Bittere Pille für die Pharmaindustrie

Allgemeinmediziner Eckhard Schneider-Weber

Bittere Pille für die Pharmaindustrie

Von Andreas Sträter

Die Verlockungen sind allgegenwärtig. Doch nicht für die "Mezis". Denn die Initiative von Medizinern kämpft gegen Korruption im Gesundheitswesen. Die "Unbestechlichen" informieren über ethische Konflikte und machen kleine Psychotricks öffentlich.

Eckhard Schneider-Weber hat Pharmavertreter schon seit Jahren aus seiner Praxis verbannt. Auch Kugelschreiber oder Plakate, auf denen Hersteller für Pillen und Präparate werben, finden sich im Wartezimmer seiner Praxis im ostwestfälischen Bad Salzuflen nicht. Der Allgemeinmediziner gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, der sich mittlerweile mehr als 730 Mediziner in Deutschland angeschlossen haben. Das Akronym Mezis steht für den Leitspruch "Mein Essen zahle ich selbst". Die Mitglieder erteilen Pharma-Vertretern eine Absage und machen vor allem auf die unterschwellige Bestechung von Ärzten aufmerksam. Noch bis Samstag (09.04.2016) tagen die "Unbestechlichen" in der Volkshochschule in Hamm.

Christiane Fischer, Allgemeinmedizinerin

Mezis-Geschäftsführerin Christiane Fischer kämpft gegen Korruption

Die Korruption erfolge in den meisten Fällen eher unterschwellig, erläutert Medizinerin Christiane Fischer aus Hamm, die zugleich Geschäftsführerin von Mezis ist, dem WDR. "Pharmavertreter weichen auf Alternativen aus, sie laden Ärzte auf Kongresse in Luxushotels ein und zahlen ihnen bis zu 10.000 Euro für die Vorträge." Fischer findet, dass Mediziner kein Fünf-Sterne-Hotel für einen Kongress bräuchten. "Für eine Tagung reicht doch – wie bei uns – eine VHS", ergänzt die Ärztin. Diese Einladungen seien psychologische Tricks, weil sich einige Ärzte dann verpflichtet fühlten, ein Medikament des Pharma-Konzerns zu verschreiben, auf dessen Rechnung sie eingeladen waren. Diesen Ärzten gelinge es nicht, ethischen Anspruch und Geschäftssinn auseinander zu halten.

Antikorruptionsgesetz soll verabschiedet werden

Die Mezis-Tagung in Hamm greift mit dem Thema "Korruption im Gesundheitswesen" eine brandaktuelle Debatte auf. Denn in der nächsten Sitzungswoche (11.04.2016 bis 15.04.2016) soll im Bundestag das Antikorruptionsgesetz verabschiedet werden. Ursprünglich sollte das Gesetz schon im ersten Quartal in Kraft treten, doch die Koalition in Berlin musste sich noch auf Details verständigen. Korrupten Ärzten, Apothekern, Physiotherapeuten oder Pflegekräften drohen demnach bis zu drei Jahre Haft. Besonders schwere Fälle von Bestechlichkeit werden sogar mit fünf Jahren geahndet. Künftig machen sich auch Pharmavertreter strafbar, wenn sie aktiv bestechen. Strafverfolgung bei Korruption im Gesundheitswesen ist so künftig nicht mehr nur auf Antrag von bestimmten Personen möglich, sondern kann bei Verdacht auch von Amts wegen erfolgen.

Mezis

Aber macht ein solches Gesetz die Initiative der Mezis nicht überflüssig? "Nein, weil durch das Antikorruptionsgesetz nur schlimmste Korruption verboten wird", erläutert die Medizinerin Fischer. "Vorteilsnahme wird nicht verboten." Fischer sagte, sie hätte sich gewünscht, dass das Gesetz strenger angelegt wird. "Aber immerhin ist mit dem Antikorruptionsgesetz ein Anfang gemacht."

Gesellschaft schaut genauer hin

Mezis

Klaus Reinhardt unterstützt die Unbestechlichen

Auch Klaus Reinhardt, Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, unterstützt die "Unbestechlichen". Der Hausarzt aus Bielefeld ist allerdings selbst kein Mitglied der Initiative, hält die Debatte über Korruption im Gesundheitswesen aber für angemessen. "Wettbewerb und Fortschritt schaffen Innovationen", sagt er. "Aber es braucht Rahmenbedingungen." Heutzutage schaue die Gesellschaft genauer hin. "In den Siebziger Jahren hat das niemand als einen Skandal betrachtet", erläutert er. Die Wurzel des Problems sieht er in Marketingstrategien, die sich in den Vereinigten Staaten entwickelt haben. Wie bei der Tagung in Hamm deutlich wird, agieren korrupte Mediziner überall auf der Welt – auch in Afrika oder Indien, wo es besonders viele Pharmahersteller gibt.

Patienten, die sich von einem Mediziner behandeln lassen möchten, der garantiert nicht käuflich ist, finden eine Liste der Mitglieder auf der Webseite der Mezis. "Es gibt aber natürlich noch viele andere Kollegen, die auch nicht bestechlich sind", sagt Fischer, Geschäftsführerin der Mezis. Patienten rät sie, immer kritisch nachzufragen, warum ein Arzt ein bestimmtes Präparat verschreibe. Hausarzt Eckhard Schneider-Weber bestätigt, dass viele Patienten tatsächlich intensiver nachhaken. "Und das halte ich für richtig."

Auf Poster und Kugelschreiber achten

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"Meinen Kuli zahl' ich selbst"

Allgemeinmedizinerin Manja Dannenberg aus Mecklenburg-Vorpommern rät, sich das Wartezimmer des Arztes genau anzuschauen. "Auf die Ausstattung zu achten, das ist ein ganz einfacher und praxisnaher Trick", sagt sie. Hängen besonders viele Poster von pharmazeutischen Produkten im Wartezimmer, sollte das die Patienten kritisch stimmen. Den Einfluss der Pharmaindustrie könne man manchmal sogar an den Kugelschreibern in der Praxis ablesen. Sind Werbelogos aufgedruckt oder nicht? Mezis benutzen keine Stifte, die mit Pharma-Werbung bedruckt sind. Ein Kugelschreiber mit Mezis-Logo kostet zwei Euro. Der Aufdruck: "Meinen Kuli zahl' ich selbst."

Stand: 09.04.2016, 06:00