Zu viel Medizin am Lebensende

Einsamer Krankenhausflur durch dessen Ende ein Krankenbett geschoben wird.

Zu viel Medizin am Lebensende

Von Annika Franck

Jeder Mensch stirbt - irgendwann. Oft wird kurz vor dem Ende in Krankenhäusern noch mal das ganz große Programm gefahren: Viele, intensive Behandlungen - häufig nicht zum Wohle des Patienten.

Zu lange, zu viel, zu wenig Nutzen: Wenn alte Menschen kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus liegen, besteht die Gefahr, dass sie übertherapiert werden. Sie bekommen noch eine Chemotherapie, Antibiotika, Bestrahlung - obwohl klar ist, dass diese Therapien keinen erkennbaren Nutzen mehr haben werden.

Dass dies keine Ausnahme, sondern gängige Praxis zu sein scheint, haben australische Wissenschaftler im International Journal for Quality in Health Care gezeigt. Sie haben 38 Veröffentlichungen der vergangenen 20 Jahre ausgewertet - mit Daten von 1,2 Millionen Patienten aus zehn Ländern. Nach ihrer Erkenntnis erhielten 33 bis 38 Prozent der Patienten am Lebensende Therapien, die ihnen keinen Nutzen mehr brachten. 33 Prozent erhielten innerhalb der letzten sechs Wochen vor ihrem Tod sogar noch eine Chemotherapie.

In vielen Ländern wird am Ende zu viel therapiert

Zwar sei es häufig unmöglich, genau abzuschätzen, wann ein Patient nun wirklich sterben werde, daher sei ein gewisses Maß an Über-Therapierung nicht vermeidbar, geben die Studienautoren zu. Dennoch deute die Datenlage darauf hin, dass während der letzten sechs Lebensmonate häufig noch aggressiv therapiert werde - statt auf palliative Versorgung umzuschalten, bei der der Komfort des Patienten im Fokus stehe.

Weil es sich bei der Untersuchung nicht nur um Studien, sondern auch um andere Veröffentlichungen wie Artikel oder Vorträge handelt, hält Prof. Norbert Frickhofen, Onkologe an der Helios Klinik in Wiesbaden, die Ergebnisse des australischen Artikels zwar nicht für repräsentativ, "aber qualitativ sehen wir diese Entwicklung schon, vor allem in den Gesundheitssystemen hoch entwickelter Industrienationen, die genügend Geld zur Verfügung haben".

Zwar gebe es keine verlässlichen Zahlen für Deutschland, das Problem sei aber durchaus vorhanden und bekannt. "Die Einweisung in eine Notaufnahme und auf die Intensivstation" gehören laut Frickhofen zu den häufigsten Über-Therapien in einer Situation, in der die palliative Versorgung oder die Unterbringung in einem Hospiz eher angezeigt wären.

Grund dafür seien teilweise die falschen Erwartungen der Patienten, die laut Frickhofen "alles für machbar" hielten. Auch die Ärzte tragen ihren Teil zu der Situation bei: Gerade in Notaufnahmen seien die Mediziner vor allem auf "Aktion" gepolt: "Sie haben dann oft gar nicht alle Informationen, um zu einer abgewogenen Entscheidung zu kommen", sagt Frickhofen. Gerade bei jüngeren Menschen, die absehbar sterben werden, falle es Medizinern besodners scher, "die Therapien zu begrenzen", betont der Medizinethiker Jan Schildmann von der Ruhr-Uni Bochum, das hätten Studien gezeigt.

Patient auf Intensivstation, die Hände liegen auf der Bettdecke und der Beatmungsschlauch ist zu sehen.

Am Lebensende wird die Palliativmedizin wichtig

Patientenwille findet nicht immer Beachtung

Hinweise fanden die australischen Autoren auch darauf, dass häufig nicht im Sinne des Patienten therapiert werde. Für "rechtlich und ethisch nicht akzeptabel" hält Schildmann die Situation, "dass der Wille von Patienten bei Behandlungsentscheidungen nicht berücksichtigt wird". Häufig helfe da auch keine Patientenverfügung, betont Frickhofen: "Oft decken diese die konkrete Situation nicht ab." Wichtig sei es daher, Vertraute in die eigenen Vorstellungen und Wünsche einzuweihen, möglichst mit einer Vorsorgevollmacht.

Aber wie schraubt man das zu viel an Therapien zurück - zum Wohle der Patienten und des Gesundheitsystems? "Das Thema muss publik gemacht und diskutiert werden", fordert Onkologe Frickhofen. Ärzte sollten zudem besser geschult werden, um die Situation des Patienten, der voraussichtlich bald sterben wird, besser einschätzen zu können. Dabei geht es auch um kommunikative Kompetenzen, das betont Medizinethiker Schildmann. Einig sind sich Schildmann und Frickhofen zudem darin, dass genügend Zeit - und somit auch Geld - vorhanden sein muss, um Entscheidungen in Ruhe treffen und mit Patienten und deren Angehörigen besprechen zu können.

Sparen im Sinne der Patienten

Was die kostspieligen Therapien angeht, so kann da manchmal etwas Sparsamkeit sogar ganz gut sein, darauf weist Frickhofen hin. "Gesundheitssysteme, die älteren Menschen keine Hüfte mehr bezahlen oder keine Dialyse werden ja stark kritisiert." Dabei stecke hinter der zunächst mal ökonomischen Entscheidung, etwas nicht zu machen, auch die Frage, ob es dem Patienten überhaupt etwas nützt. "Der Verzicht auf eine Therapie oder eine Behandlung kann aber die richtige Entscheidung sein", betont er. Und durchaus im Sinne des Patienten.

Stand: 29.06.2016, 14:03