Welt-Aids-Tag: Streit um Medikament zur HIV-Vorbeugung

Kapseln und Dose Truveda

Welt-Aids-Tag: Streit um Medikament zur HIV-Vorbeugung

Von Martin Winkelheide

"Kondome schützen". Das gilt nach wie vor. Seit Sommer aber ist ein Medikament zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem AIDS-Virus HIV zugelassen. Streit gibt es jetzt darum, wer die Kosten für das Medikament trägt.

Menschen mit einem hohen Risiko für eine HIV-Infektion können sich mit einem Medikament schützen. Die EU-Kommission hat das Mittel "Truvada" im August in der Europäischen Union zugelassen. Kurz zuvor hatte die Europäische Arzneimittelbehörde die Zulassung zur HIV-Vorbeugung empfohlen. Das Mittel kommt nach Angaben der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen AIDS-Gesellschaft vor allem für schwule und bisexuelle Männer mit häufigen ungeschützten sexuellen Kontakten infrage - eine "überschaubare Gruppe, in der aber ohne diese Schutzmöglichkeit viele HIV-Infektionen stattfinden", heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Organisationen.

zärtliches Paar

Truvada - für die meisten praktisch nicht verfügbar

Ärzte könnten das Mittel seit Oktober auf Rezept verordnen. Die Krankenkassen aber übernähmen nicht die Kosten. Damit sei die medikamentöse HIV-Vorbeugung "für die meisten Menschen faktisch nicht verfügbar. Denn eine Monatspackung kostet 820 Euro", kritisieren die Organisationen.

Keine Neuerfindung

Das Medikament Truvada ist nicht neu. Es wird seit 2005 zur Behandlung von Menschen mit HIV eingesetzt. In einer Pille sind zwei Wirkstoffe enthalten, die die Vermehrung des Virus im Körper blockieren. "Bei der Behandlung von HIV-Infizierten", so Stefan Esser von der Universitätsklinik Essen, "kommen in der Regel drei Wirkstoffe zum Einsatz. So wird vermieden, dass das Virus unempfindlich wird gegen die Therapie." Ärzte können inzwischen unter mehr als einem Dutzend Wirkstoffen wählen, um eine optimale Medikamenten-Kombination für Patienten zusammenzustellen.

Ein Mittel mit Nebenwirkungen

Paar hält Händchen

Truvada senkt das Ansteckungsrisiko für HIV deutlich

Vorbeugend eingenommen kann Truvada das Risiko, sich mit HIV anzustecken, um etwa 86 Prozent senken, belegen Studien. Vorausgesetzt, das Mittel wird täglich eingenommen. Sonst schützt es nicht zuverlässig. Das Mittel kann unerwünschte Nebenwirkungen haben, etwa allergische Reaktion, Verdauungs- oder Schlafstörungen. Es schützt nur vor HIV, nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis oder Gonorrhoe (Tripper). Daher empfehlen Mediziner den zusätzlichen Gebrauch von Kondomen.

Medikamente nur für Erkrankte

In den USA ist Truvada bereits seit 2012 zur Vorbeugung zugelassen. Aktuelle Studien zeigen, dass der Einsatz des Mittels Wirkung zeigt. So sank die Zahl der Neuansteckungen unter schwulen Männern in San Francisco. Auch in Ländern wie Frankreich, Südafrika, Kanada und Kenia setzt man auf einen verstärkten Einsatz des Mittels bei Hoch-Risiko-Gruppen zum Schutz vor HIV. Auch in  Deutschland könnte die  Pille helfen, die HIV-Vorbeugung in Deutschland auszubauen. "Sie bewahrt Menschen vor HIV und kann damit auch Folgekosten für das Gesundheitssystem sparen", betont der Mediziner Georg Behrens von der Deutschen AIDS-Gesellschaft. Die Krankenkassen aber übernehmen bislang nicht die Kosten für das Medikament.

Der Gemeinsame Bundesausschuss GBA, der darüber entscheidet, welche Leistungen von den Kassen bezahlt werden, sieht zur Zeit keinen Behandlungsbedarf. Er verweist in einer Stellungnahme auf die geltende Gesetzeslage: "Für Medikamente gilt, dass diese nur zur Krankenbehandlung zur Verfügung gestellt werden". Also nicht zur Vorbeugung. Die Deutsche AIDS-Hilfe und die Deutsche AIDS-Gesellschaft fordern daher, die Gesetze zu ändern. Nur wenn die Krankenkassen die Kosten für Truvada übernähmen, könnte verhindert werden, dass sich Menschen "auf eigene Faust" das Mittel im Ausland besorgten und es ohne ärztlichen Beistand anwenden. Denn damit, sagt Georg Behrens, wären "erhebliche Risiken" verbunden.     

Stand: 01.12.2016, 09:49