurde, wusste sie, dass ist ein beruflicher Kontakt und hat sich dann dementsprechend verhalten.“

Grafik: was passiert im Kopf beim Telefonieren?

Grafik: was passiert im Kopf während des Telefonierens?

Nur bei Schlaganfallpatienten beobachtet

Dieses Phänomen wurde bis vor wenigen Jahren nur bei Patienten nach einem Schlaganfall oder anderen Hirnläsionen beobachtet. In diesem Zusammenhang entstand auch der Begriff der Phonagnosie. Phon aus dem Griechischen steht für Stimme, Agnosie für das Nichterkennen. Dass es angeborene Phonagnosie gibt, ohne erkennbare Hirnschäden, wurde erst mit der Engländerin bekannt.

Mit dem Online-Stimmerkennungstest fanden die Forscher nun auch die ersten deutschen Fälle. Unter anderem Katrin M.: "Mir ist schön früher aufgefallen", sagt sie, "dass ich am Telefon gute Freunde oder auch Familienmitglieder nicht erkenne. Wenn sie mit verdeckter Nummer anrufen oder eben nichts inhaltliches Preis geben, dann weiß ich oft nicht, wer das ist."

Bis ins Erwachsenenalter nicht bemerkt

Ein Kernspintomographen (MRT)

Die Untersuchung ist für den Patienten nicht immer angenehm

Bis zu ihrem 20. Lebensjahr sei ihr dieses Defizit nicht bewusst gewesen. Als sie dann aber von zu Hause auszog, gab es einige Schlüsselerlebnisse, die Katrin M nachdenklich machten. Beispielsweise "dass mein Mann gesagt hat, dass das die Synchronstimme von Alf ist und ich mir da gedacht hab, was redet der da.“

Bei dem Stimmerkennungstest schnitt Katrin M sehr schlecht ab. Die Forscher schrieben Sie daraufhin an und luden sie nach Leipzig ein. Dort wurden ihre Gehirnströme in einem Kernspintomografen genauer unter die Lupe genommen.

Geschätzt 1,5 Millionen Betroffene in Deutschland

MRT-Aufnahme von Gehirn mit Finger

Bestimmte Areale sind verantwortlich

"Da gibt es verschiedene Regionen“, erklärt die Forscherin von Kriegstein. "Da gibt es welche, die mehr auf akustische Eigenschaften ansprechen oder vor allem eine Region die wirklich auf Stimmidentifizierung anspricht.“ Und genau diese Regionen funktionierte bei Katrin M nicht zu 100 Prozent.

Von Kriegstein schätzt, dass das bei zwei Prozent der Bevölkerung so ist. Das wären allein in Deutschland 1,5 Millionen Menschen. Es lohne sich also, genau hinzuschauen, vor allem aber hinzuhören. Denn für die Betroffenen könnte es eine große Hilfe sein zu wissen, dass sie nicht einfach nur achtlos, oder vergesslich ist.

Patientin ist erleichtert

Katrin M. jedenfalls ist nun erleichtert. "Weil man ja sonst sich ärgert und denkt, Mensch, streng dich ein bisschen mehr an. Und wenn man da jetzt in der zerebralen Ebene ein Defizit hat, könnte man sich damit auf jeden Fall leichter entschuldigen.“

Autorin des Radiobeitrags ist Annegret Faber.

Stand: 11.05.2017, 12:02