Multitasking – Mythos oder machbar?

Autofahrerin mit Handy am Steuer

Multitasking – Mythos oder machbar?

Von Elke Hofmann

Alles schaffen, nichts verpassen: Multitasking ist ein verlockendes Konzept, weil es scheinbar Zeit spart. Aber stimmt das auch? Und wie multitasking-fähig sind wir wirklich?

Beim Autofahren telefonieren oder in der Konferenz nebenher E-Mails beantworten: Für viele Menschen gehört es zum Alltag, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Je nach Aufgabe gelingt uns das zuweilen problemlos, doch oft stoßen wir schnell an unsere Grenzen. Denn nicht alle Tätigkeiten sind gleich anspruchsvoll für unser Gehirn: Einige erfordern Aufmerksamkeit von uns, andere laufen automatisch ab.

Laufen und Sprechen funktioniert gleichzeitig

Zwei Fahrradfahrer unterhalten sich

Radfahren und sprechen - das geht

Automatisierte Prozesse wie etwa Laufen und Gestikulieren können wir durchaus parallel verarbeiten und mit anspruchsvolleren Tätigkeiten kombinieren, erklärt Neurobiologe und Autor Henning Beck: „Dafür passiert das aber auch nur im Unterbewusstsein. Bewusstes Paralleldenken ist für das Großhirn viel zu aufwendig. Für eine Tätigkeit, über die wir uns keine Gedanken machen müssen, übernimmt die lästige Rechenarbeit hingegen das Kleinhirn. Und dann ist es kein Problem, sie gleichzeitig mit einer anderen Tätigkeit auszuüben.“ Wer sich also zum Beispiel beim Radfahren unterhalten möchte, der wird damit normalerweise keine Probleme haben.

Echtes Multitasking ist eine Illusion

Anders verhält es sich mit komplexen Tätigkeiten, erklärt Henning Beck: „In der Neurowissenschaft versteht man unter „Task“ eine Aufgabe, die immer einen Aufmerksamkeitsprozess erfordert. Dabei muss man bewusst über jeden Schritt nachdenken, sich darauf konzentrieren. Und dann muss man Teile des Großhirns benutzen.“ Solche anspruchsvollen Tätigkeiten wirklich gleichzeitig auszuführen, kann uns gar nicht gelingen, so Beck: „Multitasking ist schon anatomisch für das Gehirn ein Ding der Unmöglichkeit. Da kann man noch so viel üben.“ Wenn wir also etwa im selben Zeitraum ein Telefonat führen und eine E-Mail lesen, dann erledigen wir eigentlich beides abwechselnd, indem wir uns blitzschnell zunächst der einen, dann wieder der anderen Aufgabe zuwenden. Allerdings klappt auch das nur mit maximal zwei Aufgaben, so eine Studie französischen Forscher der Ecole Normale Supérieure in Paris aus dem Jahr 2010.

Multitasking kostet Zeit und bringt Fehler

Effizienter und leistungsfähiger wollen wir sein, wenn wir Multitasking betreiben. Doch das Gegenteil ist der Fall, so Henning Beck: „Zeit sparen wir nicht damit. Denn wir machen keine der Tätigkeiten richtig. Das Hin- und Herspringen kostet das Hirn zu viele Ressourcen. Wir können das messen: Beim Multitasking steigen die Fehlerraten, und wir verschwenden Energie.“ Zudem konnten Forscher der Stanford University im Jahr 2009 in einer Studie nachweisen, dass Probanden, die regelmäßig mehrere Medien zur selben Zeit nutzten, bei Konzentrationsaufgaben mehr Fehler machten als eine Kontrollgruppe, die das nur selten tat. Für Henning Beck ist die Empfehlung deshalb klar: „Konzentriere dich auf eine Sache und mache sie richtig! Dann machst du auch weniger Fehler.“ Dass Frauen die besseren Multitasker sind als Männer, konnte bisher übrigens nicht wissenschaftlich belegt werden.

Kann man Multitasking trainieren?

Für die Freiburger Psychologieprofessorin Andrea Kiesel ist das Thema Multitasking ein großes Forschungsfeld, zu dem es noch viele offene Fragen gibt. Kiesel koordiniert ein Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), das sich unter anderem damit beschäftigt, wo die Grenzen des Multitaskings verlaufen. „Wir haben einen neuen Ansatzpunkt und sagen: Multitasking ist einfach eine Realität. Wir können nicht pauschal sagen, dass es immer die Leistung schwächt, sondern dass es auch durchaus Hinweise darauf gibt, dass es leistungssteigernd sein kann“, erklärt Kiesel.

essen und surfen

Eine Tätigkeit bewusst, eine unbewusst?

Zwar ist die Psychologin auch der Auffassung, dass zwei bewusste Gedankengänge zur Bewältigung einer bestimmten Aufgabe zur selben Zeit nicht möglich sind. Allerdings sei es nicht immer ganz einfach, zu definieren, was als Aufgabe zu verstehen sei. So gebe es durchaus Verarbeitungsprozesse, die parallel möglich seien: Etwa die Wahrnehmung eines Reizes oder das motorische Ausführen einer Tätigkeit. Zudem könnten sich mit zunehmendem Alter Verarbeitungsprozesse auch ändern, erklärt Kiesel: „Aus der Altersforschung wissen wir: Manche Prozesse die automatisiert waren, sind im Alter auf einmal nicht mehr automatisch. Zum Beispiel Balance halten, wenn man auf unebenem Untergrund läuft. Das gleiche beobachtet man übrigens auch bei Kindern. Solche Gruppen würden dann wirklich profitieren davon, dass man mit ihnen tatsächlich kognitives und motorisches Training gemeinsam macht.

Stand: 24.08.2016, 06:00