Die Geschichte der Genetik - Teil 1: Ein Mönch zählt Erbsen

Gregor Mendel im Portrait

Die Geschichte der Genetik - Teil 1: Ein Mönch zählt Erbsen

Von Michael Lange

An Gregor Johann Mendel kommt heute kein Schüler vorbei. Jeder hat irgendwann schon einmal von dem Mönch aus Brünn gehört oder musste die Mendelschen Regeln lernen. Mendel gilt als Gründervater der Genetik.

Am 8. Februar 1865 hatte der naturforschende Verein in Brünn zu einem Vortrag geladen. Am Rednerpult stand Gregor Mendel - ein großgewachsener Mönch mit Nickelbrille. Er hatte im Garten des Klosters Erbsen gezüchtet und stellte nun die Ergebnisse seiner Beobachtungen erstmals der Öffentlichkeit vor.  

Aus den "Verhandlungen" des Naturforschenden Vereins zu Brünn

Gregor Mendel: "Die auffallende Regelmäßigkeit, mit welcher dieselben Hybridformen immer wiederkehrten, so oft die Befruchtung zwischen gleichen Arten geschah, gab die Anregung zu Experimenten, deren Aufgabe es war, die Entwicklung der Hybriden in ihren Nachkommen zu verfolgen."

Mendel-Museum in Brno

Dort, wo Mendel einst Erbsen züchtete, befindet sich heute das Mendel-Museum der Masaryk-Universität. Hier sind Dokumente aus Leben und Werk Mendels zu besichtigen. Und regelmäßig kommen bekannte Genetiker, darunter viele Nobelpreisträger, zu Vorträgen nach Brünn – das heute "Brno" heißt. Auf der Rasenfläche vor dem Museum befanden sich einst der Gemüsegarten des Klosters und ein Treibhaus, von dem heute nur noch das Fundament zu sehen ist. Unter einem Baum steht ein etwa zwei Meter großes Mendel-Denkmal.

Mendelsche Regeln

Mendel und seine Erben

Die mittleren Blüten sind eine Kreuzung aus Erbsenpflanzen mit weißen und rosa Blüten.

Mendel revolutionierte die Botanik, weil er erstmals das gleiche Merkmal bei vielen Pflanzen untersuchte und die Ergebnisse statistisch auswertete. Er fand heraus: Wenn man weißblühende mit rotblühenden Erbsen kreuzt, dann sind alle Pflanzen der nächsten Generation rotblühend. Das ist heute die erste Mendelsche Regel – die Uniformitätsregel. Kreuzt man die Pflanzen erneut, tauchen die bereits verschwundenen weißen Blüten wieder auf - bei einem Viertel der Pflanzen. Das besagt die zweite Mendelsche Regel, die Spaltungsregel.

Aus den "Verhandlungen" des Naturforschenden Vereins zu Brünn

"In dieser Generation treten nebst den dominierenden Merkmalen auch die rezessiven in ihrer vollen Eigentümlichkeit wieder auf, und zwar in dem entschieden ausgesprochenen Durchschnitts-Verhältnisse 3:1."

Verkanntes Genie

Die Koryphäen seiner Zeit interpretierten Mendels Erkenntnisse nicht als Hinweis auf die materielle Natur der Erbanlagen, sondern hielten sie für einen Sonderfall, der nur für Erbsen galt. Heute jedoch werden die Mendelschen Regeln allgemein als Grundlage der Vererbungslehre anerkannt, und man bezeichnet Gregor Johann Mendel gerne als Vater der Genetik. Gemeinsam mit dem Engländern Charles Darwin, der die Evolutionslehre begründete, hat Gregor Johann Mendel den Grundstein zur modernen Biologie gelegt.

Mendel und Darwin

Mendels Versuche, mit seinem Zeitgenossen Charles Darwin in Kontakt zu treten, scheiterten. Ein Brief, den er nach England schickte, blieb unbeantwortet. Ein Dialog kam nicht zustande. Der wäre auch schwierig gewesen, denn Mendels Vorstellungen hatten mit der Biologie, die sich viele Jahre später entwickelte, wenig zu tun. Er ging davon aus, dass Pflanzen immer wieder zu ihrer Stammform zurückkehren, erklärt der Heidelberger Wissenschaftshistoriker und Sachbuchautor Ernst Peter Fischer: "Was Mendel zeigen wollte ist, dass es keine Evolution gibt, sondern dass die Pflanzen von Gott ewig in derselben Form geschaffen sind." Erst viel später entstanden auf den Fundamenten Mendels und Darwins die moderne Genetik und die Evolutionsbiologie.

Leben nach der Botanik

Mendel versuchte nach 1865 auf Rat von Botanikern seine Ergebnisse mit Habichtskräutern zu wiederholen. Aber er scheiterte und beendete seine botanischen Experimente. Er wurde Abt seines Klosters und hatte viel mit Verwaltungsaufgaben zu tun. Aber seine Liebe galt weiterhin der Natur und der Wissenschaft, insbesondere der Wetterkunde und der Imkerei.

Buchempfehlungen:

Vererbung – Geschichte und Kultur eines biologischen Konzepts
Hans-Jörg Rheinberger und Staffan Müller-Wille, Fischer 2009

Genial - Ein Streifzug durch die Genetik
Ernst-Peter Fischer, Herbig-Verlag 2012

Stand: 31.05.2016, 12:26