Macht Konsum dumm?

ARCHIV - Zwei Männer gehen mit zahlreichen Tüten durch eine Einkaufsstraße

Macht Konsum dumm?

Nach Angaben von Greenpeace kauft jeder Deutsche rund 70 Kleidungsstücke im Jahr. Bereichern uns solche Anschaffung im Übermaß? Oder tragen sie gar zur Verdummung bei?

Konsum macht dumm. Er schränkt uns ein in unserer Kreativität und führt dazu, dass unsere handwerklichen Fertigkeiten mehr und mehr verkümmern, meint Konsumpsychologe Wolfgang Schmidbauer. Smartphones und viele andere technische Geräte ließen sich nur noch schwer öffnen und reparieren. Sie gingen kaputt, ohne dass wir auch nur verstanden haben, wo eigentlich der Fehler lag. Statt einer Auseinandersetzung mit den Dingen, die wir konsumieren, ersetzen wir einfach durch neue.

Zwar gibt es bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu, inwiefern das ständige Kaufen immer neuer Sachen unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst, doch Schmidbauer ist überzeugt davon, dass Konsum den Menschen zum Negativen verändern kann. Beim heutigen Konsum ginge es nur um Machtgefühl, um ein Abgeben von Verantwortung und Einsicht. Und das auf Kosten anderer und der Umwelt - auch das sei dumm.

Wir konsumieren Möglichkeiten

Stephan Grünewald, Konsumpsychologe aus Köln, glaubt nicht, dass Konsum ganz generell dumm macht. Schließlich geht’s nicht ganz ohne. Kaffee trinken, Zeitung lesen, sich ankleiden, sich was gönnen sei sogar ein Zeichen von seelischer Gesundheit, wenn man konsum- und damit genussfähig sei.

Es gebe aber bestimmte Formen von Konsum, die uns tatsächlich dümmer machten. "Die Schuhe, die ich kaufe, wollen eingelaufen werden, die Zeitung, die ich kaufe, will gelesen und durchgearbeitet werden. Wir sind zum Teil in einer Kultur drin, wo wir nur noch die Option konsumieren. Das heißt wir kaufen Schuhe, laufen sie aber nicht mehr ein, die Zeitungen landen ungelesen im Altpapiercontainer. Und da wird Konsum zu einer ständigen Ergötzung der Möglichkeit sich irgendwann mal konkret in etwas rein zu begeben und dann macht es dumm."

Konsum macht keine Freude, sondern strengt an

Archivbild: Menschenmenge in einer Einkaufsstraße

Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg Niko Paech sagt: Das knappste Gut ist unsere Lebenszeit – die wir damit verschwenden, Ware zu kaufen, die wir nicht benötigen. Er sieht einen Zusammenhang zwischen der Handy-, E-Mail- und Reisen-Hektik und Depressionen.

"All diese handelsüblichen Konsumfetische werden ja genutzt, um das Glück zu steigern. Das stößt sich aber mit unserer knappsten Ressource, die noch knapper ist als Öl, nämlich: Zeit. Der Tag hat nur 24 Stunden. Wir können uns inzwischen mehr Dinge leisten als wir Zeit und Aufmerksamkeit dafür haben. Das überfordert uns systematisch."

Ein Lebensmodell ohne Konsum

Peach selbst lebt anders. Er hat keinen Fernseher, kein Auto, kein Handy. Er fliegt nicht und verkneift sich auch das Schnitzel. Für die einen mag er vielleicht ein humorloser Asket sein oder ein Partykiller. In Wahrheit spiele er aber Saxophon in zwei Bands, besuche häufig Konzerte, sitze gern im Wirtshaus und rede beim Bier mit Leuten. Er amüsiere sich gerne, muss deshalb aber nicht nach Australien jetten.

Für ihn ist das kein Verzicht. Die Theorie eines bescheidenen Lebens – man nennt das in der Wissenschaft Suffizienz – führe zu einem Paradox, nämlich zur Aufwertung des Konsums. "Was ich tue, tue ich lustvoll. Wir könnten doch sagen, cool ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht, also autonom ist und damit weniger erpressbar. Das Leben ist unbeschwerter ohne Fernseher, Handy, Mikrowelle, iBook. Befreien wir uns!"

Stand: 13.02.2017, 06:00