Reichen ein Mann und eine Frau, um die Welt zu bevölkern?

Schatten eines Pärchens auf Boden mit gelben Blättern

Reichen ein Mann und eine Frau, um die Welt zu bevölkern?

Killerviren, Megafluten, Asteroiden: Was wäre, wenn nach einer Katastrophe nur ein Mann und eine Frau überlebten – könnten die beiden die Erde wieder besiedeln?

Ein Gedankenexperiment: Eine Katastrophe hat fast alle Menschen dahingerafft – und nur zwei haben überlebt, ein Mann und eine Frau. Könnten diese beiden die Erde wieder bevölkern? Theoretisch ausgeschlossen sei das nicht, sagt der britische Biologe Philip Stephens von der Universität in Durham. Und fügt hinzu: "Aber es ist sehr, sehr unwahrscheinlich."

Selbst wenn es genügend Nahrung gebe, die Temperaturen mild seien und auch sonst keine Gefahr drohe, stünden die Chancen schlecht. Das größte Risiko für die beiden Erdenbürger in diesem Szenario: die Inzucht.

Die Kinder wären zu eng miteinander verwandt

Zeugen der Mann und die Frau gemeinsame Kinder, wären diese alle logischerweise Geschwister. Paaren sich die Brüder und Schwestern dieser Generation, so ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ihre Nachkommen genetische Defekte und Krankheiten erleiden.

Die Folge: Die Fruchtbarkeit sinkt, die Sterblichkeit steigt. Die reproduktive Fitness der Population verringere sich, sagt Kay Prüfer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Experten sprechen von einer so genannten Inzuchtdepression (auf Englisch: Inbreeding Depression). Auch Prüfer hält es für unwahrscheinlich, dass nur ein Mann und eine Frau der Ursprung einer neuen Menschheit seien.

Wenn die Anzahl der Individuen in einer Population stark absinkt, etwa infolge einer Naturkatastrophe, sinkt damit auch die genetische Vielfalt in dieser Population. Biologen bezeichnen das als einen genetischen Flaschenhals, ein Bottleneck.

Je größer die Population, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Individuen immun auf bestimmte Krankheiserreger reagiert. Und andersrum: Je kleiner die Population, desto anfälliger ist diese für Störfaktoren.

Schatten eines Pärchens auf Boden mit gelben Blättern

Können zwei Menschen, die Erde bevölkern? Eher nicht

Den Flaschenhals überleben

Dass es einer geringen Anzahl von Individuen möglich ist, einen solchen Flaschenhals zu überleben, hat die Natur bereits bewiesen. Beispiel: Waldralle. Das ist ein flugunfähiger Vogel, der auf einer australischen Insel lebt. Mitte des 20. Jahrhunderts gab es nur noch wenige Exemplare – dennoch hat sich die Population wieder erholen können.

Unter bestimmten Bedingungen könnte eine geringe Anzahl an Menschen eine neue weltweite Population gründen. Die wenigen Individuen und auch ihre Nachkommen müssten dafür jeweils möglichst viele Kinder zeugen. So könnte die Population den Flaschenhals überstehen. Wenn sich genetisch besonders angepasste Individuen durchsetzen, kann sich die Population von der Inzuchtdepression erholen. Fachleute sprechen vom Genetic Purging (auf Deutsch: genetische Reinigung).

Da die genetische Variabilität der Menschheit vergleichsweise gering ist, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte mehrere Flaschenhälse durchlebt hat. Hierzu gibt es allerdings unterschiedliche Theorien.

Wie viele Menschen wären nötig?

Halten wir fest: Realistisch betrachtet reicht ein Paar nicht aus, um die Erde wieder zu bevölkern. Wie viele Menschen müssten es sein? Darüber können Wissenschaftler nur spekulieren. Zwischen 500 und 5000 Individuen sollten es schon sein, schätzt Philip Stephens von der Uni in Durham. Festlegen mag er sich damit aber nicht.

Stand: 09.04.2018, 15:33