Neun Monate (9/9): Geburt - das Baby bestimmt den Termin

Neugeborenes

Neun Monate (9/9): Geburt - das Baby bestimmt den Termin

Oft kann die Mutter die nahende Geburt spüren. Wie die biochemische Absprache des Geburtstermins zwischen Mutter und Kind genau funktioniert, können Forscher noch nicht im Detail sagen. Eines ist klar - das Kind sagt selbst: ich muss jetzt raus.

Welche Faktoren die Geburt auslösen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Eine große Menge Hormone wandert zwischen Mutter und Kind hin und her. Das Gehirn der Mutter bemerkt die hormonelle Veränderung und schüttet schließlich den Botenstoff Oxytocin aus. Das Hormon bewirkt, dass die Gebärmutter sich zusammenzieht und Wehen entstehen. Andere Botenstoffe sind die sogenannten Prostaglandine, die das Bindegewebe in der Gebärmutter etwas weicher machen, damit der Muttermund sich öffnen kann.

Neun Monate (9/9): Geburt - Das Baby bestimmt den Termin

WDR 5 Leonardo - Neun Monate 08.08.2016 Verfügbar bis 31.12.2021 WDR 5


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Von Übungswehen zu den Presswehen

Für Mutter und Kind kommen die Wehen nicht unvorbereitet. Die Natur hat ihnen rechtzeitig Unterrichtsstunden erteilt - in Form von Übungswehen. Ab der fünfundzwanzigsten Schwangerschaftswoche treten solche Wehen auf und sind schmerzlos, auch wenn der ganze Bauch dabei hart wird.

Gegen Ende der Schwangerschaft lassen Senkwehen das Kind in das mütterliche Becken sinken. Presswehen schieben das Kind schließlich aus dem Körper. Wenn sich die Wehen nicht einstellen wollen, ist die Muskulatur der Gebärmutter möglicherweise zu schwach ausgebildet.

Eine schwierige Schraube durchs Becken

Frau unter Geburtswehen

Bewegung der Mutter hilft dem Baby bei der Schraube durch das Becken

Die meisten Babys drehen sich vier Wochen vor der Geburt so, dass der Kopf nach unten zeigt und sich dadurch in den Geburtskanal schieben kann. Die knöchernen Wände des Beckens geben den Weg des Kindes vor. Der Beckeneingang und der Beckenausgang sind oval und praktischerweise ist auch das Kind mit einem ovalen Kopf ausgestattet. Der kann außerdem seinen Umfang verkleinern, indem die Schädelplatten sich an den Rändern minimal übereinander schieben.

Das Kind tritt langsam ins Becken ein. Es muss eine komplette Schraube machen und rutscht durch die verschiedenen Becken-Räume, bis es auf dem Beckenboden ist und geboren werden kann. Der Kopf kommt zur Welt. Gleichzeitig gleiten die Schultern des Kindes ins Becken der Mutter und sein gesamter Körper folgt dem Weg des Kopfes.

Nestschutz - ein unschätzbares Startkapital

Die ganze Schwangerschaft hindurch lebte das Ungeborene geschützt vor Keimen - der Muttermund war mit einem Schleimpfropf verschlossen. Mit der Geburt ändert sich das: Mikroorganismen gelangen von der mütterlichen Vagina auf die Haut des Babys. Die Natur hat vorgesorgt: Pünktlich vor der Geburt haben sich in der Vagina der Mutter Milchsäurebakterien angesiedelt. Sie sind harmlos und halten schädliche Bakterien in Schach.

Schon vierundzwanzig Stunden nach der Geburt wird das Neugeborene auf jedem Quadratzentimeter seiner Haut tausend Mikroben beherbergen. Während der Schwangerschaft hat das Baby ein unschätzbares Startkapital erhalten: den Nestschutz - eine Grundausstattung mit wichtigen Abwehrstoffen. Dieser Schutz bleibt in den ersten neun Monaten wirksam und bewahrt das Kind weitgehend vor zahlreichen Infekten wie etwa Erkältung, Durchfall oder auch Masern.

Der erste Schrei als Überlebensinstinkt

Etwa zwanzig Sekunden nach der Geburt holt das Baby unwillkürlich tief Luft und schreit. Im Mutterleib hat das Kind schon kräftig atmen geübt, indem es Fruchtwasser in die Lungen saugte. Deshalb klappt das Atmen auf Anhieb. Schwer bleibt es dennoch. Bei der Geburt wird das Fruchtwasser aus der Lunge gedrückt. Prompt fallen die Lungenbläschen in sich zusammen - und müssen sich mit den ersten Atemzügen erst wieder entfalten.

Doch die Natur hilft nach: Die Lunge des Babys ist innen mit einer Art "Spüli" bedeckt. Das verringert die Oberflächenspannung der winzigen Lungenbläschen. Auf diese Weise kann das Blut leichter in alle feinen Lungenzweige fließen.

Der Blutkreislauf wird unabhängig

Vor der Geburt arbeitet das Herz wie eine einzelne Pumpe und lenkt den Blutfluss durch die Plazenta. Es umgeht die Lunge und fließt durch zwei Öffnungen direkt von der rechten in die linke Herzseite. Nach der Geburt verwandelt sich das Herz auf einmal in eine Doppelpumpe, denn nun muss es das Blut gleichzeitig in zwei Richtungen schicken: von der linken Herzseite in den Körperkreislauf und von der rechten Herzseite in die Lungen.

Nach der Geburt muss das Baby sein Herz in Sekundenschnelle von einer Einzelpumpe in eine Doppelpumpe verwandeln. Das gelingt mit einem genialen Trick: Das Baby holt das erste Mal Luft. Tief in seinem Körper, in der rechten Seite des Herzens, fällt der Blutdruck ab. Dadurch verschließen sich zwei Klappen im Herzen. Jetzt kann das Blut vom rechten Herzen aus nur noch in den Lungenkreislauf gelangen. In den nächsten Wochen wächst die Seitenverbindung im Herzen zu. 

Liebe auf den ersten oder zweiten Blick

"Bonding" nennen Experten, was nun zwischen Kind und Mutter passiert. Man könnte auch sagen: Sie verlieben sich ineinander. Manchmal ist es Liebe auf den ersten Blick - und manchmal erst auf den zweiten. Kind und Mutter schütten Hormone aus, die das Bonding fördern.

Susanne Rinne-Wolf berührt nach zehn Jahren als Hebamme immer wieder der Moment, wenn Kind und Mutter sich das erste Mal sehen: "Im Endeffekt kennt man diesen kleinen Menschen ja noch nicht wirklich, der da auf die Welt kommt. Und wenn die sich dann so das erste Mal so bewusst sehen, und manchmal schon so ein kleines Erkennen drin liegt, aber häufig wirklich eher so ein Staunen darüber, dass das jetzt mein Kind ist - das finde ich jedes Mal sehr berührend, ein ganz toller Moment."

Stand: 15.06.2016, 11:54