NEPAL – Ein Jahr nach den Erdbeben

NEPAL – Ein Jahr nach den Erdbeben

Von Dirk Gilson

Am 25. April 2015 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7.8 eines der ärmsten Länder der Welt: Nepal. Knapp 9.000 Menschen haben ihr Leben verloren und etwa 600.000 Häuser wurden zerstört. Wie ist die Situation heute?

NEPAL – Ein Jahr nach den Erdbeben

Wer nach Nepal reist, um sich mit dem Wiederaufbau ein Jahr nach den Erdbeben zu beschäftigen, der sieht vor allem, was noch nicht wiederaufgebaut ist. 600.000 Häuser wurden nach Angaben der Regierung im ganzen Land zerstört oder sind unbewohnbar. Knapp 8.000 davon in der Stadt Bhaktapur (Foto). Wieder aufgebaut ist fast nichts.

Wer nach Nepal reist, um sich mit dem Wiederaufbau ein Jahr nach den Erdbeben zu beschäftigen, der sieht vor allem, was noch nicht wiederaufgebaut ist. 600.000 Häuser wurden nach Angaben der Regierung im ganzen Land zerstört oder sind unbewohnbar. Knapp 8.000 davon in der Stadt Bhaktapur (Foto). Wieder aufgebaut ist fast nichts.

Zwischen den Ruinen geht das Leben der Menschen weiter. Hier waschen Frauen Ziegel, die später wieder verbaut werden sollen.

Besonders dramatisch ist die Situation für die Menschen in den abgelegenen Bergdörfern. Im Distrikt Sindhupalchowk, nordöstlich von Kathmandu, haben knapp 3.500 Menschen ihr Leben verloren, mehr als 60.000 Häuser wurden zerstört.

Die meisten Dörfer hier sind nur mit Geländewagen erreichbar. Und das auch nur in der Trockenzeit. Wenn der Monsun beginnt, kommt man hier nur noch zu Fuß oder per Helikopter hin. Wer einmal in diesen Regionen unterwegs war, bekommt eine vage Vorstellung davon, wie kompliziert und aufwändig die Rettungsaktionen im vergangenen Jahr gewesen sein müssen.

Die Erdbeben von April und Mai des vergangenen Jahres haben ganze Dörfer zerstört. Heute erinnern nur noch Steinhaufen an die aus Lehm und Stein gebauten Häuser. Die Menschen hoffen, daraus bald neue Häuser bauen zu können. Denn bislang hat der Wiederaufbau hat noch nicht merklich begonnen.

Die Regierung hat jedem Eigentümer, dessen Haus zerstört wurde, 200.000 nepalesische Rupien (knapp 1.700 Euro) Aufbauhilfe zugesagt. Bislang ist aber noch kein Geld geflossen. Die Analysen, wem das Geld tatsächlich zustehe, laufen noch, heißt es. Außerdem herrschte lange Uneinigkeit darüber, welchen Regeln der Wiederaufbau folgen sollte, denn die neuen Häuser müssen erdbebensicherer werden als die alten.

Für die betroffenen Menschen eine unerträgliche Situation. „Wie lange soll ich noch warten? Bald beginnt der Monsun. Sollen wir noch eine Regenzeit ohne festes Dach über dem Kopf verbringen?“ Bahadur Shresta baut sein Haus ohne staatliche Unterstützung. Das Problem: Die Regierung hat strenge Regeln für den erdbebensicheren Wiederaufbau formuliert. Wer sein Haus nicht nach diesen Regeln baut, bekommt kein Geld. Bahadur Shresta hat das niemand gesagt.

Auch Bahadur Subedi und seine Frau Kalpana haben ihr Haus verloren, hier habe es einmal gestanden, erzählen sie. Wie die meisten anderen Betroffenen, können sie aus eigenen Mitteln kein neues Haus bauen.

Damit sie und ihre zwei Kinder nicht noch eine Regenzeit in ihrer aktuellen Notunterkunft aus Blech und Planen verbringen müssen, sind sie auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen angewiesen.

Die Abteilung für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission (ECHO) finanziert in Bahadurs und anderen Dörfern den Bau von Übergangsunterkünften. Sie bestehen meist aus einem Bambus- oder Holzgerüst und folgen den Bauregeln der Regierung, sind also erdbebensicherer als die vorherigen Steinhäuser.  

Bahadur hofft, dass er schon in einigen Tagen mit seiner Familie in seine neue Unterkunft aus Bambus ziehen kann. Es fehlt nur noch die Isolierung. Bahadur bereitet gerade den Lehm vor, mit dem er die Wände von innen und außen auskleiden wird. Die Lehmschicht soll verhindern, dass das neue Haus im Winter zu stark auskühlt.

Der Wiederaufbau-Experte Ranjit Singh erklärt, dass er mit seiner Hilfsorganisation die Menschen vor Ort lieber beim Bau richtiger Häuser unterstützen würde. Aber dafür fehle eben bislang das Geld und auch die Genehmigung der Regierung, sagt er. „Darum bauen wir die Übergangsunterkünfte so, dass sie für fünf bis sieben Jahre halten.

ECHO finanziert den Bau von etwa 750 Übergangsunterkünften im Disrikt Sindhupalchowk. Im Rahmen des Projekts werden lokale Handwerker ausgebildet. Sie sollen lernen, wie man auch mit einfachen Mitteln die Unterkünfte erdbebensicherer bauen kann.

Da viele Männer aus den Bergdörfern im Ausland arbeiten, um ihre Familien über die Runden zu bringen, übernehmen häufig ihre Frauen den Bau der Übergangsunterkünfte.   

Nach den Erdbeben war auch die sanitäre Situation in den Dörfern dramatisch. Wasserversorgung und Toiletten waren häufig zerstört. Es bestand Seuchengefahr. Auch hier sind es vor allem Hilfsorganisationen, die die Wasserversorgung wiederherstellen und neue Toiletten bauen. In Sindhupalchowk sind mit ECHO-Geldern bislang 300 neue Toiletten entstanden, knapp 600 sollen bis zum Beginn der Regenzeit in einigen Wochen noch folgen.  

Experten schätzen, dass der Wiederaufbau noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern wird. Das betrifft auch viele Schulen – 16.000 wurden im ganzen Land zerstört.

Stand: 25.04.2016, 11:30 Uhr